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Aus: Ausgabe vom 17.07.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Da war Bewusstsein drin«

Anmerkungen zur aktuellen Sprachverwüstung und -auflösung
Von Jürgen Roth
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Allein, aber nicht einsam: ZDF-»Sportstudio«-Arena frei von Dumm- und Krummschwätzern

Um die missliche, die überaus missliche Angelegenheit von hinten aufzuzäumen: Die Wahrheit sagte – und ich schreibe das, man dürfte es mir glauben, nicht gern – der allzu große Ehrenmann Uli Hoeneß am Finalsonntag, am 11. Juli, im »EM-Doppelpass« auf Sport 1. Die deutschen Spieler hätten sich, so Hoeneß, »in jeder Hinsicht unmöglich verhalten« und gegen den von Joachim Löw verordneten Schlafwagenfußball nicht aufbegehrt.

Dass das seinen Grund maßgeblich darin hat, dass in den Fußballinternaten nur noch bis zum Erbrechen angepasste, zu keinem eigenständigen Urteil mehr fähige Systemdienstleister gezüchtet werden, weiß jeder mittelmäßige Stammtisch, mögen die Fußballfeindenker von Zeit Online, der Süddeutschen Zeitung und den Nürnberger Nachrichten über ebenjenen auch rituell die gepuderten Näslein rümpfen.

Stefan Effenberg und Mario Basler (»Internate sind der größte Unfug, wo’s gibt«), diese schlimmen alten weißen Männer, hatten an angegebenem Orte drei Wochen zuvor darauf hingewiesen, dass der nach dem Match gegen die unfähigen Portugiesen allseits auf den Schild gehobene Robin Gosens (Sven Voss, ZDF, aus dem Hochsicherheitstrakt respektive vom »Home Ground« oder »Campo« in »Herzgosensaurach«: »Keiner redet mehr von Batman, sondern alle von Robin«) möglicherweise ein »Unterschiedsspieler« (Steffen Freund) gerade deshalb sei, weil er nie in einer solchen Anstalt eingesessen ist.

Irgendwas ähnliches könnte auch dem Bundes-Löw (»Am Ende sind’s oft einfach die einfachen Dinge«, »Das war ja auch das erforderliche Ziel«) durch die Rübe gebrettert sein, als er die nahezu geniale Einschätzung zu Protokoll gab: »Er ist irgendwie auch klar im Kopf.« Was sich von der bockstarken ZDF-Expertin Martina Voss-Tecklenburg allerdings schwerlich behaupten ließ. Die nämlich quasselte im »Sportstudio live«, das mit Kirmesbudenlichteffekten zur »Arena« (Jochen Breyer) aufgemotzt ward (sie lernen es nicht: Distinktion und Distinguiertheit gründen mehr denn je im Verzicht auf Entertainmentklimbim und das Prinzip Lautstärke), derart enthemmt und verwahrlost herum, dass einem fürwahr das Hören verging: »Wir stehen hinter dieser Mannschaft«, die indes »Positivität und noch mehr Herzbluten«, ja, äh, brauche, um »mit dieser guten Leistung (gegen Portugal, jW) nach oben powern« zu können, und stelle sich der große Erfolg ein, »kann das natürlich in einer Extremsituation in einem Land mehr Auslöser machen«.

Nein, die Bundestrainerin ist keine Ausnahme. Die Dumm- und Krummschwätzer haben im quasistaatlichen Fernsehen beinahe sämtliche Stühle besetzt, und kommt mal ein Abweichler wie Sandro Wagner daher, der griffige Formulierungen findet, die aufschlussreich und manchmal zugleich ein bisschen rätselhaft sind (während des Finales: »ein Riesenfußballspiel – inhaltlich«; ein andermal: Man müsse dem Gegner »Knoten in die Knie spielen«; oder: Ein Team verfüge über »extrem hohe und breite Außenstürmer« – physiologisch sehr interessant), marschieren sofort die Sittenwächter der Oberlehrereinheitspresse auf und machen deutlich, ihn lediglich gewähren zu lassen, »solange er nicht so überzieht wie einst Mehmet Scholl im Ersten« (sid).

Es ist wirklich praktisch alles zum Kotzen in dieser formierten Öffentlichkeit. Denn hatte man sich gerade am Kommentatorenduo Oliver Schmidt/Wagner fast delektiert (Schmidt und Gerd Gottlob gehören im großen und ganzen zweifellos zu den erträglichen unter den öffentlich-rechtlichen Zerebralartisten, Schmidt wählte zum Beispiel das plastische Bild vom »völlig aus den Fugen geratenen Elfmeterschießen«), so haute der sogenannte Taktikexperte Peter Hyballa (»dass du auch auf drei, vier Meter tiefziehen kannst«, »Wichtig ist, dass du kurzzeitig absinkst«, »Tiefenstopper«, »Spieler machen auch manchmal eigenes Torschusstraining im Spiel«, »eigentlich kein Freestyle im Spiel«) mit seinem Unsinn von wegen »Stationsfußball« und »Zugfußball« nach der allgemeinen Maßgabe, die Welt des Homo loquens mit Blödheit zu bombardieren, stante pede alles wieder in Stücke.

*

Der ausschließlich um seiner selbst willen simulierte Expertismus bleibt selbstverständlich nicht aufs TV beschränkt. Der neuste Witz in dieser durch Technik und Schnickschnack strangulierten und zugemüllten Welt sind Podcasts, in denen konfektionistische Gute-Laune-Bengel stundenlang ihren Senf abdrücken und zum pausenlosen Wasserlassen schreiten.

Konstitutiv für derlei ist, dass keine Sau mehr merkt, wie lächerlich die Überhöhung von buchstäblich nichts ist, wie Schwergewichtigkeit in ein unendliches Vakuum hineingepustet, nein: -gewuchtet wird, wie Belange von vollendeter Belanglosigkeit breitgeklopft werden, als seien sie Schnitzel (die man aber essen kann).

Sehr zupass kommen den eitlen Epikern des Schmonzes die im Zeitalter der Daten und Zahlen unbegrenzt zuhandenen Statistiken, und erhält der Augenschein, der in Sachen Fußball völlig ausreicht, mal sein Recht, wird popdumm herumgegurkt, Szene für Szene mit der Pinzette zerlegend. In »Kicker meets DAZN« vom 24. Juni beispielsweise gackerte es folgendermaßen vor sich hin: »Gnabry, der da so schwimmenderweise, das kann ich ja gut relaten, sich da immer wieder reinbewegt hat«, »einer, der zentral die Bälle dichtmacht«, »dann war die Seite von Gosens noch mehr dicht«, »ein Spieler, der immer die Breite geben will«, »Mannschaften, die erst mal primär gegen den Ball gehen« und so fort. Sie suhlen sich in ihrer Kindersprache, sie feiern die Regression im Gewand scheinbar fachlicher Analyse. Das ist die ubiquitäre Hochstapelei, die ohne die vermaledeiten, infinit expandierten Medien nicht vernehmbar wäre.

Die Welt ist alles, was gesagt wird. So nimmt keineswegs wunder, dass zum Abschluss der Europameisterschaft ein neunmalkluger Blogger namens Lucas (ausgerechnet:) Vogelsang in der grundsätzlich begrüßenswert altmodisch-gemütlichen Talkshow Doppelpass, weil er »in dem Moment das Momentum hatte« (Vogelsang), den erheblich staunenden Mitdiskutanten erklärte, Italien und England seien »keine Turniermannschaften«, nö, »das sind Trainermannschaften«. Moderator Thomas Helmer zeigte dem gar zu Gescheiten zwar nicht den Vogel, signalisierte indes deutlich, was er von diesem brandneuen karnickelscharfen Begriff hielt. »Trainermannschaften?« warf der Europameister von 1996 ein und zog die linke Augenbraue hoch.

*

Da innerhalb der Clique der zeitgenössischen Fußballjournalisten pro Jahr genau drei »originäre« Gedanken zirkulieren, kupfern diese Kretins unentwegt schamlos voneinander ab. Zwei Tage nach Vogelsangs ingeniösem Debattenbeitrag tauchte in der Süddeutschen Zeitung in einem Resümee zur EM konsequenterweise das Kreuzungswort »Trainerturnier« auf. Ich indes sage euch: Es war ein Mannschaftenturnier, ach was: ein Turnierturnier.

*

Apropos Einfallsarmut und Ideenmangel (notwendige Ergänzungen mangelnden Gegenstandsverstandes): Im Forum auf transfermarkt.de waren nach Englands zusammengegaunertem Halbfinalsieg über Dänemark Kommentare zu lesen, die in einem halbwegs brauchbaren, weil seinem Auftrag, die Tatsachen zur Sprache zu bringen, immerhin hie und da Genüge leistenden (Sport-)Fernsehen eine Selbstverständlichkeit wären. Da hieß es nebst Anmerkungen zu Laserpointern, von englischen Balljungen ins Spielfeld geworfenen zweiten Bällen und Pfiffen bei Hymnen minderwertiger Volksrepräsentanten (»Getoppt wird dieser Schwachsinn nur noch vom Fairplay-Geplapper der UEFA oder dem Knien oder den Armbinden von Leuten, die begeistert auf jede Art von Fairplay scheißen«): »Gibt es denn die Regel nicht mehr, dass auf eine Schwalbe eine Gelbe und ein Freistoß folgt? (…) Es ärgert mich, dass kein einziges Medium sich traut, das zu sagen, was ist, und man statt dessen von ›umstrittenen‹ und ›unglücklichen‹ Entscheidungen lesen und hören darf.«

Erwähnens- und erwägenswert gleichfalls diese Stimmen, die die vor moralischer Entzückung triefenden Ausführungen von Nick Hornby im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (nie zuvor habe es so wohlgeratene Three Lions gegeben, jubilierte Hornby vor dem Finale) konterkarierten: »Die Engländer haben den EM-Sieg verdient. Nach so einer ekligen, unehrenhaften und unsportlichen Aktion von Sterling in einem EM-Halbfinale passt diese Mannschaft perfekt zu einer UEFA-Trophäe.« – »Ich als Italiener spiele das Finale lieber gegen England, aber nicht so gerne gegen die UEFA.« – »Im VAR-Raum saß wohl die Queen.«

Und was war am Dienstag in einem Rückblick von Eike Schulz im »ZDF-Morgenmagazin« zu sehen? Na?

Erraten. Die in ein Bild vom VAR-Raum hineinmontierte Queen.

*

Die oft an ihn gerichtete Frage, wo das Positive bleibe, beantwortete Erich Kästner in einem Gedicht so: »Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.«

Hier ist es.

1) Florian Naß, der im Moment auch als Reporter bei der Tour de France an der Seite des fabelhaften Fabian Wegmann überzeugt, war im Achtelfinale England gegen Deutschland brillant – fair, moderat, human (»Es ist Sport«). Günther Koch simste mir: »Ein sensationell kompetenter und in jeder Hinsicht überzeugender Kommentator! Ich glaub’ es nicht! Ich glaub’, ich träum’! Rhythmus, Atmung, Druck in der Stimme – überragend!« 2) ZDF-Experte Christoph »Ja, also nein« Kramer am Abend des Endspiels (an dem laut britischer Presse 38 Millionen Pint flossen): »Wir sollten den Teamgeist nicht überbewerten, weil er erfolgsabhängig ist.« (Bester Satz während der vier Wochen – ein Nadelstich, und die Blase platzt.) 3) Dänemark – Finnland, Béla Réthy: behutsam, den Tränen nahe, selbstreflexiv. (»Es wird ein Ergebnis geben, es spielt keine Rolle, es zählt.«)

Doch Béla Réthy loben? So leicht ist das nicht. Was er durch Zurückhaltung hinkriegt, reißt er mit dem Arsch wieder ein. Nach dem Schlusspfiff zitierte er, ob absichtlich oder nicht, Herbert Zimmermanns Geschrei vom Sommer 1954: »Aus, aus, das Spiel ist aus.« Selten waren sechs Wörter derart deplaziert.

*

Der türkische Sprachwissenschaftler Tahir Balci hat jüngst in den »Schriften zur Sprache und Literatur« (Nummer V, Istanbul 2021, online verfügbar) »Einspruch gegen den Wirrwarr der Begrifflichkeit der angewandten Linguistik« und insbesondere gegen die von seinem Dresdner Kollegen Simon Meier-Vieracker aus der Taufe gehobene »Fußballinguistik« (fussballlinguistik.de) erhoben. Sie sei – übrigens gleich vielen anderen im Zuge der innerhochschulischen »Ausdifferenzierung« (Habermas) vom Himmel gefallenen Bindestrichlinguistiken – »inhaltlich und formal unhaltbar«, vulgo: eine Disziplin, in der man sich mit aufgeblasener Pseudoforschung beschäftige. Nähme man das Fach »Fußballinguistik« ernst, spräche nichts dagegen, auch eine »Basketballinguistik«, eine »Volleyballingustik«, eine »Handballinguistik«, eine »Tischtennislinguistik« und Hunderte weitere Subsubsparten dieser Art zu »kreieren« (Balci), sprudelnde Steuergelder oder Drittmittel freilich vorausgesetzt.

Balci hat zumal in zeitdiagnostischer Hinsicht recht. Allerorten werden neue vorgebliche wissenschaftliche Felder abgesteckt. Zum Beispiel in der ­Soziologie sind seit einiger Zeit die nämlichen ­Narreteien zu beobachten. Da ist von der Pflanzensoziologie, der Forstsoziologie, der »davon sehr vermutlich deutlich zu unterscheidenden Waldsoziologie« (Dirk Braunstein) bis zur, um sie wahrlich nicht zu vergessen, Maritimen Soziologie praktisch alles vorrätig.

Die »Fußballinguistik« ist so überflüssig wie das von der CDU/CSU im Falle eines Wahlsiegs geplante »Weltraumgesetz«. Um der Sprache des Fußballs oder dem wichtigtuerisch so genannten »Fußballdiskurs« auf die Schliche zu kommen, genügen halbwegs geputzte Ohren, starke Nerven und die etwas ältere Sprachkritik, die mit Kategorien wie grammatikalischer Richtigkeit, Stil, gedanklicher Kohärenz und Ausdrucksempfinden hantiert, voll und ganz.

Wenn man seit Mitte der neunziger Jahre regelmäßig etwas genauer darauf hört, was zuvörderst im Fußballeitmedium Fernsehen zusammengeredet wird, bleibt einem eine gravierende Veränderung nicht verborgen. War die Sprache des Fußballs beziehungsweise jene seiner journalistischen Vermittlung ungefähr bis zur Jahrtausendwende phraseologisch verarmt, verklebt, ja geradezu einbetoniert, hat sie sich seither Schritt für Schritt gelockert – und zwar nicht zu ihren Gunsten. Heute ist sie vollends enthemmt, formlos, verschludert und zeugt von einem flächendeckenden geistigen Ruin im Zeichen enervierender Nonchalance und simulierter Jugendlichkeit bei gleichzeitiger bürokratieaffiner Verhunzung.

Die Sendestrecken während der Europameisterschaft lieferten fuderweise Belege. Der Allesgucker (ich bin einer) ächzte unter dem Dauerbeschuss mit zerfaserten, amorphen, zerstörten Formulierungen und sehnte sich, man glaubt es selber nicht, nach den zwei einzigen Gestalten, die noch in der Lage sind, einen deutschen Satz zu bilden, durch den Bedeutung und Sinn hindurchschimmern und der eine auch in der Rede geforderte Struktur besitzt: Jochen Breyer und Katrin Müller-Hohenstein vom ZDF.

Nehmen wir zunächst den inflationären Einsatz etlicher topmoderner Adjektive, die auch adverbial gebraucht werden oder als amplifizierendes Präfix dienen können – »absolut«, »mega« et cetera: »Hier stehen zwei absolute Teams auf dem Platz.« (Tom Bartels; übrigens bestenfalls ein absoluter Nonsenssatz) »Ein absoluter Abschlussspieler.« (Thomas Broich) »Ein absoluter Faktor im Team.« (Claudia Neumann) »Das ist, was man jetzt bei Italien sieht, das ist einfach der absolute Flow.« (Christoph Kramer) »Aber auch nicht der Megadruck, der von Wales kommt, das muß man zur Relation auch dazugeben.« (Gerd Gottlob) »Megagespannt«, »megaspannend« (Inka Grings). Ein Foul sei »megaschmerzhaft« (Bartels, der offensichtlich mit einem Stapel Bohlen einen drübergebraten bekommen hat). »Elfmeter ist ’ne megaspezielle Situation.« (Kramer) »Megaüberzeugt.« (Per Mertesacker, der irrtümlich für einen reflektierten Kopf gehalten wird, sich jedoch durchgängig der konformen Laber- und Bruchbudengrammatik und eines äquivalenten Wortschatzes bedient) »Insgesamt die Defensive der Dänen echt sicher.« – »Ball muss er aber echt schnell spielen.« (beide Gottlob) »An dieser Stelle auch echt Empathie.« (Jessy Wellmer, echt »ey«) Daneben natürlich »geil« (vor allem bei Urs Meier, Stefan Effenberg, Almuth Schult und Christoph Kramer im Dauergebrauch) sowie »krass« (Mertesacker: »So richtig krass auffallend fand ich ihn bis jetzt noch nicht.«) und das mit einer Hausse gesegnete »brutal«.

Ausgestorben ist die Flexionsform des Komparativs, der wird flächendeckend mit »mehr« gebildet. Den richtigen Numerus kennt niemand mehr, übrigens republikweit, man lausche bloß dem mächtig voranschreitenden absoluten Megasprachvernichter Markus »Ich bin damit fein« Söder, der dito als Artikeltilger seit Jahren Vorbildliches leistet und neben seinem Bezwinger Armin Laschet (»Wenn Krise kommt«, am 24. Juni im Bundestag) unsere Sportmenschen inspiriert haben dürfte, sowohl auf den bestimmten als auch auf den unbestimmten Artikel rund um die Uhr zu pfeifen: »Toller Blick von der Tribüne runter – find’ ich wunderbare Perspektive.« (Gottlob) »Die Mannschaft, die Schweiz mit 3:0 besiegt hat«, »direkt nach Anstoß« (beide Réthy) – und so weiter.

Die Angela Merkel der Sportkommentatoren hält Artikel womöglich für sexistisch kontaminiert. Oder sind sie Claudia Neumann überaus lästig, weil sie den Redefluss rhythmisieren und ihm Gestalt geben? Das könnte die »Ausgangsbasis« (Neumann) für Klopper wie »Schweiz hat natürlich Anspruch auf die K.-o.-Runde.« (nebenbei: Warum denn?), »Publikum natürlich etwas ungeduldig« und »Stimmung wird hochgehalten in diesem Kader, Teamgeist bleibt auf optimaler Temperatur« sowie für unzählige mehr sein.

Die Vorzeigefrau vom ZDF überflügelt allerdings selbstverständlich die NDR-Kanone Alexander Bommes deutlich. Bommes pflegt einen entsetzlichen Jargon der Selbstanhimmelung, sein Repertoire der Sprachzerstörungs- und -auslöschungsmittel ist unerschöpflich. Pronomen, Präpositionen und Hilfsverben findet er scheiße, nur wenn es gar nicht anders geht, lässt er sie gewähren. An praktisch jeden »Satz« hängt er »im Endeffekt« dran (»Was kommt da jetzt für ’ne Erleichterung rein oder für eine Sachlichkeit im Endeffekt?«), oder er stopft ein »definitiv« oder die Modalpartikel »natürlich«, zu der er ein fetischistisches Verhältnis hat, in ihn hinein, was unwillentlich anzeigt, dass des Satzes »Inhalt« unter keinem Elektronenmikroskop auffindbar wäre.

Zudem ist der profunde Verächter der Syntax, der mit seinem endlos verrammelten Gestammel eine wahrhaft neuartige Form des journalistischen Agrammatismus kultiviert, natürlich der Ansicht, es sei dufte, die Artikel, diese bescheuerten Dinger, so im Sinne von Streetcredibility und Spätjuvenilbumsfidelität total geil wegzulassen: »Bei WM hat er das schon.« – »Das is’ nix für Training aufm Platz, sondern für Video dann nur?« – »Kurzen Kontakt haben wir gesehen, wäre VAR-Ding geworden?« – »Hast du gestartet mit Kontakt zu ihm?« – »Warum hast du da Stirn gerunzelt?« Ad infinitum.

Ein durchaus nicht letztes: Wo die dämonische Vernichtung der »Tiefenstruktur« (Dieter E. Zimmer) der Sprache qua Austrocknung und Schrumpfung obwaltet, sucht sich die Gepeinigte eine Kompensation. Und also schäumen die Pleonasmen allerorten, geradezu lustvoll werden die Doppel-Whopper in den Äther gedroschen: »Eine Monstermegachance.« (Naß) »Absoluter Topinnenverteidiger.« (Bartels) »… mit deinem ehemaligen Exkollegen.« (Jessy Wellmer zu Bastian Schweinsteiger) »Provozieren die Kroaten noch mal, ins offensive Pressing zu gehen?« (Neumann) Und freilich Bommes: »empathisch hineinversetzen«, »einer unserer Hauptprotagonisten«, »dann lass uns das noch mal komprimiert zusammenfassen«.

Ich gehe nicht fehl, wenn ich behaupte, dass die Feststellung »Da war Bewusstsein drin« (Florian Naß über einen Bodycheck) hinsichtlich der grassierenden rhetorischen Erosion eine falsche ist. Die Unsprechmaschinen haben übernommen.

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er ist regelmäßiger Autor des jW-Feuilletons und einziger Träger der jW-Ehrennadel für hervorragende Sportberichterstattung. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 16./17. Januar 2021 »Die nächste goldene Ananas«, ein Rückblick auf das Sportjahr 2020.

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