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Aus: Ausgabe vom 17.07.2021, Seite 12 / Thema
Die Globalisierung und ihre Gegner

Der Anfang vom Ende

Als die Macht sich nicht in Harmonie auflösen wollte: Die Proteste von Genua 2001 und ihr Nachhall
Von Stefano G. Azzarà
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Die brutale Repression des italienischen Staates kann die nachfolgende Krise der No-Global-Bewegung wie der Linken insgesamt kaum vollständig erklären. Entscheidend ist eine mangelnde Analysefähigkeit der damaligen Protagonisten (Genua während des G8-Gipfels, 20.7.2001)

Vor zwanzig Jahren, im Sommer 2001, am Vorabend des G8-Gipfels in Genua, schien die Zukunft in Italien – und von Italien aus gesehen, die Zukunft der Welt – gerade erst begonnen zu haben. »Eine andere Welt ist möglich«, war die Parole, der leere Signifikant (Ernesto Laclau), der sich bei jungen Leuten, die gerade politisch aktiv geworden waren, ebenso verbreitete wie bei den alten Kämpfern der tausend verlorenen Schlachten. Und dieser Slogan kündigte einen radikalen Wandel an, der endlich in greifbare Nähe rückte.

Der Bruch war bereits in Seattle erfolgt, wo 1999 große Demonstrationen die Ordnung der neoliberalen Global Governance – die Ordnung von WTO, IWF, Weltbank und den transnationalen Konzernen – im Herzen des westlichen Imperiums in Frage gestellt hatten. In Italien war die radikale Linke bereits ziemlich gespalten, hielt sich aber bei gut zehn Prozent der Wählerstimmen und schien gar auf dem Vormarsch zu sein – so sehr, dass sie mit ihren Forderungen manchmal sogar die gemäßigte Linke beeinflussen und die öffentliche Debatte über die Themen Arbeit, Umwelt und Rechte prägen konnte.

Wiedergeburt der Linken

Im Zentrum dieser Linken stand vor allem Rifondazione Comunista, eine etwas eklektisch zusammengesetzte Partei, die vorschlug, die Tradition des italienischen Kommunismus und des Eurokommunismus zu erneuern und sie mit den neuen Forderungen nach sozialer und ökologischer Gerechtigkeit und mit einem neuen System der Bedürfnisse zu verbinden. Diese Partei, die wenige Jahre zuvor den Mut aufgebracht hatte, aus der Mitte-links-Koalition auszuscheren und die Regierung zu verlassen und dafür einen hohen Preis in Gestalt einer medialen Hetzjagd gezahlt hatte, war gerade deshalb in der Lage, die Forderungen nach Veränderung breiter sozialer Schichten aufzugreifen, die infolge der Widersprüche der kapitalistischen Globalisierung in Bedrängnis geraten waren: Traditionelle Lohnarbeiter, die von Outsourcing und Arbeitskostensenkungen überrollt wurden, eine junge Generation neuer, dank zahlreicher kapitalfreundlicher Arbeitsmarktreformen prekär Beschäftigter, diskriminierte Minderheiten und partikulare Gruppen auf der Suche nach lang ersehnter Anerkennung.

Fausto Bertinotti, der Sekretär dieser Partei, mit einem unbestreitbaren Charisma, aber zudem mit einer fragwürdigen Analysefähigkeit ausgestattet, ließ keinen Zweifel daran, was auf dem Spiel stand und welche Szenarien in dieser neuen von der »Bewegung der Bewegungen« eröffneten Phase vor Augen standen: »Die Globalisierung ist durch eine strategische Unsicherheit gekennzeichnet. (…) Auf ökonomischer Ebene gibt es Anzeichen einer ernsthaften Krise (…) Auf der anderen Seite registrieren wir seit Seattle ein Wachstum von Bewegungen jeder Art (…) Überall flammen die Arbeiterkämpfe wieder auf (…) Bei den prekär Beschäftigten gibt es neue Formen des Kampfes. Das sind keine isolierten Episoden, sondern es stellt eine neue Tendenz dar (…) überall verbreitern und vertiefen sich die Bewegungen (…) Wir erleben also ein Tauwetter, angesichts dessen wir unsere Aufgaben definieren müssen, ausgehend von dem Treffen in Genua, das wir nicht nur als eine Gelegenheit zum Kampf, sondern als ein politisches Laboratorium für alle Linken betrachten wollen (…), denn dort findet sich das Lebenselixier für die Wiedergeburt der Linken« (Nationales Politisches Komitee des PRC vom 26. Mai 2001).

Franziskanischer Kommunismus

Das war mitnichten eine improvisierte Stellungnahme, sondern eine Argumentation, die einen dichten theoretischen Hintergrund besaß. Es waren die Jahre, in denen Toni Negri und Michael Hardt mit ihrem höchst erfolgreichen Buch »Empire« eine generelle Kritik der neuen ontopolitischen Ordnung der Welt formulierten und das Heraufziehen eines Stadiums des transnationalen Kapitalismus ultraimperialistischen Typs sowie eine originelle Neukonfigurierung des antagonistischen Subjekts verkündeten: in ihrer Sprache die »Multitudes«.

Die nomadischen Subjekte, noch vor der Mehrwertabschöpfung bereits auf der Ebene ihrer kognitiven Produktivität ausgebeutet, könnten mit ihrer formenden Macht gleichwohl die gegebene Ordnung jederzeit untergraben, und das gleich auf mehreren Wegen: zunächst durch den »Exodus« und die Errichtung von Inseln der Autonomie – neue Gestalten von »Sozialarbeitern«, die, wenn auch unbewusst, begännen, eine Form des Kommunismus zu praktizieren, in dessen Zentrum weniger die Marxsche Lehre und sicherlich noch viel weniger die leninistische stand, als vielmehr eine franziskanische Botschaft der Authentizität und Brüderlichkeit oder gar der universellen Liebe. Auch viele andere Intellektuelle, von Serge Latouche bis Naomi Klein, von Noam Chomsky bis Vandana Shiva glaubten zu jener Zeit, in den sich im Westen (und auch außerhalb) vervielfältigenden Umwälzungen die Keime einer neuen alternativen Weltordnung zu erblicken: einer kreativen und sich ständig verändernden Ordnung, gegründet auf die Volksmassen und die Universalisierung der Rechte.

Dabei herrschte eine unvermeidliche Verwirrung in diesen Bewegungen in ihrem Entstehungsstadium und angesichts ihres überwältigenden Enthusiasmus, von dem sich nicht wenige Exponenten einer ganzen Generation – der »besten Jugend« des Landes in jenen Jahren, um einen Ausdruck zu verwenden, der bereits für die Protagonisten des Zyklus der Kämpfe zwischen 1968 und 1977 verwendet wurde – bewusst hatten anstecken lassen. Ging es darum, sich der Globalisierung als solcher im Namen des Widerstands lokaler Gemeinschaften gegen transnationale Logiken zu widersetzen, wie schon der von vielen beanspruchte Titel »No Global« und die Beteiligung vieler lokaler Oppositionsbewegungen wie »No Tav« (Ablehnung des Eisenbahnprojekts Turin-Lyon), »No Ponte« (Ablehnung des Brückenbauprojekts zwischen Sizilien und Kalabrien), »No Mose« (Ablehnung einer Hochwasserschutzanlage vor Venedig) und so weiter anzudeuten schienen? Oder ging es darum, ein alternatives Modell der Globalisierung zu präsentieren, das die Volksautonomie gegen die finanz- und industriekapitalistischen Oligarchien und deren hyperproduktives und intensives Entwicklungsmodell sowie deren antidemokratisches Paradigma von »Governance« in den Mittelpunkt stellen würde?

Trotz dieser Unklarheiten schien jedoch nichts diese revolutionäre Welle aufhalten zu können: »Der Wind hat sich gedreht« war nicht zufällig das Motto des neuen Kurses von Rifondazione gewesen. Auf den Schub dieses Prozesses zählend brachte sich die Partei in jener Zeit wieder ins Spiel und setzte auf die Möglichkeit, die »softe« neoliberale Politik von Mitte-links zu untergraben, bis dahin, dass sie die gemäßigte Linke in Vorwahlen herausfordern wollte, um wieder Regierungsgeschäfte zu übernehmen, in der Überzeugung, der Politik eine soziale und progressive Richtung im Namen einer »alternativen Gesellschaft« geben zu können.

Nutzlos bis schädlich

Heute, zwanzig Jahre später, ist vom Enthusiasmus und von den Kalkülen der Linken buchstäblich nichts mehr übrig. In Italien erreicht die organisierte Linke maximal zwei Prozent, wenn sie zu Wahlen antritt, ist gespalten und zänkisch, selbstreferentiell und ineffektiv. Dergestalt ist sie im Grunde nutzlos, wenn nicht sogar schädlich. Fausto Bertinotti befindet sich im Ruhestand, auch wenn er nicht aufgehört hat daherzudozieren. Toni Negri denkt immer noch – wie er es nach den 1970er Jahren oft tat – über angemessenen Organisationsformen für die Bewegungen nach. Konservative und Reaktionäre aller Art, die eigentlich von der Welle des Wandels hinweggefegt werden sollten, halten statt dessen auf verschiedenste Weise die Zügel fest in der Hand, denn das gesamte politische Feld hat sich in ganz Europa stark nach rechts verschoben.

Inzwischen ist die Globalisierung unaufhaltsam vorangeschritten und hat mit der Ausbreitung der digitalen Kommunikation und der sozialen Netzwerke, die jene des Warenverkehrs und der Finanzströme begleiten, aber auch die Formen des Bewusstseins und die ontologische Verfassung der Politik selbst bedingen, das Gesicht des Planeten weiter verändert. Jedoch ganz anders, als der Beginn der optimistischen Clinton-Ära verhieß. So bestätigte sich das Fortbestehen der westlichen Vorherrschaft gemäß den Zielen des ursprünglichen imperialistischen Entwurfs insbesondere nach den Ereignissen vom September 2001 in New York, die den Vereinigten Staaten die Gelegenheit boten, die Welt mit einer neuen Welle militärischer Aggressionen zu überziehen. Doch gleichzeitig begünstigten diese Entwicklungen inmitten von tausend Impulsen und Gegenimpulsen eine unerwartete Verschiebung: den Aufstieg einiger ehemals kolonial beherrschter Gebiete, der eine deutliche Umverteilung von Reichtum und Macht im globalen Maßstab nach sich zog, die dem Westen schrittweise Ressourcen und Raum nahm, so dass der sich mit neuen Protagonisten auf der internationalen Bühne zu arrangieren hatte, in erster Linie mit dem China der Ära nach Deng Xiaoping. Das hatte Umstrukturierungen zur Folge, die rasch auf alle kapitalistischen Länder zukamen; mit anderen Worten, eine Modernisierung der Produktionsverhältnisse, mit der die herrschenden Klassen des Westens versuchen würden, den durch das neue Szenario verursachten Schaden zu verringern, indem sie die Kosten dieser Verringerung des verfügbaren Reichtums auf die untergeordneten Klassen, aber auch auf die Mittelklassen abwälzten.

Planetarer Klassenkampf

Genau dieses Phänomen – eine gigantische planetarische Revolution, die eine ebenso planetarische Klassenreaktion auslöste – hat somit zu einer Transformation der eigentlichen Globalisierungskritik von links nach rechts geführt. Die ideologische Dekadenz der Mittelschichten und des von den kapitalistischen Konzentrationsprozessen proletarisierten Kleinbürgertums bildete in den vergangenen Jahrzehnten die Grundlage für jene »populistische Revolte«, ein Phänomen, dessen Inhalt nicht in einem unwahrscheinlichen Erwachen des »Volkes« (was ist das?) besteht, sondern in der Anprangerung des »Verrats« der traditionellen Eliten, die ab einem bestimmten Punkt unfähig wurden, sich selbst dadurch zu schützen, dass sie mit den Brosamen der neokolonialen Dividenden auch den schwächsten Teil ihres eigenen historischen Blocks bei Laune hielten (also jene Basis, die in Notzeiten ihre politische Manövriermasse darstellt). Diese Unfähigkeit wurde nach der schweren Überproduktionskrise und deren finanziellen Auswirkungen im Jahr 2008 noch offensichtlicher, als selbst den optimistisch­sten Liberalen die Unmöglichkeit und Nutzlosigkeit deutlich wurde, in einer Situation knapper Gewinnspannen aufgrund wachsender Konkurrenz, aber angesichts extrem günstiger Kräfteverhältnisse gegenüber der Arbeiterklasse eine reformistische Politik der Umverteilung zu betreiben. Diese Tendenz war im Vergleich zum Kapitalismus der vorangegangenen Phase deutlich regressiver. Aber sie wurde begünstigt und legitimiert durch ideologische Formen, die für die Konzentrationsprozesse funktional waren und sich als sehr effektiv erwiesen: Meritokratie, Technokratie, übersteigerter Wettbewerbsindividualismus, neue digitalisierte Subjektivitäten; ganz zu schweigen von dem allgemeinen ideologischen Kontext des »Clash of Civilizations« zwischen dem Westen einerseits und dem Islam im Kontext des »Kriegs gegen den Terror« andererseits.

Vor diesem Hintergrund erfolgte die »Revolte« gegen die Kaste, oder besser gesagt gegen die vielen Kasten, die nicht mehr in der Lage waren, das Modell des 20. Jahrhunderts mit seinen perversen Formen der Umverteilung auf Kosten des Rests der Welt zu verteidigen, und die folglich bestraft wurden: in der politischen Sphäre die traditionellen Massenparteien, die nun per direkter »digitaler Demokratie« und spontaner Mobilisierung »freier Bürger« erheblichen Gegenwind erfahren; in der ökonomischen Sphäre die globalen Finanzeliten, denen der Mythos vom national produktiven, an die Scholle gebundenen Unternehmertum entgegengesetzt wird; in der kulturellen Sphäre die akademische Kaste, der eine Art regressive Verzerrung der anarchischen Gegenkultur der 70er Jahre und das Gespenst des autodidaktischen, im Netz ausgebildeten Freidenkers entgegentritt. Ein Phänomen also, das in erster Linie als Spaltung des liberal-konservativen Bündnissystems und als Auflösung des desillusionierten liberal-progressiven Lagers selbst zu verstehen ist, an dessen Stelle seit einiger Zeit populistische Außenseiterfiguren wie Donald Trump und tausend andere ähnliche Gestalten treten.

Souveränismus

Die neue Lage hat das Aufkommen einer neuen Welle der Globalisierungskritik begünstigt, die sich allerdings weit von »Genua« entfernt und in Gestalt des sogenannten Souveränismus rekonfiguriert hat, also als protektionistische Abschottung auf nationaler oder regionaler Ebene, der sich in der Rhetorik von der Verteidigung gegen die Aggression oder Invasion sowie den unfairen Wettbewerb aus der »nicht-zivilisierten« Welt übt, aber in Wahrheit nicht das Ende der Globalisierung (des »Globalismus«, wie die Rechte in den 1970er Jahren zu sagen pflegte) anstrebt, sondern ein neues Modell derselben ankündigt: ein Modell unter dem Banner des Partikularismus, in dem der zugrundeliegende imperialistische Antrieb auf den Luxus der Hegemonie und des universellen Konsenses verzichten kann und sich in den offen autoritären Formen des direkten westlichen Kommandos und der expliziten Rekolonisierung der Welt ausdrückt. Unterm Strich hat sich also zwanzig Jahre später der Sommer 2001, der den Beginn einer neuen Welt anzeigen sollte, für diejenigen, die auf diese neue Welt hofften, als der Anfang vom Ende erwiesen, d. h. als ein gigantischer Rückschritt, der die Gestaltungsbedingungen der Politik in den kapitalistischen Ländern zum Schlechteren verändert hat.

Bei diesem katastrophalen Ergebnis ist sicherlich, vor allem was Italien betrifft, die Wirkung der militärischen Unterdrückung von Protestbewegungen durch den Staat oder Teile des Staates zu berücksichtigen, der, da er sich in ernsten Legitimationsschwierigkeiten befand, keine Störung des herrschenden Narrativs dulden konnte.

Dieser Umstand offenbarte die Widersprüche und die Heuchelei des liberalen Anspruchs, die universellen Menschenrechte zu vertreten: Diejenigen, die täglich nichtliberale Länder für ihren Umgang mit dem Individuum als autoritär und grausam beschimpfen, wandten ihrerseits die brutalsten Formen des Autoritarismus an, als die bürgerliche Ordnung in Frage gestellt zu sein schien. Was an polizeilicher und staatlicher Gewalt in Genua unter der rechten Berlusconi-Bossi-Fini-Regierung geschah – der Mord an Carlo Giuliani, die gewaltsamen Angriffe auf friedliche Demonstrationen und die Massenfolterungen in der Bolzaneto-Kaserne und der Diaz-Schule – hatte eine höchst effektive Wirkung bei der Verfolgung ihres repressiven politischen Ziels. Kurzfristig verhinderte es zwar nicht die Entwicklung der Bewegung, die kurz darauf mit der Kraft einer ungestümen Welle in den Ozean jenes globalen Pazifismus hinüberschwappte, der den Krieg gegen Afghanistan und dann gegen den Irak anfechten würde und damals, 2003, die größten (und bisher letzten) Massenproteste der Nachkriegszeit hervorbrachte. Auf lange Sicht jedoch setzte diese Machtdemonstration den Standard und wies den Weg zu einem Modell für den Umgang mit politischen und sozialen Widersprüchen als Problem der öffentlichen Ordnung. Sie sollte in die neoliberale Politik der Konfrontation mit dem Dissens inkorporiert werden, bis sie mittels entsprechender Gesetzgebung in juristische Formen gekleidet wurde, die in Italien jede Art des Protests und der Konfliktausübung untersagt oder zumindest erheblich erschwert (man denke an Straßensperren, die als Straftatbestand gewertet werden, der mit einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Jahren bewehrt ist).

Alte Gespenster

Es spendete jedoch falschen Trost, wenn man die Krise der No-Global- bzw. Alter-Global-Bewegung sowie der Linken allgemein allein der Repression zuschriebe. Die ist zwar beunruhigend, weil sie die Kontinuität eines faschistischen Habitus innerhalb des italienischen Staatsapparats anzeigt, der als strukturell betrachtet werden muss. Die Repression war wichtig und hat ein- oder zweitausend kämpfende Aktive hart getroffen, um viele Millionen zu erziehen. Und doch, nicht weniger wichtig als die Brutalität des Feindes, der seinen Job als Feind macht, sind andere Faktoren; Faktoren, die explizit gemacht werden müssen und die uns zwingen, den Initiatoren und Protagonisten der Protestbewegung ernsthafte Schwächen und Fehler in der Analyse zu attestieren.

Da ist erstens die Bewertung der Stärke des Gegners. Der Neoliberalismus war keineswegs am Ende seiner Kräfte, wie mancherorts optimistisch geglaubt wurde. Seine Krise bestand damals wie heute, aber diese Krise war und ist auch seine Stärke, denn sie drängte den Neoliberalismus dazu, seine Fähigkeit zur flexiblen Anpassung an jedweden Kontext zu entwickeln: heute universalistisch, morgen partikularistisch, übermorgen eine Synthese aus beidem; bereit, reale Bedürfnisse zu befriedigen und sogar sich selbst zu kritisieren, um sich zu regenerieren, indem er sich notfalls auch als erster Gegner der Globalisierung selbst präsentiert. Ein Wendepunkt stand in der Tat bevor, aber es handelte sich, im Westen jedenfalls, um eine scharfe Wendung nach rechts. Diese Unterschätzung hatte nicht nur allgemeine Auswirkungen auf die politische Kultur (weil sie eine utopistische Gleichgültigkeit gegenüber der Analyse der Kräfteverhältnisse und damit gegenüber der Realität artikuliert), sondern auch zur Folge, dass Tausende von Jugendlichen ohne Organisation und Schutz verheizt wurden. Es ist ein schwerwiegender Fehler, dass niemand auf seiten der Linken das jemals anerkannt hat, vor allem nicht diejenigen politischen Kräfte, die sich immer noch auf jene Tage berufen und die ihre letzte Existenzberechtigung aus ihrer klagenden Erinnerung zu ziehen scheinen: »Wir hatten recht, aber wir wurden nicht verstanden« (Bertinotti im Interview mit der Tageszeitung Domani vom 7. Juli 2021, in dem er sich wie immer durch eine leere, im Grunde reaktionäre Rhetorik – »scharlachrote Worte«, wie man früher sagte – auszeichnete. Alles noch schlimmer machte er in einen Gastbeitrag zur Unterstützung einer »Farbenrevolution« in Kuba, die Repubblica am 13. Juli mit Genugtuung veröffentlichte).

Die sich häufenden Proteste und gar Revolten jener Tage waren ohne Zweifel eine Reaktion auf die laufenden Transformationen und die wachsenden Widersprüche. Doch mehr als den Beginn einer neuen Welt oder, realistischer, eines neuen Zyklus von Kämpfen reifer und bewusster Subjekte repräsentierten sie in Wirklichkeit den letzten Rest an Mobilisierungsfähigkeit der alten Linken des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit anderen Worten, es war ein letztes Aufbäumen, der Abgesang der alten Welt, der alten antagonistischen Subjekte, der alten Traditionen und politischen Kräfte, die nach dem Modell des 20. Jahrhunderts organisiert waren; ein Modell, das von Negri und Bertinotti im Namen einer neuen Spontaneität der »Multitude« kritisiert und abgelehnt wurde, und von dem sie hofften, dass es genau in dem Moment verworfen würde, als es – paradoxerweise – massenhaft zur Anwendung kam.

Es war, kurz gesagt, ein Phantom der fordistischen Welt, das angesichts postfordistischer Umstrukturierungen dahinsiechte; das Phantom der alten politischen Identitäten, hervorgegangen aus dem internationalen Bürgerkrieg und der modernen Demokratie mit ihren Ideologien und ihrer Symbolik. Jene antike Welt der Parteien, Gewerkschaften und Verbände, die mit der neuen Phase weitgehend nicht mehr in Einklang stand. Die brutale Unterdrückung in Genua war eine so klare und endgültige Niederlage, dass sich jede Möglichkeit verlor, sich zu erneuern, sich der Zeit anzupassen und sich mit den jüngeren Generationen zu verbinden, ihnen Tradition und Erfahrung weiterzugeben. Infolgedessen wurde jede Bindung an die historische und ideelle Kontinuität in Italien gekappt und diese neue Generation mit der mühsamen Aufgabe zurückgelassen, unter Bedingungen extremer politischer Verwirrung bei Null anfangen zu müssen.

Die größte Schwäche jener Zeit allerdings bestand in der fehlerhaften Gesamtanalyse des Phänomens der kapitalistischen Globalisierung. Auf die Verwirrung bei der Definition von »No Global« als Bewegung, die auch lokalistische und partikularistische Formen ausbildete (von denen nicht wenige im Zuge der nachfolgenden populistisch-souveränistischen Welle nach rechts gezogen wurden), ist bereits hingewiesen worden. Der andere Aspekt der Bewegung, jener bewusst »alter-globalistische« Zug, war auch nicht viel solider, da sich seine Anhänger die erhoffte Alternative zur Globalisierung in Formen vorstellten, die selbst grob populistisch und anarchisch waren, nämlich als einen Prozess der spontanen Rebellion und der ebenso spontanen Entfaltung einer neuen Ordnung, in der die ökologische Landwirtschaft die Großproduktion mit Leichtigkeit würde verdrängen können und Macht sich in Harmonie auflösen würde. Überhaupt nicht gesehen wurden die realen Prozesse, die schon damals die laufende Globalisierung von Moment zu Moment veränderten: Während »No Global« bzw. »Alter Global« die Perversionen des Fortschritts und der Moderne anprangerten, stand die ehemalige koloniale Welt von sich aus auf und veränderte den Planeten, indem sie in eben diese Moderne eintrat und sich jenen Fortschritt zu eigen machte. Mit ihrem eigenen Wachstum – das, Ironie der Geschichte und der Vernunft, die liberale Globalisierung mit freilich ganz anders gelagerten Zielen überhaupt erst freigesetzt hatte – erzwang sie ein völlig neues Arrangement globaler Macht.

Feinde der Macht

Die Unfähigkeit, diesen revolutionären Prozess zu erkennen, die auf Foucault zurückgehende Feindseligkeit gegenüber der Macht in all ihren Erscheinungsformen und die Unterwerfung unter die liberale Ideologie mit ihren abstrakten Menschenrechten haben den Zusammenschluss zu einer einheitlichen politischen Front verhindert, die West und Ost, soziale Gerechtigkeit und nationale Selbstbestimmung gegen den Imperialismus hätte verbinden können. Das hätte bedeutet, die notwendige Kritik an der kapitalistischen Globalisierung mit einer ausgewogenen Bewertung der Modernisierungsprozesse und mit realistischen Überlegungen zum Aufbau einer neuen demokratischen internationalen Ordnung zu verschränken, die womöglich auch Elemente des Sozialismus enthielte. So aber blieben die mannigfachen Bewegungen von Genua 2001 losgelöst von der gigantischen und viel effektiveren Bewegung, die in Asien und zum Teil auch in Lateinamerika konkret an einer wirklich anderen Welt arbeitete.

Eine verpasste Gelegenheit und in gewisser Hinsicht ein weiteres unschönes Erbe des »westlichen Marxismus« (Losurdo) und seiner unrettbar eurozentrischen bzw. okzidentalistischen Sichtweise. Dem müssen nun diejenigen abhelfen, die weiterhin an einer Transformation interessiert sind, die auf eine konkrete Form des Universalismus und des Internationalismus abzielt und dem Menschenrechtsimperialismus, aber auch jedweder chauvinistischen und fremdenfeindlichen Isolation eine Absage erteilt.

Stefano G. Azzarà lehrt politische Philosophie an der Universität Urbino und schrieb zuletzt am 11. Dezember 2020 an dieser Stelle über Spaltungsversuche der ausgebeuteten Klassen.

Übersetzung aus dem Italienischen von Daniel Bratanovic

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    Josie Michel-Brüning

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