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Aus: Ausgabe vom 15.07.2021, Seite 7 / Ausland
Machtkampf

Zwist zwischen Cousins

Machtkampf in PUK-Partei in Autonomieregion Kurdistan im Nordirak. Destabilisierende Auswirkungen befürchtet
Von Nick Brauns
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In der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak könnten innerkurdische Konflikte erneut eskalieren (8.2.2003)

Am Dienstag abend stürmten Mitglieder bewaffneter Milizen den Fernsehsender iPLUS, die Redaktion der Nachrichtenseite Zhyan New und Büros weiterer Medienhäuser in Sulaimanija in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Die Angreifer misshandelten Mitarbeiter und besetzten die Gebäude. Die Medien gehörten ebenso wie weitere an diesem Abend von der Miliz besetzte Firmen zur Unternehmensgruppe von Lahur Talabani. Unter den Angreifern befanden sich neben offiziellen Sicherheitskräften auch Milizionäre der Privatarmee »Goldene Kraft«. Sie handelten unter dem Kommando von Lahur Talabanis Cousin Bafel.

Seit Februar 2020 sind Lahur und Bafel Talabani Kovorsitzende der Patriotischen Union Kurdistans (PUK). Die zweitgrößte Partei im kurdischen Parlament beherrscht die Gouvernements Sulaimanija und Halabdscha. Die Nachrichtenseite Esta Media, die Bafel Talabani nahesteht, zitierte nach dem Sturm auf die Medienhäuser einen anonymen PUK-Funktionär, laut dem nun »jeder Sender und jedes Medienunternehmen, das mit dem Geld der PUK aufgebaut wurde, an die PUK zurückgegeben wird«.

Die Besetzung der Medienhäuser ist der jüngste Akt eines Machtkampfes der Erben des 2017 verstorbenen PUK-Gründers und früheren irakischen Präsidenten Dschalal Talabani. Dessen Frau Hero Ibrahim Talabani hatte sich gegen den Wunschnachfolger ihres Mannes, Berham Salih, gestellt und statt dessen ihren Sohn Bafel als »legitimen Erben« ausgerufen. Ihr zweiter Sohn Qubad gehört derweil der von der Barsani-Familie und seiner Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) in Erbil beherrschten kurdischen Regionalregierung als Vizeministerpräsident an.

Der in der Bevölkerung beliebte Lahur verfügte anders als seine Cousins über keine Privatarmeen. Vielmehr stützt sich seine Macht auf den Geheimdienst und die von seinem Bruder Polad geführten »Antiterroreinheiten«. Doch Ende letzter Woche tauschten Qubad und Bafel die Spitzen der Sicherheitsbehörden gegen ihre eigenen Vertrauten aus, und Bafel änderte sein Facebook- und Twitter-Profil zu »Präsident der PUK« – Zhyan News sprach von einem »weichen Putsch«. Lahur beschuldigte die KDP sowie eine »Regionalmacht« dahinter. KDP-Sprecher Mahmud Muhammad sprach zwar von einer »inneren Angelegenheit« der PUK, doch dürfte der Machtwechsel innerhalb der KDP-Rivalin in Erbil mit Sympathie betrachtet werden – Lahur gilt als Hindernis für eine Ausweitung des KDP-Einflusses in die von der PUK regierten Gebiete hinein.

Die PUK verfügt traditionell über gute Beziehungen zum Iran, doch meint Lahur mit der »Regionalmacht«, die hinter dem parteiinternen Umsturz stecken soll, wohl die Türkei. So führt die türkische Armee seit April eine grenzüberschreitende Großoffensive gegen Kämpfer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak. Die durch ihre Ölgeschäfte eng mit Ankara verbundene KDP unterstützt das türkische Militär mit Peschmerga-Soldaten, die die von der PKK kontrollierten Gebiete im Landesinneren eingekreist haben. Relativ frei bewegen für Arztbesuche, Einkäufe oder diplomatische Gespräche konnten sich die Guerillakämpfer dagegen mit Billigung der von Lahur kontrollierten Sicherheitsdienste in Sulaimanija. Unter Lahur kooperierten die PUK-Einheiten seit 2014 in Nordsyrien mit den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS). Lahurs Entmachtung wird wohl – wie von Ankara seit langem gefordert – den Spielraum der PKK im Nordirak weiter einschränken und das gute Verhältnis der PUK zur YPG belasten.

Inwieweit der Ausgang des Machtkampfes in der PUK auch die irakische Politik beeinflussen wird, bleibt abzuwarten. So hatte die PUK mit der liberalen Gorran-Bewegung eine Wahlallianz für die irakische Parlamentswahl im Oktober geschlossen. Deren Zukunft ist nun ebenso offen wie die Unterstützung der PUK für eine mögliche weitere Amtszeit des irakischen Präsidenten Barham Sali (PUK). Unter Bafel könnte die PUK statt dessen versuchen, mit der KDP eine gemeinsame Linie gegenüber Bagdad zu finden.

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