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Aus: Ausgabe vom 14.07.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitskonflikt

Warnstreik im Dauerregen

Sindelfingen: IG Metall und Betriebsrat wollen Tarifvertrag bei Autozulieferer durchsetzen
Von Oliver Rast
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Sind nicht wetterfühlig: Beschäftigte am Lear-Standort in Sindelfingen bei Stuttgart wollen nicht mehr tariflos sein (13.7.21)

Der Konflikt währt seit Monaten. Beschäftigte am Standort Sindelfingen des Automobilzulieferers Lear Corporation Engineering fordern einen Tarifvertrag. Die Unternehmensleitung blockiert, deshalb organisierten die Geschäftsstelle der Stuttgarter IG Metall (IGM) und der Betriebsrat am Dienstag einen halbstündigen Warnstreik. »Bei unsommerlichen 17 Grad und im strömenden Regen«, erzählte der zuständige Gewerkschaftssekretär Udo Abelmann nach Kundgebungsende im Telefonat mit jW. Dafür seien aber Beteiligung und Stimmung »prima gewesen«. Genaugenommen war es eine hybride Veranstaltung, ein Teil der Belegschaft protestierte vor der Standorttür, ein anderer online im Home­office.

Es war bereits der zweite Warnstreik. Nach dem Kurzzeitausstand im Mai musste die Führungsriege reagieren, der Druck aus der Belegschaft wurde offenbar zu groß. Zumal ein Großteil der rund 200 Beschäftigten eine Petition unterschrieben hatte, mit der die Gegenseite aufgefordert wurde, in Verhandlungen über eine Tarifvertragsbindung mit der IGM einzusteigen. Zuvor lehnte die Unternehmensführung nach Gewerkschaftsangaben jedes Gespräch darüber ab. Begründung: Mit der IGM wolle man sich nicht an einen Tisch setzen. »Das ist weiterhin so«, sagte Abelmann.

Das Kernproblem: Es gibt keinen Konzerntarifvertrag. Statt dessen einen »tariflichen Flickenteppich«, wie Metaller sagen. Und in Sindelfingen nicht einmal das. »Als IG Metall haben wir uns vorgenommen, nach und nach alle Lear-Corporation-Unternehmen in die Tarifbindung zu holen.« Deshalb die Verhandlungsofferten, deshalb die Warnstreiks.

Mit dem Betriebsrat indes führen die Chefs nun Gespräche. In sogenannten Fokusgruppen werden etwa arbeitsorganisatorische Abläufe besprochen. Ein »Reformprozess« solle damit angeschoben werden, heißt es von der Standortleitung, fernab einer Tarifvereinbarung versteht sich. »Das sind alles Nebelkerzen«, sagte der Betriebsratsvorsitzende Roger Braun am Dienstag gegenüber jW. Ein durchsichtiges Manöver, um einen Spaltpilz in die Belegschaft zu treiben. Mit einem Tarifvertrag seien Entgelte vergleichbar, so Braun, »und nicht zuletzt gerechtere Löhne für beschäftigte Frauen durchsetzbar«. Bislang sei die Lohnentwicklung am Sindelfinger Standort von der »Marktlage« abhängig.

Und die wird im fernen US-amerikanischen Michigan beurteilt. Dort ist der Hauptsitz der Lear Corporation. Der Konzern ist der weltweit elftgrößte Zulieferer für Autohersteller. Schwerpunkt sind Innenausstattungen. In den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten kaufte die Firmenspitze hierzulande verschiedene Branchenunternehmen auf, unter anderem in Sindelfingen. Dort sitzt wiederum die deutsche Zentrale für die Projektentwicklung und die Kundenbetreuung. Daimler, Porsche und andere gehören zum Kundenstamm.

Der Organisationsgrad sei okay, sagte Gewerkschafter Abelmann. Speziell in einer Firma, die erst seit drei Jahren einen Betriebsrat hat. Eine langjährige Kampftradition der Sindelfinger Beschäftigten fehle zwar, »aber ab und an können wir schon mal eine dicke Lippe riskieren«. Gewerkschaft und Betriebsrat wollen beharrlich weitermachen, immer mit der Option, Aktionen zu steigern, wie der zuständige Sekretär betonte. Bis zum Abschluss eines Tarifvertrags dürfte es noch eine Zeit dauern. Abelmann weiß das. Währenddessen würden Engagierte in ihrer eigenen »Fokusgruppe« an Konzepten feilen. Woran genau? »An Warnstreikkonzepten.«

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