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Aus: Ausgabe vom 13.07.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg in Afghanistan

Auf dem Vormarsch

Afghanistan: Taliban erobern Bezirke im ganzen Land. BRD will an Abschiebungen festhalten
Von Jakob Reimann
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Leidtragende der jüngsten Gewalt: Zivilisten in Afghanistan (Alishing, 8.7.2021)

Nach neuesten Eroberungen der Taliban im Norden Afghanistans droht ein neuer Bürgerkrieg zwischen den Islamisten und der afghanischen Regierung. Die Taliban haben in ihren jüngsten Offensiven rund ein Viertel der 421 Bezirke des Landes neu erobert, die meisten davon im Norden. Außerdem konnten sie jüngst die wichtigen Grenzübergänge Islam Kala zum Iran, über den der Großteil des Handels mit dem Land abgewickelt wird, sowie Torgundi zu Tadschikistan erobern. Nach Angaben der russischen Regierung kontrollieren die Aufständischen inzwischen zwei Drittel der über 1.300 Kilometer langen afghanisch-tadschikischen Grenze.

Neue Vorstöße

Nachdem vergangene Woche von Hannover ein Abschiebeflug nach Afghanistan gestartet war, forderte neben mehreren Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen am Sonnabend auch die afghanische Regierung die europäischen Staaten auf, Abschiebungen für drei Monate auszusetzen. Ungeachtet dieser Bitte und der eskalierenden Gewalt plant das Bundeskabinett derzeit jedoch keine Änderung seiner Abschiebepraxis. »Diejenigen, die kein Aufenthaltsrecht in Deutschland bekommen, sollen unser Land wieder verlassen«, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Am selben Tag erklärte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums, dass ein Abschiebemoratorium zumindest geprüft werde. Die Bundesregierung werde darüber »zeitnah« entscheiden und auch das Gespräch mit den anderen EU-Staaten sowie mit der Regierung in Kabul suchen.

Nach dem vollständigen Rückzug der Bundeswehr Ende Juni hat nun auch das australische Militär das Land verlassen. Die australischen Truppen spielten in Afghanistan eine besonders unrühmliche Rolle. Im Dezember 2020 schockierte die britische Tageszeitung Guardian mit Fotos australischer Spezialeinheiten von 2009, die aus den Beinprothesen getöteter Afghanen Bier trinken. Afghanische Armee und Polizei gehen Vorwürfen nach, dass australische Luftwaffensoldaten in Afghanistan Kriegsverbrechen begangen haben sollen.

In den vergangenen Tagen sind Taliban-Kämpfer in mehrere Provinzhauptstädte in allen Landesteilen eingedrungen oder kontrollieren bereits Teile der Städte, wie lokale Behördenvertreter der Deutschen Presseagentur am Montag bestätigten. Angriffe auf die Provinzhauptstadt Kandahar im Süden konnten vorerst abgewehrt werden. Nach eigenen Angaben hätten die Taliban mittlerweile 85 Prozent des Landes unter ihrer Kontrolle, was die Regierung in Kabul jedoch zurückweist. Laut der Datenbank des Long War Journal, die Einrichtung sammelt Informationen zum »Krieg gegen den Terror« der USA, sind 212 aller Bezirke unter Kontrolle der Taliban. 116 seien demnach »umkämpft«, hätten also eine bedeutende Taliban-Präsenz. Lediglich 70 Bezirke seien unter Kontrolle der Regierung oder hätten einen »unbestimmten« Status.

Scharia einführen

Die afghanische Regierung rüstet sich derweil hoch. So wurde nach Angaben des Innenministeriums am Flughafen von Kabul in der Nacht zum Sonntag ein Raketenabwehrsystem installiert, um sich gegen Beschuss der Taliban zu verteidigen. Die Türkei hatte angekündigt, nach dem Abzug der verbliebenen US-Soldaten die Sicherheitsinfrastruktur für den Kabuler Flughafen bereitzustellen.

Ende Juni kündigte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid im Interview mit dem ZDF offen an, die Aufständischen wollten in Gestalt einer inklusiven Regierung »aller Afghanen« die Macht in Kabul übernehmen. Mudschahid erklärte zudem, im Land die Scharia einführen zu wollen. Auf die künftige Lage der Frauen angesprochen, sagte der Sprecher wenig verheißungsvoll: »Wir haben nichts gegen Frauen. Unser Wunsch ist, dass wir in einer islamischen Gesellschaft leben und Frauen als Musliminnen unter dem Schirm der Scharia leben.« Auch der erzkonservative Warlord und stellvertretende Taliban-Führer Siradschuddin Haqqani erklärte in einem Aufsatz in der New York Times vom Februar 2020, die Taliban würden »die vom Islam gewährten Rechte der Frauen« schützen.

Der staatliche US-Auslands­sender Voice of America berichtete am Freitag, die Taliban hätten begonnen, in den jüngst eroberten Gebieten im Norden harsche Restriktionen einzuführen. Frauen dürften ohne männliche Begleitung das Haus nicht mehr verlassen. Friseuren sei es verboten worden, Bärte abzuschneiden. Dutzende Radiostationen im Norden hätten ihre Arbeit einstellen müssen oder seien gezwungen worden, Taliban-Propaganda zu senden. »Human Rights Watch« dokumentierte Anfang Juli Fälle, dass Taliban Personen, die mit der afghanischen Regierung kooperierten, aus ihren Häusern vertrieben und diese in Brand gesetzt hätten. Der im Februar aus Hamburg abgeschobene H. wurde bei einer solchen Racheaktion durch eine Granate getötet.

Hintergrund: Frauen greifen zu Waffen

Im Zentrum und Norden des Landes gibt es immer mehr Frauengruppen, die sich für den Kampf gegen die Taliban bewaffnen, wie der britische Guardian vergangene Woche berichtete. Sie posteten Bilder und Videos in den sozialen Medien, wie sie mit Maschinengewehren und Raketenwerfern bewaffnet in den Straßen vieler größerer Städte demonstrierten. Bei einem der größten dieser Proteste am ersten Juliwochenende versammelten sich etwa in Ghor im Landeszentrum Hunderte Frauen und sangen Schlachtrufe gegen die Taliban. Vergangenes Jahr erlangte die damals 15jährige Qamar Gul landesweite Berühmtheit, nachdem sie zwei Taliban-Kämpfer tötete und einen weiteren verletzte. Diese hatten zuvor ihre Eltern hingerichtet. Bekannt wurde auch die 39jährige Gouverneurin des Bezirks Balch im Norden des Landes, Salima Mazari, die an den Frontlinien gegen die Taliban kämpft. (jr)

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