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Aus: Ausgabe vom 13.07.2021, Seite 12 / Thema
Marxistische Kriegs-Theorie

Entsetzliche Möglichkeiten

Aporien von Bellizismus und Pazifismus. Ein Überblick von Clausewitz über Engels und Hobsbawm bis zum Cyberwar
Von Georg Fülberth
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Der Krieg von 1914 bis 1918 war der erste der nicht mehr führbaren Kriege. Deutsche Soldaten an der Westfront, undatierte Aufnahme

Wir dokumentieren im folgenden die von Georg Fülberth selbst ausgearbeitete schriftliche Fassung eines Vortrags, den er am 30. Juni 2021 bei der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal gehalten hat, und danken für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. (jW)

In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts erschien das aus dem Nachlass des Generals Carl von Clausewitz (1780–1831) herausgegebene Werk »Vom Kriege«. Dort stand: »Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.« Damit war ausgesprochen, was vorher und nachher im 19. Jahrhundert immer wieder seine Bestätigung gefunden hat: Die napoleonischen Kriege (bis 1815) hatten den europäischen Kontinent verändert. Italien erlangte seine Einheit nach drei Kriegen (1848–1870), Deutschland auf dem gleichen Weg (1864–1871). Im US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) wurden die Sklaven des Südens befreit. 1862 sprach Bismarck aus, um was es seiner Meinung nach in der Politik letztlich ging: »Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut.« Kriege galten als politisch beherrsch- und deshalb als jederzeit führbar.

Marx und Engels dachten ähnlich, wenngleich mit der Einschränkung, dass die Politik, die durch Krieg fortgesetzt wurde, ihrerseits von der Ökonomie abhängig sei. 1848/49 forderten sie einen Volkskrieg gegen den russischen Zaren. Der britischen Regierung warf Engels vor, dass sie den Krimkrieg (1853–1856) nicht bis zur endgültigen Niederlage Russlands führte. In ähnlicher Weise kritisierte er einige Zeit die Nordstaaten im US-amerikanischen Bürgerkrieg. Bis zum Sturz Napoleons III. und der Ausrufung der Dritten Republik 1870 beurteilten Marx und Engels im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) einen Sieg der verbündeten deutschen Staaten positiv.

Alptraum Weltkrieg

Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts – angesichts des Wettrüstens zwischen den europäischen Großmächten – modifizierte Engels sein bisheriges Einverständnis mit der Theorie des führbaren Krieges. Durch das Studium aktueller Entwicklungen in der Militärtechnik kam er zu der Erkenntnis, dass das Zeitalter der begrenzten und insofern führbaren militärischen Auseinandersetzungen vorbei war.

Diese Wende in seinem Denken ist zwischen 1887/88 und 1889 zu beobachten. In einer Einleitung zu Sigismund Borkheims Broschüre »Zur Erinnerung an die deutschen Mordspatrioten. 1806–1807«, geschrieben 1887 und 1888 veröffentlicht, hatte er noch ausgeführt: »Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse. – Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen endlich seine unvermeidlichen Früchte trägt. Das ist es, meine Herren Fürsten und Staatsmänner, wohin Sie in Ihrer Weisheit das alte Europa gebracht haben. Und wenn Ihnen nichts andres mehr übrigbleibt, als den letzten großen Kriegstanz zu beginnen – uns kann es recht sein. Der Krieg mag uns vielleicht momentan in den Hintergrund drängen, mag uns manche schon eroberte Position entreißen. Aber wenn Sie die Mächte entfesselt haben, die Sie dann nicht wieder werden bändigen können, so mag es gehn, wie es will: Am Schluss der Tragödie sind Sie ruiniert und ist der Sieg des Proletariats entweder schon errungen oder doch unvermeidlich.«¹

Dieser Text ist noch ambivalent: einerseits der Horror vor dem großen Krieg – andererseits die Aussicht auf den Sieg der proletarischen Revolution. Anders äußerte sich Engels im März 1889 in einem Brief an Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue. Dieser war der Ansicht, der nächste Krieg bedeute die allgemeine Volksbewaffnung und damit die Revolution. Hierauf reagierte Engels scharf abweisend: »Was einen Krieg betrifft, so ist er für mich die schrecklichste aller Möglichkeiten.« Anschließend schildert er die Verheerungen in der gleichen Weise wie in der Einleitung zu Borkheim, zieht aber eine andere Schlussfolgerung: »(U)nd alles dies gegen die geringe Chance, dass aus diesem erbitterten Krieg eine Revolution hervorgeht – das entsetzt mich.«²

Engels’ Furcht

Im außenpolitischen Kalkül Otto von Bismarcks war der Zar eine feste Größe. Er suchte alles zu vermeiden, was diesen an die Seite Frankreichs treiben würde. Als nach seinem 1890 erfolgten Sturz ein 1887 geschlossenes Neutralitätsabkommen, der sogenannte Rückversicherungsvertrag, mit Russland nicht verlängert wurde, geriet sein System ins Wanken. 1892 schlossen das Zarenreich und Frankreich eine Militärkonvention. Engels war alarmiert. Der Sieg eines russisch-französischen Bündnisses über Deutschland hätte die damals stärkste Abteilung der internationalen Arbeiterbewegung vernichtet: die deutsche Sozialdemokratie. Kam es zum Krieg, konnte sie sich nicht neutral verhalten.

Engels’ Furcht vor einer russisch-französischen Allianz und einem daraus resultierenden militärischen Konflikt ging so weit, dass er sich eine Situation vorstellte, in der die deutschen Arbeiter die Waffen in einem Verteidigungskrieg gegen eine solche Allianz ergreifen müssten: »Wenn aber der Sieg der Russen über Deutschland die Erdrückung des deutschen Sozialismus bedeutet, was wird dann gegenüber einer solchen Aussicht die Pflicht der deutschen Sozialisten sein? Sollen sie die Ereignisse passiv über sich ergehen lassen, die ihnen Vernichtung drohn, sollen sie widerstandslos den Posten räumen, für den sie die Verantwortung übernommen haben vor dem Proletariat der ganzen Welt? Keineswegs. Im Interesse der europäischen Revolution sind sie verbunden, alle eroberten Stellungen zu behaupten, nicht zu kapitulieren, ebensowenig vor dem äußern wie vor dem innern Feind. Und das können sie nur, indem sie bis aufs äußerste Russland bekämpfen und alle seine Bundesgenossen, wer sie auch seien.«³

Der Schlüssel zur Abwendung der Katastrophe war bei Engels die Möglichkeit einer russischen Revolution: Die »ganze Gefahr eines Weltkriegs verschwindet an dem Tag, wo eine Wendung der Dinge in Russland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen und sich mit seinen eignen, aufs äußerste gefährdeten innern Lebensinteressen zu beschäftigen statt mit Weltherrschaftsphantasien.«⁴

Dann entfielen alle Vorwände für antirussische Koalitionen in Europa und für das Wettrüsten. Sollte aber der Krieg tatsächlich stattfinden, »ist unsre einzige Chance die, dass die Russen geschlagen werden und dann Revolution machen«.⁵ Engels hat das Wort »Russen« in der Handschrift unterstrichen. Dass 1914 der Antizarismus eine Brücke zum »Burgfrieden« werden könnte, musste außerhalb seiner Vorstellungskraft liegen.

Ausweg proletarische Revolution

Engels hatte sich also in ein Dilemma hineinargumentiert. Seinem Selbstverständnis nach bestand es allerdings nicht. Das 19. Jahrhundert war nicht nur die Zeit der führbaren Kriege, sondern seit etwa 1830 auch der Erwartung einer proletarischen Revolution als Ergebnis der »sozialen Frage«, die damals das politische Denken ebenso beherrschte wie heute die ökologische. Das galt für das gesamte gesellschaftliche Spektrum: Die Konservativen warfen den Kapitalisten vor, dass sie die gute alte feudale Ordnung zerstört und so Massenelend erzeugt hätten. Die verwiesen darauf, weitere Entfaltung der Marktwirtschaft werde alle Probleme lösen. Dasselbe Ergebnis erwarteten die Sozialisten dagegen vom Sieg des Proletariats. Für Engels war die Revolution der Dreh- und Angelpunkt aller seiner politischen und auch militärischen Überlegungen: Er nahm zumindest implizit an, sie könne, ja müsse dem Ausbruch eines Weltkriegs zuvorkommen. Dies unterschied ihn von Ebert, Noske und Scheidemann 1914.

Blieb die proletarische Revolution aus, war das darauffolgende Gemetzel schon Ergebnis einer Niederlage der Arbeiterbewegung. Erst danach befand diese sich in der von Engels gefürchteten Zwangslage. Das größte anzunehmende Unglück war dann schon eingetreten. Die rechtssozialdemokratischen Kriegskreditbefürworter von 1914 handelten »nicht mehr unter dem revolutionären Vorbehalt« von Engels.⁶

Quer zu den Szenarien von Furcht und Hoffnung scheint eine Schrift von Friedrich Engels aus dem Jahr 1893 zu liegen: »Kann Europa abrüsten?« Damals sah sich die sozialdemokratische Reichstagsfraktion einer Militärvorlage der Regierung gegenüber, die weitere Aufrüstung plante. August Bebel erbat von Engels Argumentationshilfe für die Debatte. Dieser schrieb daraufhin eine Artikelserie unter dem genannten Titel. Hier schlug er die Ersetzung der stehenden Heere durch Milizen vor. Die Staaten blieben dadurch verteidigungs-, wären aber nicht mehr angriffsfähig. Diese Argumentation hatte eher parlamentarisch-parteitaktische Bedeutung. Sie sollte der Fraktion die Möglichkeit geben, ihre Ablehnung der Regierungsvorlage mit einem positiven Vorschlag zu verbinden, von dem mit Sicherheit angenommen werden musste, dass er im Reichstag keine Mehrheit finden werde.

Engels’ Denkgrenzen

Wichtiger als die Berufung auf diese Schrift ist die Besinnung auf Grenzen des Denkens von Friedrich Engels. Sie waren zugleich diejenigen seiner eigenen Lebenszeit (1820–1895). Es war das klassische 19. Jahrhundert vor dem Imperialismus: Konkurrenzkapitalismus, Revolutionserwartung oder -befürchtung, das Staatensystem der europäischen Pentarchie (Frankreich, Großbritannien, Österreich-Ungarn, Preußen bzw. Deutsches Reich, Russland), Führbarkeit begrenzter Kriege.

In seiner ökonomischen Erstlingsschrift »Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie« (1844) hatte Engels bereits die Tendenz des Kapitalismus zum Monopol erkannt, zugleich aber als frischgebackener Dialektiker dessen zeitweiliges Umschlagen in die Konkurrenz und retour angenommen. Auch später verwies er auf Monopolbildungen, nahm aber wohl nicht an, dass sie den Kapitalismus als Ganzen beherrschen könnten. Deren Verhältnis zum Imperialismus ist bis heute umstritten, auch unter Marxisten. Dass es ihn aber gab, den Imperialismus, war um 1900 Gemeingut, für den britischen Liberalen John A. Hobson ebenso wie für die Imperialisten selbst (zum Beispiel Cecil Rhodes), deren deutsche Exemplare allerdings statt dessen von »Weltpolitik« sprachen. Seine Merkmale waren die systematische und konkurrierende Ausdehnung der Herrschaft von Industriestaaten über nicht oder nur geringfügig industrialisierte Gebiete in Form von Kolonien, neu einverleibten Teilen des Staatsgebietes, Einflusssphären zwecks Bezugs von Rohstoffen, Waren- und Kapitalexport und Besiedelung.⁷

Der daraus resultierende Erste Weltkrieg konnte nicht mehr mit den Begriffen von Clausewitz und Engels erfasst werden. Lesen wir dazu Eric Hobsbawm: »Weshalb also wurde der Erste Weltkrieg von den führenden Mächten beider Seiten als Nullsummenspiel geführt, als ein Krieg also, dessen Ausgang nur ein totaler Sieg oder eine totale Niederlage sein konnte? Der Grund dafür war, dass sich dieser Krieg im Gegensatz zu den (normalerweise begrenzten und spezifizierten) früheren Kriegen auf unbegrenzte Ziele richtete. Im imperialen Zeitalter waren Politik und Wirtschaft miteinander verschmolzen. Internationale politische Rivalität ahmte Wirtschaftswachstum und Wettbewerb nach, deren charakteristisches Merkmal es ja schon prinzipiell war, grenzenlos zu sein. ›Die ›natürlichen Grenzen‹ von Standard Oil, der Deutschen Bank oder der De Beers Diamond Corporation lagen dort, wo das Universum endet, zumindest aber erst da, wo ihre Expansionsfähigkeit endete.‹«⁸

Die erste Phase des Deutsch-Französischen Krieges (bis zum Sturz Napoleons III. Anfang September 1870) hatte von Engels, Bebel und Wilhelm Liebknecht noch als Verteidigungskrieg aufgefasst werden können. Deshalb lehnten letztere die Kriegskredite bei der ersten Abstimmung noch nicht ab (dies geschah erst, als in Frankreich der Bonapartismus durch die Republik ersetzt war), sondern enthielten sich. Jetzt, im Imperialismus, war die alte Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen ebenso obsolet wie Engels’ Spekulationen über eine mögliche Parteinahme zwischen Deutschland und Russland und wohl schon vorher die Vorstellung von einer eo ipso gegebenen revolutionären Mission der Arbeiterklasse.

Zweierlei Pazifismen

Parallel zum Imperialismus entstanden der Bellizismus und der Pazifismus. Für ersteren war der Krieg nicht mehr die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern deren Ersatz. Ein deutscher Praktiker dieser Auffassung war der General Erich Ludendorff. Der Pazifismus als Massenbewegung war eine Reaktion auf das Wettrüsten vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Kants Schrift »Zum Ewigen Frieden« von 1795 ist noch eine Antwort auf die Kabinettskriege der damaligen Zeit im Rahmen des Völkerrechts, wie es sich bis dahin entwickelt hatte. Jetzt ging es um eine neue, vorher unvorstellbare Bedrohung. Alfred Nobel, Erfinder des Dynamits, Rüstungsunternehmer und Pazifist, stand in enger Verbindung mit Bertha von Suttner, Verfasserin des Buchs »Die Waffen nieder« (1889), und stiftete den nach ihm benannten Friedenspreis. Bald verbanden sich pazifistische Überlegungen mit Konzepten von einem vereinigten Europa.

Dieser bürgerliche Pazifismus befand sich jenseits der bisherigen Traditionen des 19. Jahrhunderts und damit auch von Clausewitz und Engels. 1911 verwarf Rosa Luxemburg das Konzept der Vereinigten Staaten von Europa als »Friedensutopie« (im Ersten Weltkrieg setzte sich auch Lenin kritisch damit auseinander). 1907 verabschiedete der Internationale Sozialistenkongress in Stuttgart eine Resolution, die über Engels’ Überlegungen, was im äußersten Fall zu tun sei, insofern hinausging, als sie nicht nur die Optionen der deutschen Sozialdemokratie, sondern der sozialistischen Weltbewegung ins Auge fasste: »Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind in den beteiligten Ländern die Arbeiter und ihre parlamentarischen Vertreter verpflichtet, alles aufzubieten, um den Ausbruch des Krieges durch Anwendung entsprechender Mittel zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der allgemeinen politischen Situation naturgemäß ändern und steigern. Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, sind sie verpflichtet, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, um die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen.« Die Forderung des letzten Satzes ist nur in einem einzigen Land eingelöst worden. Dort wurde Engels’ Hoffnung erfüllt, »dass die Russen geschlagen werden und dann Revolution machen«. Nirgendwo sonst hat die Arbeiterbewegung das erfüllt, was sie 1907 von sich selbst gefordert hatte.

Aber auch der bürgerliche Pazifismus hatte seine Aporien: im Angesicht des deutschen Faschismus. Einer seiner glaubwürdigsten Verfechter, Albert Einstein, sah sich 1939 veranlasst, Franklin D. Roosevelt auf die Gefahr hinzuweisen, dass Hitlerdeutschland eine Atombombe entwickeln werde. Was die US-amerikanische Politik aus dieser Information machen werde, lag nicht mehr in seiner Hand. Nach dem Abwurf der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki war er entsetzt.

Der Krieg von 1914 bis 1918 war der erste der nicht mehr führbaren Kriege. In Europa gab es letztlich keine wirklichen Sieger. Die USA distanzierten sich von seinen Ergebnissen und zogen sich von diesem Kontinent zurück. Das Desaster des Ersten Weltkrieges führte zu einer Welle des letztlich ohnmächtigen Pazifismus. Eines seiner Dokumente ist der Briand-Kellogg-Pakt für die Ächtung des Krieges von 1928. Das Appeasement der französischen und der britischen Regierung gegenüber Hitler stand im Einklang mit dem erfahrungsgestützten Abscheu der Volksmassen vor einem neuen Krieg.

Der Zweite Weltkrieg endete in seinem letzten Monat als Atomkrieg. Krieg galt nicht mehr als führbar. Die einstigen Kriegsministerien heißen seitdem Verteidigungsministerien. Auch der Begriff Imperialismus ist zum Schimpfwort geworden. Die kapitalistischen Hauptmächte ersetzten ihre frühere Konfrontation durch ihre Eingliederung in einen antikommunistischen Block.

Karl Jaspers, Doktorvater und lebenslanger Freund von Hannah Arendt, formulierte eine neue Aporie. In seinem Bestseller »Die Atombombe und die Zukunft des Menschen« (1957) befand er: Bedrohung der Freiheit durch den Totalitarismus mache atomare Aufrüstung unvermeidlich, auch um den Preis potentieller Selbstvernichtung – Freiheit oder Kommunismus. Aus diesem Dilemma komme man nur heraus, wenn »der Mensch« sich wandle.

Was Freiheit genannt wird

Mit dem Sieg dessen, was hier Freiheit genannt wurde, brach ab 1989/91 nicht der »ewige Friede« aus, sondern der Imperialismus tauchte aus seiner zeitweiligen Latenz wieder auf. In Absetzung vom »ersten Imperialismus« (circa 1870 bis 1945, einschließlich der gescheiterten Abwehr der Entkolonisierung bis 1975) soll diese neue Konstellation hier als »zweiter Imperialismus« bezeichnet werden.⁹ Seine Merkmale sind:

Erstens: marktförmige und nur indirekt militärische Sicherung der Rohstoffversorgung für die hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften statt der für den kolonialistischen »ersten Imperialismus« charakteristischen hoheitlichen Landnahme zwecks unmittelbarer ökonomischer Ausbeutung. Zweitens: Waren- und Kapitalexport und die Errichtung internationaler (auch währungs- und handelspolitischer) Regimes, die Vorteile für diese Zentren (Extraprofite durch Investitionen in Niedriglohnländern, Erweiterung der Absatzmöglichkeiten industriell führender Länder durch Beseitigung von »Handelshemmnissen«) sichern sollen. Drittens: präventive indirekte militärische Kontrolle über das Umfeld solcher Metropolen.

Innerhalb des »zweiten Imperialismus« können zwei Varianten unterschieden werden: eine globale und eine regionale. Die Vereinigten Staaten von Amerika stehen für den Versuch eines weltweiten Imperialismus, China und Russland für den regionalen. Letzterer soll unter anderem die defensive militärische Prävention im Umfeld dieser Mächte gewährleisten. Mit ihren Handelsbeziehungen zu Lateinamerika und Afrika versucht die Volksrepublik China ihre Rohstoffzufuhr auf nichtmilitärische Art und Weise zu sichern. Ab 2013 nahm sie das Projekt einer »neuen Seidenstraße« (Belt and Road Initiative) in Angriff: einer auf sie ausgerichteten Handels- und Infrastruktur, die Teile Asiens, Afrikas und Europas einbezieht. Gegenüber Japan betreibt sie eine Politik präventiver, gegenüber den Staaten Indochinas zugleich der versuchten aktuellen hegemonialen Kontrolle. Ähnliches gilt für Russland im Verhältnis zu den osteuropäischen ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Interessengegensätze zwischen den einzelnen imperialistischen Akteuren führen schon gegenwärtig zu internationalen Konflikten, deren militärische Komponenten zunehmen.

Durch das Bündnis mit den USA hat die Europäische Union Anteil auch an der globalen Version des »zweiten Imperialismus«. Es handelt sich nicht um die Wiederherstellung der Lage von vor 1914, etwa um die Ersetzung der europäischen Pentarchie durch eine globale Konstellation: USA, EU und China/Russland. Die Dogmatik des Kalten Krieges bleibt erhalten. Das Gegeneinander von privatkapitalistischem »Westen« und eher staatskapitalistischem »Osten« gilt als System- und Wertekonflikt, wenngleich mit etwas veränderter Begrifflichkeit: nicht mehr Freiheit gegen Totalitarismus, sondern Menschenrechte gegen deren Unterdrückung.

Unter dieser Ideologie wird an der Befreiung des großen Krieges aus dem zeitweiligen Status seiner Nichtführbarkeit gearbeitet. Als Barack Obama 2009 die Vision einer weltweiten Abschaffung der Atomwaffen propagierte, signalisierte das implizit die Chance, diese durch digitale Kriegführung obsolet machen zu können: Cyberwar statt Big Bang. Was würde Friedrich Engels zu alledem sagen? Er riete uns vielleicht, unseren eigenen Kopf zu benutzen.

Anmerkungen

1 Karl Marx und Friedrich Engels: Werke (MEW) Band 21. Berlin, S. 350 f.

2 Engels an Paul Lafargue. 25. März 1889, MEW 37, S. 171

3 MEW 22, S. 255

4 MEW 22, S. 45

5 Engels an Laura Lafargue. 7. Mai 1889, MEW 37, S. 199

6 Dieter Groh: Negative Integration und revolutionärer Attentismus. Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Frankfurt am Main/Berlin 1973, S. 703 und 721

7 Georg Fülberth: G Strich. Kleine Geschichte des Kapitalismus. 7. Aufl. Köln 2021, S. 195 f.

8 Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München 2002, S. 47. Das Binnenzitat folgt Eric Hobsbawm: The Age of Empire 1875–1914. London 1997, S. 318

9 Fülberth, a. a. O., S. 319

Georg Fülberth schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 11. Mai dieses Jahres über die Transformationen des Kapitalismus

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  • Leserbrief von Bernd Jacoby aus Wiesbaden (15. Juli 2021 um 12:49 Uhr)
    Der Vortrag von Georg Fülberth findet ein merkwürdiges Ende in der, wie ich finde, zentralen Aussage, es gehe bei dem aktuellen Imperialismus nicht um die Wiederherstellung der Lage von vor 1914. Geht es nicht (natürlich unter heutigen historischen Bedingungen) gerade und genau darum? Bemühen sich nicht die USA als die herausgehobene globale imperialistische Weltmacht, in ein, zwei Jahrzehnten, alles zu revidieren, was im Ergebnis sozialistischer Anstrengungen ab 1917 real entstanden ist, indem sie all ihre Anstrengungen auf die Volksrepublik China ausrichten? Bemüht sich nicht Großbritannien um eine Rolle als neues Global Britain, bemüht sich nicht Frankreich, verzweifelt und irgendwie an frühere imperiale Einflüsse anzuknüpfen? Bemüht sich nicht Deutschland seit Jahrzehnten darum, im Windschatten von USA und NATO zäh und ausdauernd Macht und Einfluss im europäischen Wirtschaftsraum und in der Welt zu steigern? Bemühen sich nicht die USA und ihre Bündnispartner darum, Russland mit jedwedem Druck auf eine Rolle als rückständige Großmacht zurückzuführen, die ihre Rückständigkeit mit gnädiger Hilfe des Westens überwindet und sich am besten auch gegen China wendet? Bemühen sich nicht die USA zu diesen ihren Zwecken, jedwede innereuropäische Widersprüche auszunutzen und gegebenenfalls auch in Europa zu zündeln (Ukraine, Polen, baltische Staaten, Rumänien, Georgien, Balkan usw.)? Wird nicht gerade von »Freund und Feind« sehr genau beobachtet, wie sich Deutschland im Hinblick auf gerade diese sehr widersprüchlich gewachsene Interessenlagen verhält (hochaktuell beim Merkel-Besuch in den USA)? Bemühen sich nicht die USA auch im Fernen Osten darum, hier genauso den alten imperialistischen Rivalen Japan (und neuen Freund unter bestimmten Bedingungen) für die zentralen Zielsetzungen zu mobilisieren? Und, nach innen gerichtet gefragt: Wie steht es denn um die Gegenkräfte, die im Innern diesen Zielsetzungen Widerstand leisten (also übertragen die Frage nach der revolutionären Sozialdemokratie und den Kriegskrediten um 1914 herum)? Antwort: beschissen! Es gibt nicht im Ansatz (ideologisch, organisatorisch) vergleichbare potentielle Gegenkräfte, die Lage ist, nach innen betrachtet, also schlechter als vor 1914, weil die Partei Die Linke als Partei und geschlossen nicht in der Lage ist, Ross und Reiter zu erkennen und zu benennen und tatsächlich zu bekämpfen. Weil fernerhin die nach 1945 bis 1989 wichtigen Partner in der Friedensbewegung, SPD und Grüne, sich strategisch entschieden haben und der Jugend vorgaukeln (ich verzichte auf »vorgauckeln«), eine neue, ökologisch und sozial reformierte »eine Welt« sei unter Führung dieses Westens möglich, man könne es jetzt darauf ankommen lassen und Europa sei dabei.
    Die DKP oder sich als Kommunisten verstehende Menschen setzen wiederum auf »die Revolution« als Vorbedingung von überhaupt allem und negieren, dass eher Elon Musk auf dem Mars wohnt, als dass eine solche Revolution in den hier betrachteten Ländern stattfindet. Sie negieren damit übrigens auch, was China, Vietnam, Kuba und auch Russland brauchen: nämlich friedliche, auf gemeinsamen Interessen beruhende Beziehungen. Warum wird so wenig verstanden, dass es immer noch um die elende nationale Frage nicht nur in Deutschland geht, aber dort besonders: Deutschlands letzte Niederlage 1945 kann nicht revidiert werden und schon gar nicht über die NATO und die vasallenhafte Bindung an die USA (politisch und kulturell). Frieden und Ausgleich mit Russland und China, ohne die USA zum Feind zu erklären, sind möglich und bieten einen Ausblick auf eine andere, zivilisatorisch neue Größe, sonst lauert der Abgrund. Ob die Amerikaner den zum Feind erklären, der die NATO verlässt und ihnen die Stützpunkte entzieht, wird sich zeigen. Die Russen jedenfalls taten es nicht, oder?
    Die Forderung von Fülberth, den eigenen Kopf zu benutzen, würde heißen, einen solchen nationalen und sozialen Ausweg für Deutschland politisch zu formulieren, ohne von der deutschen oder auch europäischen Arbeiterklasse gleich die revolutionäre Erhebung zu erwarten. Wenn ein Volk nach eineinhalb Jahren schlecht verwalteter Coronakrise in Anbetracht erneuerter Urlaubsmöglichkeiten so zufrieden ist wie vor der Krise, möchte es im Grunde so weitermachen wie bisher. Das politische Programm müsste also heißen: Ja, ohne NATO und US-Strategie und ohne Krieg kann das ein Stück weit gehen. Revolutionär ist das übrigens auch, aber wie in China und Vietnam vorerst mit Kapitalisten, Klein- und auch Großbürgern. Revolutionär ist, die Phalanx aller Parteien in genau dieser transatlantischen Frage an den Pranger zu stellen und diese Position um keinen Preis aufzugeben.
  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (14. Juli 2021 um 13:05 Uhr)
    Fülberths Artikel mit historischem Tiefgang fehlt leider v. a. Aktualität. Im Grundanliegen ist ihm zuzustimmen – noch nie gab es so entsetzliche Kriege wie seit 1939. Doch wenn schon der Ländername »Afghanistan« gar nicht auftaucht, ist wohl die Bewertung des US-Imperialismus als »neuer« und »globaler Imperialismus« ziemlich ungenügend begründet. Imperialistisch wurden die USA 1898! Und nun? Washington hat nicht nur in 42 Jahren den Iran nicht »zurückerobert«, sondern verliert nun gerade auch nach 20 Jahren Krieg »einen Vorposten auf dem Dach der Welt« zur Kontrolle der Mächte ringsum und ihrer Beziehungen zueinander – Chinas im Osten, Russlands im Norden, des Irans im Westen und Indiens im Süden. 2021 ist damit m. E. ein globaler Wendepunkt ähnlich wie 1975 (mit dem Fall Saigons). Zu Westeuropa bzw. zur EU heute schreibt Fülberth einfach viel zu wenig. Was ist mit »Tua res agitur«? Gut, benutzen wir mal unseren eigenen Kopf. Wenn der US-Imperialismus schwächelt, ist ein »Tauroggen«, also ein Bündniswechsel des westeuropäischen – im Kern deutsch-französischen – Imperialismus aus seiner subimperialistischen Position der Gegenwart in eine eher gleichberechtigte Partnerschaft mit China und Russland in der Zukunft nur logisch, wenn auch gegen die eigenen, inneren »Proamerikanerx sowie den proamerikanischen »Cordon sanitaire« von Estland bis zum wackeligen Bulgarien schwer durchsetzbar. Menetekel dafür die Ablehnung der französisch-deutschen Initiative zu Gesprächen mit Moskau und die Weiterführung der Sanktionen der EU. Soll die Linke nun dafür sein oder dagegen – »proeuropäisch«, nationalistisch oder »proamerikanisch«?

    Dass es sich bei Russland und China um »regionale Imperialismen« handeln soll, leuchtet nicht ein. So wie Russland 1812 sich seinen Handel mit England nicht kaputt machen lassen wollte (durch Napoleons »Kontinentalsperre«), so wenig gilt das heute für den Handel Chinas und Russlands untereinander und mit der »Dritten Welt« inklusive Kuba, Venezuela, Iran, Nordkorea etc. Das kann man m. E. (noch) nicht »regionalen Imperialismus« nennen. (Wir müssen uns hier nicht auf die MLPD zubewegen.) Fülberth will uns offenbar sagen, dass »(d)ie Interessengegensätze zwischen den einzelnen imperialistischen Akteuren« (USA, China, Russland, EU?) … schon gegenwärtig zu internationalen Konflikten« führen, »deren militärische Komponenten zunehmen«, aber uns geht das alles nichts an. Übrigens gilt dann das über »präventive militärische Kontrolle« Gesagte wohl auch für die Politik der UdSSR unter Stalin ab Mitte August 1939 – war die Sowjetunion dann also auch ein imperialistischer Staat? Ist die Kriegsvorbeugung und Verteidigungsvorbereitung also dasselbe wie imperialistische Kriegspolitik? Da geht ja wirklich ziemlich alles durcheinander!

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