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Aus: Ausgabe vom 17.07.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Chile

Wasser in der Atacama

Leben in der trockensten Wüste der Welt: Klimawandel und Bergbau verschärfen Bedingungen für chilenische Einwohner
Von Iris Berndt
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Einer von wenigen Bäumen in der trockensten Wüste der Welt

Eine Nacht dauert die fast 700 Kilometer lange Fahrt immer nordwärts auf der Panamericana von Chiles Hauptstadt Santiago nach Vallenar in der Provinz Huasco. Auch die übrigen Fahrgäste in dem halbleeren, sehr bequemen Bus haben geschlafen. Von Vallenar geht es mit einem kleinen blauen Bus noch einmal 45 Kilometer bis zum Pazifik, in die Stadt Huasco. Der Bus ist an diesem Sonntag morgen gut gefüllt und für die Strecke braucht er eine Stunde, nicht nur, weil es Baustellen mit graugelben Schotterabschnitten gibt, bei denen hinter uns eine Staubwolke zurückbleibt. Es ist Mitte Januar, Hochsommer in Chile, mittags wird es fast 30 Grad. Auf der rechten Fensterseite schauen wir ins Grüne, es geht immer entlang des Rio Huasco. Auf der anderen Seite steigen graue Berge an, kein Baum wächst an diesen Hängen.

Kurz vor Huasco gibt es eine Brücke über den Fluss. Der Busfahrer weist uns noch den Weg. Ganz verzaubert stehen wir nach ein paar Schritten am Wasser. Silbrig blinkt die Wasserfläche, es waten die Limikolen – braun, weiß, schwarz mit roten und gelben Schnäbeln – elegant durch die schwimmende Flora, Vogelgeschrei umgibt uns. Dann treten wir auf Wegen und kleinen Straßen in die Olivenhaine ein, sind überrascht von mediterranem Flair. Die Höfe preisen ihre Produkte an, vor allem Huasco-Aceitunas, ein charakteristisches Olivenöl, das mit Kohlensäure und Soda hergestellt wird.

Es ist Chiles größtes Olivenanbaugebiet, das sich hier auf 1.000 Hektar im Flusstal erstreckt, von Vallenar bis Huasco. Neben dem Flußdelta verlaufen in Beton gefasste Bewässerungsrinnen, teilweise frisch erneuert. Ein Hof wirbt mit einem tausendjährigen Olivenbaum und Agritourismus, schade, dass er geschlossen ist. 1.000 Jahre mag etwas übertrieben sein, aber wenn wir für die schönsten Bäume hier ein Alter von 500 Jahren ansetzen, so reicht es doch bis in die Inkazeit zurück. Nach einer halben Stunde Fußweg steigt das Gelände etwas an, scharf zeichnet sich die Kante zwischen Oase und Wüste ab. Bis zu 15 Meter hohe Dünenberge sind hier angeweht. Sand und Grün scheinen im Widerstreit. Ein alter Eukalyptusbaum konnte sich halten.

In der Wüste

Nur 74.000 Menschen leben in Chiles »kleinem Norden«, ihr Leben hängt vom Rio Huasco direkt oder mittelbar ab. Wir sind im Süden der Region Atacama. Noch einmal 1.200 Kilometer von hier nordwärts erstreckt sich die trockenste Wüste der Welt, nur von wenigen Oasen, Städten oder Flusstälern unterbrochen. Auch in Huasco herrscht schon Wüstenklima. Der Juni ist mit zehn Millimetern der regenreichste Monat, 34 gibt es durchschnittlich im Jahr. Das ist praktisch nichts, womit ein Landwirt rechnen kann. Zum Vergleich: Berlin hat 669 Millimeter. Der Erkundung dieser Wüste in der Provinz widmen wir uns in den nächsten zehn Tagen. Bis in das 45 Kilometer nördlich gelegene Carrizal Bajo führt uns die Tour.

Der größte Schatz des einst wichtigen Kupferhafens ist heute eine Lagune, wo sich mitunter auch Pelikane und Flamingos einfinden. Der das Tal speisende Fluss führt nur wenige Wochen im Jahr Wasser, die Lagune aber hält sich. Wir lernen Claudio und seinen Freund José am Strand von Carrizal kennen. Der Strand füllt sich, und wie die über 50 Autos zeigen, die einfach zwischen Strand und Lagune abgestellt werden, kommen die Menschen auch aus der Umgebung. Die beiden Freunde versuchen es mit dem Verkauf von Schawarma, was angesichts der regen Nachfrage nach Empanadas nicht so recht Zuspruch findet. Aber ihre Getränke bringen sie am Strand gut unter die Leute.

Claudio ist 27 und stammt aus Vallenar. Sein Traum ist es, die wichtigsten Sprachen zu sprechen. Er begann mit einem Austausch in Australien und hatte mit seinem Englisch schon für eine Kreuzfahrt angeheuert. Ins Schwärmen aber kommt er bei Vallenar. Keine Stadt gleiche ihr! Die Stadt liegt in einem Loch, einer alten Mine, ist dadurch windgeschützt und außerdem grün durch den Rio Huasco. Sein Vater ist Bergarbeiter. Wir fragen nach dem Lascua-Pama-Projekt. »Oh, ein böses Projekt. Mein Vater hat für Barrick Gold gearbeitet und diese kanadische Firma hat dann unter zweitem Namen noch einen zweiten Versuch gestartet, Gletscher zur Goldgewinnung zu versetzen. Einen haben sie kaputtgemacht. Es gab so viele Proteste und nun ist es definitiv gestoppt. Wirklich definitiv.« Sein Vater habe dann über ein Jahr selbst nach Gold gesucht, viel Geld aufgewendet. »Jetzt hat er endlich etwas gefunden und hat sogar Mitarbeiter.« Woher Carrizal sein Wasser bekommt? Die älteren Häuser sind an eine Wasserleitung aus den Bergen angeschlossen, das Wasser könne man trinken. Aber viele Menschen oben in Carrizal haben keinen Anschluss, nur Behälter, die von Tankautos befüllt werden.

Carrizal ist von Süden durch einen Höhenzug geschützt, der wenige hundert Meter hinter dem Pazifik aufsteigt, der Cerro Negro ist hier mit über 700 Metern die höchste Erhebung. Vom sonnigen Strand in Carrizal aus beobachten wir, wie die Wolken noch in den Bergen hängen und mitunter bis abends nicht davon freikommen. Dieser kleine Höhenzug bildet das Kerngebiet des Nationalparks Llanos de Challe, dem südlichsten Schutzgebiet der sich hier entlang des Pazifik erstreckenden sogenannten Nebelwüsten. Wir haben die feinen Nebeltropfen am Playa Blanca selbst gespürt. Auf der Haut wie ein ganz weicher Nieselregen, aber nicht sichtbar, weil die winzigen Tropfen sofort verdunsten. Am Morgen lediglich messbar an etwas dunkel sich abhebender Feuchtigkeit in dem oberen Millimeter des Dünen- oder Wüstensandes.

Dieses Wasser nutzen mehr als 270 Pflanzenarten. Über 200 von ihnen gibt es nur hier, sie sind endemisch. Bei genauerem Hinsehen ist die Pflanzenwelt trotz Hochsommer nicht ganz verdorrt: Blüten, Schmetterlinge und Insekten, der Wüstenfuchs mit seiner schmalen langen Schnauze und großen Ohren. Von den Guanacos, der anspruchslosen Lama-Art, sind allerdings nur Kothaufen zu sehen. Im September und Oktober aber, wenn es kühler ist, blüht es in der Wüste. Wenn dann noch mit dem El-Niño-Phänomen Starkregen niedergehen, verwandelt sich die Wüste gar in eine Blumenwiese – »Desierto florido«. Die Provinz Huasco wird deshalb mitunter auch der »Garten der Atacama« genannt.

Möglich ist dies durch das Zusammenspiel komplexer Naturkräfte: Die Atacama liegt im Regenschatten der Anden mit Gipfeln wie dem Acongagua von 6.962 Metern Höhe. Der Ostwind vom Pazifik ist bestimmend für das Klima in Chile. Der Pazifik wird jedoch durch den vor der chilenischen Küste von der Antarktis bis hoch nach Peru führenden, kalten Humboldtstrom selten über 18 Grad warm. Aber er bringt Wolken herbei, die sich dann über der vegetationslosen und schnell aufheizenden Wüste rasch verflüchtigen – oder eben auch nicht, wenn Bergspitzen wieder Abkühlung ermöglichen, sie es aber nicht zum Steigungsregen schaffen.

Tag für Tag verfolgen wir diese Prozesse aufmerksamer und richten uns mit unserem Lebensrhythmus danach – und wissen, das Abtauen an der Antarktis und der schwächer werdende Humboldtstrom werden das Klima hier verändern. Mit Wassermangel leben. Südlich von Huasco gab es Projekte, ein ganzes Dorf versorgte sich autark von 1987 bis 2002, aber jetzt lebt man auch dort wieder von Tankwagen. Die Netze sind verschlissen, keiner hat Geld für neue. Wir stoßen auf Bello Horizonte, eine Kommune, in der 200 Familien seit 2015 leben und wo auch die beliebten Cabanas (Ferienwohnungen) zu mieten sind. Es wird auf freundliche chilenische Art als Leben im Einklang mit der Natur beschrieben. Stromanschluss gibt es nicht, Dieselaggregate, Gas aus Flaschen oder Solarzellen statt dessen; das Wasser kommt aus Tankwagen. Aber woher kommt der Tankwagen? Siedlungen wie Bello Horizonte säumen die schönen Küsten mit ihren weißen Stränden von Huasco bis Carrizal. Parzellen, Zäune, Hütten, Fahrwege und in der Folge Müll.

Im Delta des Rio Huasco

Zurück am Flussdelta des Rio Huasco wollen wir dessen Mündung erkunden. Hierfür folgen wir dem Grat zwischen Fluss und Wüste, finden einen Weg, der mal durch tiefen, heißen Sand, mal durch lehmige Wasserlachen führt. Wir finden eine Stelle am Fluss, zu der die Jeeps fahren oder auch ein klappriger Tankwagen, um Wasser zu holen, das nichts kostet. Solche Wasserentnahme ist eigentlich verboten, denn alles Wasser in Chile ist privat, im Zuge der Neoliberalisierung ab 1981 kam es dazu, dass die Besitzer der Rechte mitunter im Ausland sitzen und für Wasser kassieren, dessen Herkunft und Zustand sie nicht kennen. Eine wichtige Forderung für die neue Verfassung ist, dies zu ändern. Aber noch eine drängende Frage stellt sich: Wie viele solche Siedlungen verträgt die Nebelwüste? Huasco etwa hat seit 1992 seine Einwohnerzahl von 6.000 auf 7.500 erhöht, Tendenz steigend. Und der Wasserverbrauch eines jeden, wenn ein Anschluss verfügbar ist, hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten wie auch anderswo auf der Welt mehr als verdoppelt.

Der Rio Huasco bildet ein Delta von mindestens drei Kilometern Breite, aber kaum knietief und träge ist der Fluss. Schwer vorstellbar, dass sein Wasser aus fünf Gletschern der Anden über 200 Kilometer weit heranfließt, ohne vollständig zu verdunsten. Die Olivenhaine sind kurz vor der Mündung Salzgras und Schilf gewichen. Schon sehen wir den Pazifik und bleiben ergriffen stehen: Auch die Mündung des Rio Huasco ist eine knietiefe Lache von nicht mehr als drei Metern Breite. Die Wellen des Pazifik schwappen selbst bei Ebbe hinein und haben eine Lagune gebildet. Das eigentliche Delta ist durch hohe Dünen abgeriegelt, die fast 15 Meter hoch sind. Nur die eine kleine, seitliche Mündung konnte der Fluss noch für sich behaupten. Wird er in ein paar Jahren als gestrichelte Linie eines temporären Flusslaufes auf Karten erscheinen? In einer Beschreibung von 1899 hieß es: »Der Rio Guasco badet die Städte Vallenar und Freirina, Guasco Bajo und andere Weiler; und obwohl er ein geringes Volumen hat, ist er sehr wichtig für die Landwirtschaft des schönen Tals, das sich an seinen Ufern öffnet bis an die Hänge der mittleren Höhen, die es umgeben. Sein Wasser speist mit Hilfe von Bewässerungskanälen 12.000 Hektar fruchtbaren Bodens.« (Francisco Solano Asta-Buruaga y Cienfuegos)

Wir durchwaten diese kümmerliche Flussmündung eines uns heldenhaft erscheinenden Flusses und haben freien Blick auf die Stadt Huasco in der Ferne, vor uns den breiten weißen Pazifikstrand. Die Spitze der Stadt am Meer bestimmt die Silhouette einer Fabrik, und für die stehen die großen Frachtschiffe vor der Küste Schlange. Sie wollen aufbereitete Eisenpellets laden. Fünf Millionen Tonnen jährlich werden hier produziert und abtransportiert. Arbeit für 550 Menschen. 1978 ist die Planta Pellets errichtet worden. Während ihre Emissionswerte durch technische Innovationen gesenkt werden konnten, stieg der Wasserverbrauch leicht und liegt bei 0,82 Kubikmeter je Tonne: ein theoretischer Wasserbedarf von mindestens 4,1 Millionen Kubikmetern Wasser jährlich, das aus den Gletschern der Anden kommt.

Der Bergbau ist der größte Wasserverbraucher, insbesondere in der wasserarmen Atacama, und die CAP Mineria nur eins von mehreren Bergbauunternehmen in der Provinz. Zum Thema Salzwasseraufbereitung ist nichts auf der firmeneigenen Website zu finden. Übrigens ist CAP einer der wenigen einheimischen und nicht von fremdem Kapital abhängigen Betriebe, denn das interessiert sich mehr für die begehrteren Metalle Kupfer, Gold oder auch Lithium. Den Chilenen ist zudem die Verbandelung der Familie des Exdiktators Augusto Pinochet und anderer Millionäre in große Bergbaukonzerne ein Dorn im Auge und weitere Motivation für die neue Verfassung. Das Eisenerz für Planta Pellets kommt aus den alten Minen von El Colorado, 20 Kilometer entfernt. Es ist stark schwefel- und phosphorhaltig und muss deshalb hier in Huasco auch aufbereitet werden. Die Probleme bleiben im Lande, das Eisen fährt davon.

Iris Bernd lebt als Kunsthistorikerin in Brandenburg und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Wasser. Die Reportage basiert auf einem Aufenthalt in Chile Anfang dieses Jahres.

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