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Aus: Ausgabe vom 07.07.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Ausbeutungsverhältnisse

Rigides Arbeitsregime

Schweden: Drangsalierung bei Onlinekleiderriesen Zalando Alltag. Migrantische Beschäftigte organisieren sich
Von Gabriel Kuhn, Stockholm
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Der Takt ist dicht, das Pensum hoch. Auf der Strecke bleiben Beschäftigtenrechte

Im Jahr 2019 wurde ein Lager des deutschen Onlinekleiderriesen Zalando in Upplands-Bro, nordwestlich von Stockholm, eröffnet. Dort flitzen seither 50 selbstnavigierende mobile Roboter herum, um skandinavische Kunden innerhalb von 24 Stunden beliefern zu können. Arbeiter braucht es trotzdem. Und zwar 600 von ihnen. Zu 200 Festangestellten gesellen sich 400 Leihkräfte. Das Unternehmen schreibt dank Coronakrise Rekordzahlen. 2,2 Milliarden Euro Umsatz im ersten Quartal 2021, eine Steigerung von fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vorstandsmitglieder streichen Millionen ein.

Die Realität der Arbeiter ist eine andere: Überwachung, Leistungsdruck, Telefonverbot, sexuelle Belästigung, Anschiss bei Toilettenbesuch, Kaugummikauen oder einem kurzen Plausch mit Kollegen. In Deutschland wurden die Arbeitsverhältnisse an Zalando-Standorten oft genug beanstandet. Eine ZDF-Reportage sprach 2012 von »moderner Sklaverei«. Die Berliner Datenschutzbehörde kritisiert die Überwachungspraktiken. In Schweden sieht es nicht anders aus. Schon wenige Monate nach der Eröffnung des Lagers in Upplands-Bro berichtete die Tageszeitung Aftonbladet von »Verhältnissen wie im Gefängnis«.

Zalando und die Betreiberfirma des Logistikzentrums, Ingram Micro, kümmerte das wenig. Angst vor Widerstand hatten sie keine. Es arbeiten fast nur migrantische Arbeitskräfte in Upplands-Bro. Sie sind auf den Job angewiesen. Manche würden ohne ihn gar ihre Aufenthaltsgenehmigungen verlieren. Zudem wurde 2019 das schwedische Streikrecht verschärft. Gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen sind nur noch bei stockenden Tarifverhandlungen und ausstehenden Löhnen erlaubt.

Im Zalando-Lager gibt es einen Tarifvertrag mit »Transport«, einer der größten schwedischen Gewerkschaften. Allerdings wandte sich vor rund zwei Jahren eine Handvoll Arbeiter an die syndikalistische Basisgewerkschaft SAC. »Transport« würde auf ihre Beschwerden nicht reagieren. Die SAC ist neben der spanischen CGT Europas mitgliederstärkste syndikalistische Organisation. Sie wurde 1910 nach einem Konflikt innerhalb der schwedischen Gewerkschaftsbewegung gebildet.

Die Zalando-Arbeiter, die die SAC vor zwei Jahren aufsuchten, gründeten eine Betriebsgruppe. Mittlerweile haben sich dieser mehr als die Hälfte der Festangestellten angeschlossen. Die SAC hat damit im Lager mehr Mitglieder als »Transport«. Die Syndikalisten forderten eigene Verantwortliche für Sicherheit und Gesundheitsschutz, Gewerkschaftstreffen während der Arbeitszeit und eine Anschlagtafel. Zalando und Ingram Micro reagierten nicht. Also kündigte die SAC einen Kampf um einen eigenen Tarifvertrag an. Gleichzeitig gingen immer mehr Arbeiter an die Öffentlichkeit. Tushar Miaji, der vor sechs Jahren aus Bangladesch nach Schweden kam, meinte kürzlich gegenüber der Tageszeitung Expressen: »Ich verließ Bangladesch auf der Suche nach einem besseren Leben. Jetzt bin ich bei einem Unternehmen gelandet, bei dem die Arbeiter genauso schlecht behandelt werden wie dort.«

Der Kampf der SAC um einen eigenen Tarifvertrag ist ein taktischer Zug. Tarifverträge werden in Schweden in der Regel zentral ausgehandelt, was die Syndikalisten ablehnen. Aufgrund des verschärften Streikrechts hat die SAC jedoch »lokale Tarifverträge« als Kampfmittel entdeckt. Werden solche gefordert, erlaubt das Kampfmaßnahmen bis zum Streik. Ob es zu einem solchen bei Zalando kommen wird, steht in den Sternen. Von der Bedeutung des Konflikts ist Erik Bonk, Generalsekretär der SAC, bereits jetzt überzeugt. »Die Situation ist einzigartig. Noch nie haben sich in Schweden Arbeiter, die aus verschiedenen Ländern hierherkamen und unterschiedliche Sprachen sprechen, vereint, um gegen einen multinationalen Konzern vorzugehen«, sagte er am Dienstag gegenüber jW. Nicht nur das. Sie stellten das »neuschwedische Modell« auf die Probe, das Stabilität in der Arbeitswelt durch zunehmende Prekarisierung ersetzt.

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