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Aus: Ausgabe vom 07.07.2021, Seite 6 / Ausland
Antiziganismus und Polizeigewalt

Kampf gegen Vertuschung

»Roma Lives Matter« in Tschechien: Aufklärung des Todes von Stanislav Tomas nach Polizeigewalt gefordert
Von Matthias István Köhler
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Proteste gegen Antiziganismus und Polizeigewalt und Gedenken an Stanislav Tomas in Teplice am 26. Juni

Es kann Jahre dauern, bis die Untersuchungen zu den Todes­umständen des am 19. Juni bei einem brutalen Polizeieinsatz im tschechischen Teplice gestorbenen Rom Stanislav Tomas abgeschlossen sind. Das hat der Vertreter des Europäischen Zentrums für die Rechte von Roma (ERRC), Jonathan Lee, in einem Videostatement erklärt, wie das Nachrichtenportal Romea.cz am Montag berichtete.

Lee sagte, dass das ERRC der Familie von Tomas einen Anwalt zur Seite gestellt habe. Er gab zudem bekannt, dass wegen des Todes in Polizeigewahrsam Strafanzeige gestellt worden sei. Man sei »entschlossen, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuloten, sowohl im Inland als auch auf europäischer Ebene, um sicherzustellen, dass die Familie des Opfers Gerechtigkeit erfährt«. Der Zeitplan werde nun aber von der tschechischen Justiz diktiert, das Verfahren könne sich mit Blick auf Erfahrungen mit ähnlichen Fällen allerdings über Jahre hinziehen, so Lee.

Am 19. Juni war Tomas nach einem Polizeieinsatz in einem herbeigerufenen Rettungswagen kollabiert und gestorben. Mit dem Handy aufgenommene Bilder zeigten, dass ein Beamter zuvor minutenlang auf dem Hals des am Boden liegenden Rom gekniet hatte. Die Aufnahmen ähnelten jenen von der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd am 25. Mai 2020 durch einen Polizisten in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota. Daher wurde von Angehörigen und Roma-Aktivisten von einem »tschechischen George-Floyd-Fall« gesprochen.

Die Polizei wies die Vorwürfe im Anschluss schnell zurück. In einer Stellungnahme erklärte sie am 21. Juni, dass der Tod laut einem vorläufigen Autopsiebericht in »keinem Zusammenhang mit dem Einsatz vor der Verhaftung des Verdächtigen« gestanden habe. Ein Arzt habe als Todesursache eine »Überdosis Drogen« angegeben. Unterstützung erhielten die Beamten unter anderem von Innenminister Jan Hamacek und Ministerpräsident Andrej Babis. Auch Tschechiens Staatschef Milos Zeman erklärte, es gebe keine Gründe, an den Ergebnissen der Polizeiuntersuchung zu zweifeln.

Der große Aufschrei, der nach der Ermordung von Floyd monatelang die USA beschäftigte, blieb im Fall von Tomas aus. Dennoch hatte es vereinzelt Demonstrationen gegen Antiziganismus und Polizeigewalt in einigen europäischen Städten gegeben. In der rumänischen Hauptstadt Bukarest waren am 29. Juni laut einem Onlinebericht von Euronews mehr als 100 Menschen vor die tschechische Botschaft gezogen, um gegen institutionalisierten Rassismus zu protestieren. Auch in Berlin wurde am 25. Juni vor der tschechischen Botschaft demonstriert. Proteste gab es unter anderem auch in Wien, Budapest und Dublin.

In Prag versammelten sich am 30. Juni unter dem Motto »Roma Lives Matter« etwa 100 Menschen. Aufgerufen hatte die Anarchistische Föderation, die anprangerte, dass die Polizei nicht die Verantwortung für den Tod von Tomas übernehmen wolle. David Tiser von der Gruppe Romane Kale Panthera (RKP), den Romani Black Panthers, die die Demonstration mitorganisiert hatte, sagte laut Romea.cz: »Vorurteile, Diskriminierung und Rassismus existieren in der Tschechischen Republik.« Kritisiert wurde von anwesenden Aktivisten, dass die Polizei bei der Kundgebung nicht den gebührenden Abstand einhielt.

Bereits am 26. Juni war es beinahe zu einer Eskalation mit Aufstandsbekämpfungseinheiten der tschechischen Polizei bei einer Gedenkveranstaltung für Tomas in Teplice gekommen. Nachdem der offizielle Teil beendet war, wollten die Demonstrierenden durch die Stadt vor die nächstgelegene Polizeiwache ziehen, um Kerzen anzuzünden. Die Aufstandsbekämpfungseinheiten versperrten den Menschen allerdings den Weg. Laut Romea.cz war es ein plötzlich einsetzender Regen, der einen schlimmeren Zusammenstoß verhindert habe.

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