3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 16. September 2021, Nr. 215
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 08.07.2021, Seite 15 / Medien
Marktgläubige Medien

Diener des Mainstreams

Studie zeigt: Großteil der Journalisten nicht in der Lage, Wirtschaftsgeschehen zu verstehen. Sicht ist auf »orthodoxe« Dogmen verengt
Von Bernd Müller
imago0100014686h.jpg
Klare Sache: Mehrheit der untersuchten Lehrveranstaltungen für Medienschaffende vermittelt nur »eine einzige, spezifische Sichtweise auf Wirtschaft«

Die Otto-Brenner-Stiftung legt einmal mehr den Finger in die Wunde: Sind Journalisten in Deutschland in der Lage, das Wirtschaftsgeschehen ausreichend zu reflektieren, verständlich darzustellen, kenntnisreich einzuordnen und zu kommentieren? Die Antwort muss nein lauten, wie eine am 17. Juni veröffentlichte Studie der Stiftung zeigt. Die Sicht vieler Wirtschaftsjournalisten ist auf ein paar wenige ökonomische Dogmen verengt – und es kann auch nicht anders sein, werden angehende Reporter doch meist nur einseitig ausgebildet.

Neoklassische Monokultur

Valentin Sagvosdkin von der Cusanus-Hochschule für Gesellschaftsgestaltung hat für die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) mehr als 300 Lehrveranstaltungen aus über 17 Studiengängen von neun Ausbildungsstätten untersucht. Das Ergebnis müsse ein Weckruf sein, schrieb OBS-Geschäftsführer Jupp Legrand in seinem Vorwort zur Studie. Im Schnitt vermittelten 80 Prozent der untersuchten Inhalte nur »eine einzige, spezifische Sichtweise auf Wirtschaft«, die als »orthodox« bezeichnet werden könnte. Gleichzeitig machten Fächer, die dabei helfen könnten, wirtschaftliche Entwicklungen historisch einzuordnen nur »deutlich unter 20 Prozent« der Lehrinhalte aus, teilweise fehlten sie sogar ganz.

»Vermutlich ist angehenden Wirtschaftsjournalisten kaum bewusst, dass sie in ihrer Ausbildung wenig Fachwissen aus den Wirtschaftswissenschaften, sondern überwiegend eine neoklassische Monokultur vermittelt bekommen«, schreibt Sagvosdkin. Eine Berichterstattung, die sich allein auf solche Expertise stütze, sei im besten Fall fachlich inadäquat, im schlechtesten Fall sei sie unabsichtlich politisch gefärbt.

Es verwundert deshalb nicht, dass Vertreter bürgerlicher Medien nicht recht wissen, wie ökonomische ­Krisen gedeutet werden können. So hat nach Sagvosdkin eine Diskursanalyse ­ergeben, dass während der Finanzkrise 2007 vor allem zwei Deutungen vorherrschten. Beiden war eigen, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem als Ideal betrachtet worden war, das von innen und außen »angegriffen« wird. Die Krise wurde als »Krankheit« bzw. als Naturkatastrophe oder Militärangriff gedeutet.

Auch die Ursachen für die »Klimakrise« werden nur schlecht erfasst. So komme eine Untersuchung der westdeutschen Wirtschaftspresse seit dem Zweiten Weltkrieg zu dem Ergebnis, »dass – vermutlich mangels ideengeschichtlichen und historischen Wissens – das Wachstumsparadigma weitgehend unreflektiert verteidigt wird«. Journalisten griffen kaum die Vielfalt an Ansätzen auf, die sich in den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten finden ließen.

Manche Themen würden sogar weitgehend ausgeblendet. »Es zeigte sich, dass das Thema Vermögens- und Erbschaftssteuer in der Berichterstattung abgesehen von kurzen Zeiträumen nur wenig vertreten ist: Insgesamt in nur 0,2 bis 0,6 Prozent aller Artikel«, heißt es in der Studie. Und wenn doch einmal darüber berichtet werde, liege der Schwerpunkt meist auf der parteipolitischen Ebene. Ökonomische und gesellschaftliche Hintergründe würden dagegen kaum thematisiert.

Schlechte Ausbildung

An der Einseitigkeit des Wirtschaftsjournalismus änderte sich nur etwas, wenn die angehenden Reporter die Vielfalt der ökonomischen Ansätze in ihrer Ausbildung kennenlernten, ist sich Sagvosdkin sicher. In den Wirtschaftswissenschaften entwickle sich eine »plurale und zukunftsgewandte Ausrichtung« mittlerweile zum Goldstandard – nun müsse die Ausbildung der Journalisten nur noch nachziehen.

Es besteht aber wenig Hoffnung, dass die OBS-Studie Gehör findet. Schon im Jahre 2010 hatte die Stiftung eine Untersuchung veröffentlicht, die dem Wirtschaftsjournalismus in Deutschland ein sehr schlechtes Zeugnis ausstellte. »Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus ist ein gläubiger Diener des Mainstreams, kein kritischer Träger der Aufklärung«, hieß es damals. Er biete nur wenig Information, verursache aber viel Desorientierung. Diese Kritik traf ­große Blätter wie das Handelsblatt oder die FAZ. Selbst der Deutschen Presseagentur wurde bescheinigt, nur Zitate und Stellungnahmen zusammenzufügen, aber keine Zusammenhänge zu erklären. Wie die aktuelle Studie zeigt, hat sich bis heute nicht viel daran geändert.

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Mehr aus: Medien

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!