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Aus: Ausgabe vom 09.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Sachsen-Anhalt

Die neue Hauptstadt der Bewegung

Halle ist nun ganz offiziell braunste Stadt des Reiches
Von Bernhard Spring
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Nur in der Reichshauptstadt und in den Großstädten am deutschen Rhein sind die Nazis aktiver

Der »Endlöser« Reinhard Heydrich wäre stolz gewesen: Seine Heimatstadt ist die Hochburg der braunen Bewegung. Laut Verfassungsschutz fanden seit dem vergangenen August stolze 15 der bundesweit 28 extrem rechten Coronademos in Halle statt.

In ihrem Jahresbericht legen die Verfassungsschützer nach: Inzwischen ereignen sich in Sachsen-Anhalt mehr rechte Straftaten als in Bayern – und das, obwohl im süddeutschen Freistaat sechsmal mehr Menschen leben als zwischen Harz und Fläming. Nur in der Reichshauptstadt und in den Großstädten am deutschen Rhein sind die Nazis aktiver.

Die Frage »Warum ausgerechnet Halle?« lässt sich einfach beantworten: Hier sind die Mieten noch bezahlbar. Den preiswerten Lebensraum im Osten nutzt nicht nur die rechte Kaderschmiede »Burschenschaft Germania«. Auch die »Identitäre Bewegung« eröffnete hier einen Tanzsaal zum reinrassigen Anbändeln, direkt am Campus der Geisteswissenschaften. Vor den Toren der Stadt betreibt das »Institut für Staatspolitik« seine Druckerpresse, unweit residiert AfD-Urgestein André Poggenburg auf seiner Wolfsschanze.

Marco Wanderwitz (CDU), Ostbeauftragter der Bundesregierung und beliebter Gastredner des Vereins »Heimattreue Niederdorf«, weiß um das Gedankengut der neuen Reichsbürger. Er weist gern darauf hin, dass der Ostdeutsche per se ein paar Tage später vom Baum geklettert sei. Und dass der gemeine Hallenser trotz 30jähriger Reisefreiheit immer noch nicht in der Bonner Republik angekommen ist.

In Halle sieht man die Dinge etwas differenzierter. Optimisten verweisen gern darauf, dass doch mit Karamba Diaby (SPD) ein Afrodeutscher für Halle im Bundestag sitzt. Auch wenn hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird, er wurde nur nach Berlin geschickt, damit er aus Halle raus ist. Immerhin: Die Schüsse auf sein Büro waren doch kein Attentat, wie die Ermittler jüngst feststellten. Offenbar haben Unbekannte in jener Nacht im Januar 2020 eher wahllos in der Innenstadt rumgeballert. Das antisemitische Attentat vom Oktober 2019 war allerdings tatsächlich ein Attentat, trotz Polizeibericht.

Und dann ist da noch Sven »Zwänn« Liebich. Der Gemischtwarenhändler war früher beim Förderschulverein »Blood and Honour« als Boxer aktiv. Inzwischen delegiert das hallische Original die Handgreiflichkeiten seiner Anhänger vom Dach eines Gebrauchtwagens aus. Und das in beharrlicher Regelmäßigkeit: Seit Beginn der Coronapandemie lässt sich Liebich mehrmals pro Woche für seine Hasstiraden mit selbst aufgelegtem Applaus aus der Konserve huldigen. Umso erstaunlicher, dass der Verfassungsschutz für 2020 gerade einmal 18 Auftritte als »rechtsradikale« Coronademos zählt. Vielleicht sind die Verfassungsschützer ja doch etwas blind auf dem rechten Auge. Vielleicht sind sie einfach zu selten im neuen Reichsgebiet. Vielleicht haben sie – wie Amtsleiter Thomas Haldenwang – aber auch einfach nur NRW-Abi.

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