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Aus: Ausgabe vom 10.07.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Gewollter Krieg

Am 13. August vor 150 Jahren wurde Karl Liebknecht geboren. Als einziger SPD-Abgeordneter stimmte er am 2. Dezember 1914 im Reichstag gegen Kriegskredite
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Sitzung des Reichstags am 4. August 1914 – es gab nur eine ­Gegenstimme zu den Kriegskrediten

Am 4. August 1914 folgte Karl Liebknecht der Fraktionsdisziplin und stimmte im Reichstag nicht gegen die Kriegskredite. Am 2. Dezember 1914 stimmte er als einziger SPD-Abgeordneter gegen die zweite Regierungsvorlage von Kriegskrediten. In der Fraktion schlug er zuvor folgende Erklärung vor. Sie wurde mehrheitlich abgelehnt.

Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, und zwar besonders auch auf deutscher Seite mit dem Ziel von Eroberungen großen Stils. Es handelt sich vom Gesichtspunkt des Wettrüstens aus bestenfalls um einen von der deutschen und österreichischen Kriegspartei gemeinsam im Dunkel des Halbabsolutismus und der Geheimdiplomatie hervorgerufenen Präventivkrieg, zu dem die Gelegenheit günstig schien, als die große deutsche Wehrvorlage verabschiedet und ein technischer Vorsprung gewonnen war. Es handelt sich auch um ein bonapartistisches Unternehmen zur Zertrümmerung und Demoralisierung der rapide anwachsenden revolutionären Arbeiterbewegung. Das Attentat von Sarajevo wurde als demagogischer Vorwand ausersehen. Das österreichische Ultimatum an Serbien vom 23. Juli war der Krieg, der gewollte Krieg. Alle späteren Friedensbemühungen waren nur Dekoration und diplomatische Winkelzüge, gleichviel, ob sie von einzelnen Mitwirkenden ernst gemeint wurden oder nicht. Alles das haben die letzten vier Monate mit steigender Deutlichkeit gelehrt.

Dieser Krieg ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen Volkes entbrannt. Er ist kein deutscher Verteidigungskrieg und kein deutscher Freiheitskrieg. Er ist kein Krieg für eine höhere »Kultur« – die größten europäischen Staaten gleicher Kultur bekämpfen einander, und zwar gerade, weil sie Staaten der gleichen, der kapitalistischen »Kultur« sind. (…) Die Parole »Gegen den Zarismus« diente nur dem Zweck, die edelsten Instinkte des deutschen Volkes, seine revolutionären Überlieferungen, für den Kriegszweck, für den Völkerhass zu mobilisieren. Deutschland ist der Mitschuldige des Zarismus bis zum heutigen Tage. Deutschland, dessen Regierung zur militärischen Hilfe für den Blutzaren gegen die große russische Revolution (von 1905, jW) bereitstand, Deutschland, in dem die Masse des Volkes wirtschaftlich ausgebeutet, politisch unterdrückt ist, wo nationale Minderheiten durch Ausnahmegesetze drangsaliert werden, hat keinen Beruf zum Völkerbefreier. Die Befreiung des russischen Volkes muss dessen eigene Sache sein, so wie die Befreiung des deutschen Volkes nicht das Ergebnis von Beglückungsversuchen anderer Staaten, sondern nur sein eigenes Werk sein kann.

Zur Durchführung der gewissenlosen Regie, mit der der Krieg inszeniert wurde, zur Unterdrückung jeder Opposition, zur Vorspiegelung chauvinistischer Einmütigkeit des deutschen Volkes wurde der Belagerungszustand verhängt, die Press- und Versammlungsfreiheit vernichtet, das kämpfende Proletariat entwaffnet und zu einem höchst einseitigen »Burgfrieden« gezwungen, der – durch nebensächliche »Zugeständnisse« schlecht verbrämt – nur eine stilistische Umschreibung der politischen Kirchhofsruhe ist. (…)

Wir verdammen die grausame Behandlung der Zivilbevölkerung auf den Kriegsschauplätzen. Die Verwüstung ganzer Ortschaften, die Festnahme und Exekution Unbeteiligter als Geiseln, die Niedermachung Wehrloser ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die als Repressalien für Verzweiflungs- und Notwehrakte erfolgten, rechtfertigen die schwerste Anklage. (…)

Wir bekämpfen jede Annexion grundsätzlich und entschieden, da sie gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstößt und nur kapitalistischen Interessen dient. Jeder Friede mit Eroberungen wird, weit entfernt, eine Friedenssicherung zu sein, eine Ära des verschärften Wettrüstens einleiten und einen Krieg im Schoße tragen.

Wir empfinden mit den Söhnen des Volkes, die im Felde Übermenschliches an Tapferkeit, Entbehrung, Aufopferung leisten. Wir empfinden mit ihnen als mit unserem eigenen Fleisch und Blut, für das wir, wenn die Zeit kommen wird, unerbittlich Rechenschaft heischen werden. Um so mehr verwerfen wir diesen Krieg, um so mehr gebietet uns die Pflicht gegenüber dem deutschen Volk und der ganzen Menschheit, gegenüber dem internationalen Proletariat, das dennoch unlöslich zusammengehört, mit allen unseren Kräften der Völkerzerfleischung entgegenzuwirken. (…)

Wir warnen die Regierungen und die herrschenden Klassen aller kriegführenden Länder vor der Fortsetzung des blutigen Gemetzels und rufen die arbeitenden Massen dieser Länder auf, seine Beendigung zu erkämpfen. Nur ein auf dem Boden der internationalen Solidarität erwachsener Friede kann ein gesicherter sein. Proletarier aller Länder, vereinigt euch wieder, trotz alledem!

Kar Liebknecht: Erklärung. In: Klassenkampf gegen den Krieg. Material zum »Fall Liebknecht«. Manuskriptdruck, Frühjahr 1915. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band VIII. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 57–60

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