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Aus: Ausgabe vom 10.07.2021, Seite 15 / Geschichte
Geschichte USA

Moderner Thesenanschlag

Versuch der Reformation der USA: Vor 55 Jahren entfachte Martin Luther King eine Protestbewegung gegen das Elend in den Ghettos
Von Jürgen Heiser
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Schrittweiser Aufbau einer Massenbewegung: Bereits zwei Jahre vor seinem Thesenanschlag sprach Martin Luther King im Stadion Soldier Field in Chicago (24.6.1964)

Von Mitte der 1950er Jahre an stand der Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. ein Jahrzehnt lang in besonderer Verbindung zur Stadt Chicago im US-Bundesstaat Illinois. Das Besondere daran war, dass Kings Bemühungen um den Aufbau der schwarzen Bürgerrechtsbewegung sich bis dato vor allem auf die US-Südstaaten konzentriert hatten, wo seit dem Ende der Sklaverei nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) weiter Rassismus und Unterdrückung gegenüber der schwarzen Bevölkerung herrschten. Doch Chicago gehörte zu den Metropolen der Nordstaaten, die den Kampf gegen die Sklavenhalterstaaten geführt hatten. Was also suchte King dort?

Frontstadt

In den Annalen der UChicago News, der vom Office of Communications der University of Chicago herausgegebenen Hochschulzeitung, war am 9. Januar 2012 nachzulesen, King habe den Campus der Universität dreimal besucht. Und zwar in jenem Jahrzehnt, »das sich für die Nation und für King als wegweisend erwies und in dem der US-Kongress 1964 »den historischen Civil Rights Act verabschiedete und King mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde«.

Mit jedem seiner Besuche habe King seine Bindung an die Stadt Chicago vertieft und »neue Zuhörer mit seiner Botschaft von Hoffnung, Gerechtigkeit und Mut inspiriert«, so die ­UChicago News. In seiner ersten Ansprache am 13. April 1956 in der Rockefeller Memorial Chapel habe der »27jährige Prediger mit seiner kraftvollen Stimme und seiner durchschlagenden Botschaft« von einem »Konflikt zwischen den Mächten des Lichts und der Dunkelheit« gesprochen und seine Anhängerschaft zum Handeln ermutigt: »Wenn ihr nicht rennen könnt, geht; wenn ihr nicht gehen könnt, kriecht, aber bleibt in Bewegung!«

King habe den frühen Aktiven der Bürgerrechtsbewegung in Chicago geholfen, »einen gangbaren Weg zu beschreiten, um ihre Ziele zu erreichen«, egal ob »aus religiöser oder aus nichtreligiöser Motivation«. King habe die Leute »inspiriert und informiert«, erinnerte sich Timuel Black 2012 in der Hochschulzeitung. Der junge Kriegsveteran war nach dem Sieg über den Faschismus in Europa mit dem Vorsatz aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt, auch zu Hause gegen rassistisches Unrecht kämpfen zu wollen.

Die Kampagnen der Bürgerrechtsbewegung in den offen rassistischen Bundesstaaten im Süden der USA bestärkten auch eine Bewegung in Chicago, die seit 1965 gegen Wohnungsnot und Verelendung in den Ghettos der schwarzen und puertoricanischen Bevölkerung, gegen den Bildungsnotstand und für Mieterrechte und Jobs kämpfte. Das Chicago Freedom Movement (CFM) entwickelte sich in enger Zusammenarbeit mit der von King geleiteten Southern Christian Leadership Conference (SCLC), die den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten im Norden der USA auf Chicago setzte, weil dort »ein hohes Maß an institutionalisierter Diskriminierung« sowohl an den staatlichen Schulen als auch in den Wohnvierteln der Schwarzen herrschte. Auf einem Gipfeltreffen von Gemeindeorganisationen erklärte King 1965: »Wenn wir das System in Chicago brechen können, kann es überall im Land gebrochen werden.«

Am 26. Januar 1966 bezog King mit seiner Frau Coretta eine Wohnung in einer Mietskaserne von Chicagos segregierter West Side. Nach den Aufzeichnungen des Historischen Museums von Chicago wollte King durch seinen persönlichen Einsatz wie in anderen Brennpunkten der rassistischen Unterdrückung die Aufmerksamkeit auf die Notlage der Armen lenken, um »ein bösartiges ­System auszurotten, das versucht, Tausende von Schwarzen weiter in einer Slum-Umgebung zu kolonisieren«, so der Bürgerrechtler. Gemeinsam mit örtlichen Aktivisten proklamierte King das CFM, das mit Presseterminen in heruntergekommenen Mietskasernen und Protestaktionen gegen profitgierige »Slum-Miethaie« sofort zur Tat schritt. King und das CFM sprachen auch mit führenden Politikern der Stadt, darunter dem selbstherrlichen Bürgermeister Richard J. Daley, dem Kings Kampagne missfiel. Für den Fall, dass Daley nicht einlenke und eine radikale Veränderung der Wohnsituation in den Armenvierteln in Angriff nehme, kündigte das CFM weitere Aktionsprogramme an.

Freedom Sunday

Das erste große Etappenziel der Kampagne sollte eine Großkundgebung am 10. Juli 1966 sein. »Wir werden zum Rathaus marschieren, um eine gerechte und offene Stadt zu fordern«, zitierte die Chicago Tribune King. Trotz einer Hitzewelle, unter der die Stadt litt, versammelten sich am 10. Juli, dem »Freedom Sunday«, rund 36.000 Menschen im Sportstadion »Soldier Field«. Dort rief King der Menge zu: »Heute müssen wir unsere eigene Emanzipationserklärung verkünden und uns verpflichten, jedes notwendige Opfer zu bringen, um Chicago zu verändern.« Wenn es nicht anders möglich wäre, »die Slums und Ghettos loszuwerden«, müssten notfalls auch alle »die Gefängnisse von Chicago füllen«, denn jetzt sei die Zeit dafür gekommen, »der Gerechtigkeit überall in dieser Nation zum Durchbruch zu verhelfen«.

Im Anschluss an seine Rede führte King den Marsch auf das Rathaus an, wo er in Anlehnung an die legendäre Tat seines mittelalterlichen Namensvetters eine Liste von Thesen an der stählernen Rathaustür befestigte. Die Thesen forderten ein Ende der diskriminierenden Praktiken bei der Wohnungsvermietung, mehr Jobs für Schwarze sowie ein sofortiges Ende der Polizeigewalt. Die Menge bejubelte das »Anschlagen der Thesen« und hoffte gemeinsam mit dem CFM, dieser Tag möge »den symbolischen Beginn einer amerikanischen Reformation markieren«.

Doch es kam anders. »Ich habe noch nie, nicht einmal in Mississippi und Alabama, einen so hasserfüllten Mob gesehen wie hier in Chicago«, erklärte der entsetzte King Anfang August nach Angriffen weißer Faschisten und Rassisten auf eine weitere Demonstration der Bewegung, bei denen er selbst durch einen Steinwurf verletzt worden war. Kurz darauf trafen sich Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Kirchen mit Bürgermeister Daley und King, um zur Verhinderung einer weiteren Eskalation ein Abkommen zur Beilegung der Wohnungsmisere zu beschließen.

Das Papier wurde am 28. August 1966 verabschiedet und zunächst von King begrüßt. Doch schon bald erhob King den Vorwurf, die Stadt halte nicht Wort. Das zwischen Daley und King geschlossene Abkommen über »Wohnungsbau für alle« in Chicago gilt dennoch offiziell als Vorläufer des auf Bundesebene beschlossenen Civil Rights Act von 1968, besser bekannt als »Fair Housing Act«. Dieses Gesetz wurde am 10. April 1968 vom US-Kongress verabschiedet und einen Tag später vom damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson unterzeichnet – exakt eine Woche, nachdem Martin Luther King Jr. in Memphis, Tennessee, ermordet worden war.

Ungleiche Lebensverhältnisse

1960 wohnten 73,2 Prozent der Schwarzen in den Städten, während es 1900 nur 20 Prozent waren. Der Zuzug in die Städte ging nicht mit einer gleich großen Ausweitung der schwarzen Viertel einher, und in die weißen Viertel können die Schwarzen kaum eindringen. Nur den reichsten Schwarzen und denen mit akademischen Berufen gelingt es, in anderen Vierteln eine Wohnung zu bekommen. Ein solches Vordringen aber führt regelmäßig zum Auszug der Weißen in die grünen Vororte der Städte, die Zentren der Industriestädte sind von Schwarzen bewohnt, bis sie der Sanierung zum Opfer fallen. Die Lebensbedingungen werden schlechter mit dem Auszug der Weißen, denn die Ärzte und Lehrer gehen mit ihnen. Die medizinische Versorgung in den Ghettos ist für sich ein Skandal: Die Säuglingssterblichkeit ist bei den Schwarzen doppelt so hoch wie bei den Weißen, die Lebensdauer der Schwarzen beträgt 64 Jahre, die der Weißen 71.

Die Armut in den Ghettos – 43 Prozent der schwarzen Familien werden in der Statistik offiziell als arm geführt, gegenüber zwölf Prozent der weißen Familien – wird verschärft durch die hohe Inflationsrate. Im Durchschnitt leben in den Ghettos der Schwarzen 6,5 Prozent Kleinbürger, 35 Prozent Arbeiter und Angestellte und ca. 60 Prozent Teil- und Dauerarbeitslose, unter diesen ein großer Prozentsatz Jugendlicher.

Auszug aus »USA: Farbige Revolution und Klassenkampf«, in: Trikont-Schriften zum Klassenkampf Nr. 26, München 1972, S. 13 f.

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