3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 23. September 2021, Nr. 221
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 10.07.2021, Seite 2 / Inland
Erinnerungskultur

»Wintershall unterstützte NS-Vertreter«

Rechtsnachfolger von Profiteuren der Naziherrschaft soll Nachbar einer Gedenkstätte in Hamburg werden. Verbände empört. Gespräch mit Theresa Jakob
Interview: Kristian Stemmler
Holocaust_Gedenktag_68149457.jpg
Die Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof in Hamburg (27.1.2021)

Bis 2023 soll in der Hamburger Hafencity als Teil der Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof ein Dokumentationszentrum entstehen, das an die Deportationen erinnert, die es dort von 1940 und 1945 gegeben hat. Jetzt gibt es Streit, weil in das Gebäude die Firma Wintershall DEA einziehen soll. Worum geht es?

Die Stadt hatte sich entschlossen, den Erinnerungsort in einem von privaten Investoren errichteten und betriebenen Bürohaus unterzubringen. Die Kulturbehörde befragte im Februar dazu die Opferverbände, die einhellig feststellten, dass eine Vermietung an Wintershall DEA nicht mit dem Nutzungsvertrag des Gebäudes für das Dokumentationszentrum vereinbar ist und der vermietende Investor gegen die Vereinbarung verstoßen hat. Dass eine in die Verbrechen der NS-Zeit involvierte Firma nicht Tür an Tür mit einer Gedenkstätte leben kann, bedarf eigentlich keiner weiteren Erläuterung.

Welche Verbindung besteht konkret zwischen Wintershall DEA und den Naziverbrechen?

Die Firma Wintershall war in der NS-Zeit nicht nur Teil der aggressiven Aufrüstungs- und Kriegsführungspolitik des Naziregimes, sondern über ihren Vorstandsvorsitzenden August Rosterg bereits vor 1933 auch direkter Unterstützer von bekannten NS-Vertretern wie Wilhelm Keppler und Heinrich Himmler. Das Unternehmen profitierte von der sogenannten Arisierung, beteiligte sich an der Ausplünderungspolitik der von den Nazis okkupierten Länder und beutete Tausende Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in ihren Werken aus. Die Firma Wintershall DEA gehört heute zu 67 Prozent der BASF, einem Nachfolgekonzern der IG Farben AG, die das erste firmeneigene KZ Auschwitz-Monowitz errichtete und Zyklon B in die Vernichtungslager lieferte. Die Firma Wintershall AG hat sich spät mit ihrer NS-Geschichte auseinandergesetzt. Erste, vorläufige Studien wurden dazu kurz vor ihrem Börsengang im vergangenen Jahr veröffentlicht. Weitere Untersuchungen auch zum Fusionspartner DEA sollen folgen. Die Wintershall DEA engagiert sich zwar gegen rechts – aber qualifiziert das diese Firma, in guter Nachbarschaft mit einer Gedenkstätte zu leben, die den Opfern und Überlebenden der NS-Gewaltherrschaft gewidmet ist?

Was fordert die Linksfraktion?

Wir erwarten, dass die Hansestadt Hamburg und ihre Vertragspartner geschlossene Verträge einhalten. Im Konfliktfall ist im ­Dauernutzungsvertrag ein Schiedsverfahren vorgesehen. Kulturbehörde und Investor haben statt dessen ein Mediationsverfahren initiiert, an dem sich auch die Verbände beteiligen sollen, obwohl sie keine Vertragsparteien sind. Lösungsvorschläge, die verhindern, dass das Dokumentationszentrum durch eine nicht vereinbarte Nutzung des darüber befindlichen Gebäudes Schaden nimmt, wurden nicht gemacht.

In einer gemeinsamen Erklärung haben das Auschwitz-Komitee, die Rom und Cinti Union Hamburg und der Landesverein der Sinti sich gegen den Einzug von Wintershall DEA ausgesprochen. Teilen Sie deren Position?

Ja. Es ist völlig inakzeptabel, dass die Rechtsnachfolgerin der Profiteure der Deportationen unmittelbare Nachbarin des Dokumentationszentrums wird. Das widerspricht dem Sinn des Vertrags mit der Stadt. Empörend ist schon die Tatsache, dass anstelle einer Entscheidung ein Mediationsverfahren angesetzt wurde. Wie soll bitte ein Kompromiss in einer solchen Frage aussehen?

Glauben Sie, dass der Senat den Argumenten der Opferverbände Gehör schenkt, oder wird er den Einzug von Wintershall DEA durchsetzen?

Gegenfrage: Wessen Argumente könnten hierbei schwerer wiegen als die der Opferverbände? Es ist beschämend, dass das nicht die selbstverständliche Haltung des Senats ist. Und noch beschämender ist es, dass die Stadt hier wieder einmal, wir erinnern uns an das Stadthaus, krampfhaft versucht, es vor allem den privaten Investoren recht zu machen, während sie über ihre eigenen schlecht gemachten Verträge stolpert und die Gedenkkultur dabei mit Füßen tritt.

Theresa Jakob ist Mitglied der Fraktion der Partei Die Linke in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Ähnliche:

  • »Unbezahlter und vermögensloser Referendar«: Der NSDAP-Aufnahmea...
    27.07.2020

    »Gar nicht konservativ«

    Rainer Zitelmann gefällt das: Jürgen Falter über Hitler als Revolutionär und die »Volkspartei« NSDAP
  • Im Inneren können rechte Pilger ungestört Rituale abhalten: Größ...
    12.06.2019

    Verdrängen statt Gedenken

    Hamburg: Bismarck-Statue wieder Wallfahrtsstätte. Schauplätze des NS-Terrors werden hochpreisige Immobilien
  • Historischer Verbindungsgang zu den Verhörräumen der Gestapo (Ha...
    10.11.2018

    Gedenken statt Konsum

    Kundgebung vor ehemaliger Gestapo-Zentrale im Hamburger Stadthaus. Überlebende und Aktivisten erinnern an Opfer der Novemberpogrome von 1938

Regio:

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!