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Aus: Ausgabe vom 10.07.2021, Seite 8 / Inland
Klimabewegung

»Wir haben die Versammlung bis 2038 angemeldet«

Erlangen: Permanentes Klimacamp wurde in der Nähe des Rathauses aufgebaut. Ein Gespräch mit Nicolas Bischoff
Interview: Gitta Düperthal
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Das Klimacamp in Erlangen ist bis 2038 angemeldet (4.6.2021)

Üblicherweise sind ja Klimacamps eher im Wald, um die Natur dort zu schützen. Weshalb haben die Aktivistinnen und Aktivisten in Erlangen ihr Camp mitten in der Stadt errichtet?

Wir wollten sichtbarer sein, können so neue Leute für die Sache gewinnen und der Stadtregierung dauerhaft vor der Nase sitzen. Wir haben unsere Versammlung bis zum Jahr 2038 angemeldet, also bis zu dem Datum, an dem die Bundesregierung aus der Kohle aussteigen will. Oder bis es mit dem viel zu großen CO2-Ausstoß in Deutschland besser wird. Es hängt auch davon ab, wann die Stadt Erlangen die Klimaschutzziele umgesetzt hat. An diesem Sonnabend ist es der 37. Tag nach unserer Besetzung.

Wie begründen Sie Ihr sehr langfristiges Vorhaben?

Wir haben fünf wesentliche Forderungen. Erstens: Verkehrswende jetzt. Wir fordern hierfür ein kostenloses Sozialticket für den öffentlichen Personennahverkehr, ab 2025 kostenlose Fahrten für alle, autofreie Innenstadt ab 2023. Zweitens: Energiewende jetzt. Drittens: Mietendeckel jetzt. Viertens: Verbot von Lebensmittelverschwendung im Einzelhandel. Fünftens: Bis 2025 soll alles klimaneutral sein. Aktivistinnen und Aktivisten aus verschiedenen Organisationen setzen sich im Camp für Klimagerechtigkeit ein, etwa »Fridays for Future«, »Ende Gelände«, »Extinction Rebellion«, Parteijugenden der Linken und Grünen sowie politisch aktive Einzelpersonen.

Gab es Schwierigkeiten mit der Stadtverwaltung?

Anfangs war einmal ein Großaufgebot der Polizei da. Zunächst hat man mit dem Camp gehadert, sich gestört gefühlt. Oberbürgermeister Florian Janik von der SPD muss den Platz stets überqueren, wenn er aus dem Rathaus kommt, etwa wenn er zur gegenüberliegenden Bank möchte. Die Regierenden müssen sich dauerhaft unseren Protest anschauen. Man gewöhnt sich langsam an unsere Anwesenheit. Das Camp wird täglich wohnlicher. Strom wird mit Solarpanels erzeugt. Man kann prima von dort aus arbeiten oder sich für die Uni vorbereiten. Für die angemeldete Versammlung müssen immer mindestens zwei Personen zugegen sein, sonst könnte die Polizei anrücken und das Camp auflösen. Ich bin jetzt schon zweieinhalb Wochen nicht zu Hause gewesen. Wir fragen Interessierte, ob sie einfach mal eine Schicht bei uns übernehmen.

Steht das Klimacamp für alternative Lebensformen?

Die mit Isomatten und Schlafsäcken ausgestatteten Zelte sind Gemeineigentum. Aktivistinnen und Aktivisten haben sie mitgebracht. Jeder, der möchte, kann darin übernachten. Kommt jemand, der bei uns schlafen möchte, schauen wir, wo ein Platz frei ist. In einem Pavillon, der als Aufenthaltsraum dient, stehen Sofas. Viele lokale Organisationen veranstalten ihre Gruppensitzungen dort. In unserer solidarischen Küche bereitet jeden Abend jemand eine vegane Mahlzeit zu. Mitessen kann jeder, der vorbeikommt. Wir bekommen auch Essensspenden von Foodsharing und Restaurants. Was sonst weggeschmissen würde, wird ans Camp gegeben. Wir machen Kleidertausch, jeder kann Klamotten bringen oder nehmen.

Was machen Sie bei Starkregen?

Der Pavillon ist nicht wasserdicht. Wir haben inzwischen verschiedenste Konstruktionen ausprobiert, etwa mit Planen oder einer Regenrinne. Die Sofas stehen auf Paletten, damit das Wasser darunter durchfließt.

Was wird bei Ihrer Demonstration am 17. Juli los sein?

Als wir beantragten, die sich von Ost nach West ziehende Henkestraße in Erlangen zur Spielstraße zu machen, zeigte man uns bei der Stadt einen Vogel. Wir konnten uns darauf einigen, die Bismarckstraße für drei Stunden zu sperren, um Bürgerinnen und Bürgern zu zeigen, wie schön eine autofreie Innenstadt sein kann, zum Beispiel, um Fußball oder Tischtennis zu spielen und für Kinderprogramm.

Nicolas Bischoff ist Koordinator der Linksjugend Solid in Erlangen

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