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Aus: Ausgabe vom 12.07.2021, Seite 1 / Titel
Soziale Notlage

Schuften ohne Ende

Immer mehr Rentner müssen arbeiten. DGB fürchtet Privatisierung der Alterssicherung. Linke fordert »Lebensabend ohne Armut«
Von Oliver Rast
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Kein Einzelfall: Mehr als eine Million Ruheständler müssen ihre karge Rente durch Extrajobs aufbessern (Leipzig, 18.2.2014)

Der Trend ist eindeutig: Malochen über das Renteneintrittsalter hinaus. Die Quote an Beschäftigten über 67 Jahren steigt hierzulande, das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke, aus der die dpa am Sonntag zitierte.

Demnach waren im vergangenen Jahr 1,04 Millionen Beschäftigte 67 Jahre oder älter. Konkret: Rund 600.000 von ihnen hatten noch im Alter ab 70 einen regelmäßigen Job. Fast 220.000 waren mindestens 75 Jahre alt, 72.000 gar über 80 Jahre. Dazu passt folgende Zahl: Waren 2009 lediglich vier Prozent der Männer und Frauen im Alter ab 65 erwerbstätig, waren es 2019 bereits acht Prozent, wie das Statistische Bundesamt Ende Juni mitteilte.

Der Grund für die Extraschichten ruheloser Ruheständler ist simpel: Zahlreiche Menschen sind auch im hohen Alter auf Einkünfte aus Arbeit angewiesen. Das beobachten Arbeitsmarktforscher bereits seit Jahren. Das Gros aller Malocher im Rentenalter sind Minijobber, etwa 800.000. Der Vorteil: Die oftmals karge Zusatzeinnahme muss nicht versteuert werden.

Die Unterschiede sind ferner geschlechtsspezifisch. Die Rente bei Frauen ist im Vergleich zu Männern erheblich geringer. Nach Angaben der Bundesregierung liegt die durchschnittlich überwiesene gesetzliche Rente derzeit bei unter 1.000 Euro. Frauen erhalten dabei im Schnitt 425 Euro pro Monat weniger ausgezahlt als Männer. Das ging aus einer Antwort des SPD-geführten Bundesarbeitsministeriums vom Dezember 2020 auf eine frühere Anfrage der Linksfraktion hervor.

Damit sind die Geschlechterunterschiede bei den Altersbezügen sogar noch größer als beim Verdienst, kritisierte der Kovorsitzende der Bundestagsfraktion der Linken, Dietmar Bartsch, am Sonntag auf Nachfrage vom Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Wir haben nicht nur eine Lohn-, sondern auch eine riesige Rentenlücke zwischen Frauen und Männern.« Laut den Angaben beträgt die Differenz etwa 35 Prozent.

Die Kontroverse dürfte sich weiter zuspitzen, zu einem Wahlkampfthema werden. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium von Peter Altmaier (CDU) forderte jüngst angesichts von »schockartig steigenden Finanzierungsproblemen in der gesetzlichen Rentenversicherung ab 2025« ein noch höheres Renteneintrittsalter, das an die Lebenserwartung gekoppelt wird. Zunächst eine Anhebung auf 68 Jahre. Wenig überraschend: Auch das kapitalnahe Ifo-Institut plädierte für eine weitere Erhöhung des Rentenalters, andernfalls könnten die absehbaren Zusatzkosten zu einer höheren Mehrwertsteuer von 23 Prozent 2030 bzw. 27 Prozent im Jahr 2050 führen. Eine Drohkulisse gegen die arbeitende Bevölkerung.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) intervenierte rasch. Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied, erklärte in einer Mitteilung, dass der Wissenschaftliche Beirat die »Renten drastisch kürzen«, den »Sozialstaat abbauen« und die »Alterssicherung privatisieren« wolle. Der Dachverband sei strikt dagegen. Und sowieso: Die Rente sei kein Almosen, sondern ein Sicherheitsversprechen. Und die Rentenfinanzierung kein Konflikt zwischen Generationen, »sondern einer zwischen Kapital und Arbeit«.

Bartsch nannte die soziale Notlage zahlreicher Rentner am Sonntag auf seinem Twitter-Account »ein Trauerspiel für unser Land«. Nach der Bundestagswahl müsse eine große Rentenreform angestoßen werden – »für einen Lebensabend ohne Armut«.

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  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (15. Juli 2021 um 12:39 Uhr)
    Der Trend bei der Alterssicherung ist eindeutig, er wurde entwickelt nicht ohne aktive Hilfe der Gewerkschaften, namhafter Gewerkschafter, ebensolcher »Finanzexperten« – im Interesse des Finanzmarktes. Wie konnten sich nur Gewerkschafter darauf einlassen, das Hohelied der Privatisierung elementarer Menschenrechte, der Alterssicherung eingeschlossen, mitzusingen, und ihre Mitglieder dummreden? Der DGB befürchte eine Privatisierung der Alterssicherung. Die ist längst im Gange, mit verheerenden Wirkungen der Verarmung, Entsolidarisierung bis zum »Schuften ohne Ende«. Was »Renten-, Demographie- und Arbeitsmarktexperten« uns seit vielen Jahren, begleitet von Demagogen in Politik und Wirtschaft, weismachen, fordern, für alternativlos wegen der Finanzierung erklären, findet ganz von selbst statt. »Malochen über das Renteneintrittsalter hinaus« ist längst deutsche Realität. Dazu braucht es nur das Hinsehen, dort hinsehen, wo Armut ist, wo die wenigsten hinsehen wollen, wo Menschen in der wirklichen und gemiedenen Dunkelheit um Existenz kämpfen. Sehen wir bei notwendigem Zuverdienst noch, zu welchen Lohn- und Arbeitsbedingungen die sklavenartige Ausbeutung und Ausnutzung der Notlage von Menschen geschieht, welcher Zynismus, Hohn und Spott ergeht von den Herrschenden über die Bevölkerung, Lohnabhängige und Ältere. Dreist, unverschämt wird in Verdrehung der Wirklichkeit erklärt, höheres Lebensalter, Gesundheit bringe Bedürfnis nach längerer Arbeit und gesellschaftlicher Wertschätzung. Sind das die in sozialer Notlage? »Lebensabend ohne Armut« – wer wollte die Forderung nicht unterschreiben? Allein, der »Trend« bleibt eindeutig, mit aller spürbaren Entsolidarisierung.
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (11. Juli 2021 um 20:50 Uhr)
    Das ganze Thema lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Ab da, wo der moderne Sklave nicht mehr zur Profitsteigerung einer elitären Minderheit mit beizutragen in der Lage ist, wird er zum »Dividendenschrott« (Franz Josef Degenhardt) und damit zu einer zu »entsorgenden« Belastung des kapitalistischen Systems. Aber so ehrlich, diesen Zusammenhang klar zu benennen, ist ja kaum noch jemand; nicht einmal mehr die Gewerkschaften und schon gar nicht der DGB.

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