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Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 16 / Sport
Breitensport

Ringen ums Existentielle

Wie es gelang, dass die Sportstätten der DDR nicht von der Treuhand verkauft wurden
Von Andreas Müller
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»Wir mussten höllisch aufpassen, dass die Sportstätten von der Treuhand nicht verhökert werden.« Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin-Prenzlauer Berg

Gut 30 Jahre ist es her, dass sich der sportlichen Basis in Ostdeutschland nach dem Anschluss die existentielle Frage stellte. Dem gesamten System vom kleinsten Anfänger auf Kufen oder am Ball bis zu den Olympiahelden war im typischen DDR-Deutsch der Begriff vom »Übungs-, Trainings- und Wettkampfbetrieb« mit dem Kürzel ÜTW übergestülpt. Im Breitensport ging ohne die »Trägerbetriebe« nichts. Ihnen kam eine elementare Bedeutung zu, weit über die Namensgebung hinaus. Bei den Betriebssportgemeinschaften (BSG) traten die jeweiligen volkseigenen Unternehmen über ihre Kultur- und Sozialfonds als wichtigste Geldgeber auf oder waren – neben den Zuschüssen vom DTSB der DDR und Erlösen aus den sehr niedrigen Beiträgen der Mitglieder – die wesentlichen Mitfinanziers des »kleinen Sports«. Zudem verdankte das BSG-Netz den Trägerbetrieben seine »materiell-technische Basis« in Gestalt der Sportstätten.

Eine Konstruktion, die nach 1989 und dem damit einhergehenden wirtschaftlichen Einbruch gefährliche, ja, katastrophale Folgen fürs sportliche Leben hätte mit sich bringen können. »Schnell war klar, worin die vorrangige Aufgabe bestand: Wir mussten höllisch aufpassen, dass die Sportstätten von der Treuhand nicht verhökert werden. Wir mussten unbedingt eine Lösung dafür finden, dass die Sportanlagen nicht zusammen mit den Betrieben verkauft werden«, schildert Bernd-Uwe Hermann im jW-Gespräch in unmissverständlichen Worten einen grundsätzlichen Aspekt ostdeutscher Sportpolitik in ihren letzten Zuckungen. Eben diesen Zusammenhang – oder richtiger: die unbedingte Trennung der Betriebe von ihren Sportstätten bei der Neuregelung von Vermögensfragen, Eigentumsrecht, Verkauf oder Konkurs – hatte Hermann, der am »Runden Tisch Sport« in der DDR mitarbeitete, schon in diesem Gremium der Bürgerrechtler ganz besonders im Blick.

Erst recht galt dies für die Phase nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990, nachdem Hermann zum Referatsleiter Rechts- und Finanzfragen im Ministerium für Jugend und Sport der letzten DDR-Regierung avanciert war. Jemand, der etwas vom Sport verstand, genau am richtigen Platz. Er wusste, was auf dem Spiel stand. »Das mit den Sportstätten mussten wir irgendwie hinkriegen. Das war eine der größten Herausforderungen. Ansonsten wäre dem Sport im Osten ja seine wichtigste Grundlage weggebrochen. Wie soll man Sport treiben ohne Sportstätten?« Insgesamt 262 Stadien, 1.175 Sportplätze, fast 4.000 Sporthallen, um die 1.500 Freibäder und auch 180 Kegelanlagen galt es zu retten. Entsprechend emotional bewegt ist Hermann im Rückblick, dass es ihm und seinen Mitstreitern unter der Leitung der damaligen Sportministerin Cordula Schubert gewissermaßen auf den letzten Metern gelang, der Regierung von Ministerpräsident Lothar de Maizière ein »Sportsicherungsprogramm« an die Hand zu geben mit einem »Sportstättensicherungsgesetz« als juristischem Kern. Mit diesem im Juni 1990 von der Volkskammer gebilligten Instrument wurde es möglich, sämtliche BSG-Sportanlagen in kommunales Eigentum zu überführen und allen eventuellen Begehrlichkeiten von Treuhand bzw. potentiellen Käufern respektive Umwidmungen, Bebauungen und anderer als sportlicher Nutzung einen Riegel vorzuschieben.

Das Gesetz zum Schutz der Sportstätten bildete das Fundament und den Ausgangspunkt für das Weiterbestehen des Vereinssports in Stadt und Land unter nunmehr völlig neuen Verhältnissen. Andere Marksteine im Laufe des Jahres 1990 waren Mitte bzw. Ende September die Gründungen der Landessportbünde (LSB) in den »neuen Ländern«, womit ab Herbst die Strukturen sukzessive neu organisiert und auch ihre Finanzierung nach bundesdeutschem Muster ausgerichtet wurden. »Dieses Gesetz war eine der wichtigsten sportpolitischen Entscheidungen der letzten DDR-Regierung überhaupt und von erheblicher Tragweite für den Sport im Osten«, unterstreicht der sportpolitische Zeitzeuge im Rückspiegel. »Und es war mit einer klaren politischen Botschaft verbunden: Damit tun wir etwas für eine solide Zukunft des Breitensports. Ohne diese gesetzlichen Regelungen und die nach dem 3. Oktober 1990 durch das Bundesinnenministerium bereitgestellten Mittel auch für den Vereinssport würde die ostdeutsche Vereinslandschaft heute ganz anders aussehen.«

Bei der Treuhand-Anstalt, der Mitte 1990 gut 8.500 volkseigene Betriebe und Kombinate mit rund vier Millionen Beschäftigten unterstanden, sei man Hermann zufolge nicht einmal undankbar gewesen für den selbstbestimmten Akt der letzten DDR-Regierung zum Schutz des Breitensports, der Vereine und ihrer Mitglieder. Dank des Volkskammerbeschlusses seien schließlich viele Sportanlagen und Immobilien in kommunale Hände gekommen, die anderweitig womöglich nur schwer an den Mann zu bringen gewesen wären: »Nur das wenigste davon waren ja Filetstücke in bester Citylage oder Wassergrundstücke.«

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