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Aus: Ausgabe vom 02.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Alle Wesen miteinander

Sharon Dodua Otoos vielschichtiger Roman »Adas Raum«
Von Peter Köhler
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Verbindet im Roman die Episoden: Ein goldener Armreif

Kunstvoll oder gekünstelt? Die Frage stellt sich, sobald nicht einfach und geradlinig erzählt, sondern mit verschiedenen, einander ablösenden und überlagernden Zeitebenen und Perspektiven experimentiert wird. Der Roman der 1972 in London als Tochter aus Ghana eingewanderter Eltern geborenen Sharon Dodua Otoo ist jedenfalls kein trivialer. Er spielt in mehreren Epochen: 1459 in Westafrika, 1848 in London, 1945 in Kahnstein bei Nordhausen am Harz sowie im Berlin von heute; als Erzählerstimmen dienen ein Reisigbesen in der Hütte eines Dorfes, der Türklopfer am Haus eines englischen Aristokraten, das Zimmer eines KZ-Bordells und der Reisepass einer über London einreisenden Schwarzen, die in Berlin studieren will.

Mit ihr schließt sich der Reigen – die Autorin spricht von »Schleifen« – insofern, als Mutterschaft das sowohl in der Mitte des 15. Jahrhunderts als auch in der Gegenwart die Handlung vorantreibende Element darstellt, anfangs eine unglückliche, eine glückende zum Schluss. Was darüber hinaus die unterschiedlichen Episoden über die Zeit hinweg verbindet, ist ein goldener Armreif, der portugiesischen Seefahrern in die Hände fällt und sich später im Besitz der genialen Mathematikerin Ada Lovelace befindet, die, 100 Jahre zu früh, von Computern träumt; am Ende kehrt der Armschmuck im Katalog einer völkerkundlichen Berliner Ausstellung wieder.

Das Armband ist, um eine Katachrese zu wagen, nicht der einzige rote Faden. Ein anderer sind die Namen: Ada für die weiblichen Hauptpersonen, während die männlichen Figuren portugiesisch Guilherme, englisch William und deutsch Wilhelm heißen. So vielschichtig der Roman gebaut ist, so einleuchtend sind die verschiedenen Ebenen motivisch verbunden und zusammengefügt.

Die anspruchsvolle Struktur des Romans ist kein Selbstzweck und erzeugt keinen Leerlauf, wie es bei schwer experimentellen Texten und avantgardistischen Versuchen passieren kann, wenn über der Arbeit an der Form Inhalt und Gehalt vergessen werden. Zwar kann man spekulieren, ob die Klagenfurt-Preisträgerin von 2016, die zuerst auf englisch schrieb, die Sprache deshalb gewechselt hat, weil die deutsche Literatur den Ruf genießt, besonders anspruchsvoll, schwierig und anstrengend zu sein, anders als die leichter konsumierbare englische (ob beides zu Recht, sei dahingestellt).

Aber abgesehen davon, dass die Autorin schon als junge Frau als Au-pair in Deutschland arbeitete, ihr Deutsch in einem Kurs am Goethe-Institut vervollkommnete, in London Germanistik studierte und seit 2006 in Berlin lebt: Ihr Roman ist nur scheinbar kompliziert gebaut. Vor allem hat die Konstruktion ihren guten Sinn, um in immer neuen und doch ähnlichen Gestalten und Arrangements große Themen zu behandeln: den historischen Kolonialismus und den modernen Rassismus; die Klassengesellschaft am Beispiel des 19. Jahrhunderts; den Antisemitismus, exemplarisch den des deutschen Faschismus, dessen mittlerweile greisen Anhängern oder unerkannt davongekommenen Tätern man noch wiederbegegnen kann; und den Geschlechterkampf, der den ganzen Roman mitprägt und auch im feministischen Blick auf Gott zum Ausdruck kommt, die kräftig an der Handlung teilhat – zuweilen als eine Sie. Als »Brise«, die durchs Romangeschehen weht, muss Gott eben von weiblichem Geschlecht sein.

Die Umdeutung hat also einen Grund, und sie geschieht ganz selbstverständlich, wie nebenbei. Überhaupt gelingt es der Autorin, so unaufdringlich wie differenziert jede Person und Meinung zu ihrem Recht kommen zu lassen und ebenso den ausgewählten historischen Epochen gerecht zu werden. Der portugiesische Kolonialist ist kein Held, sondern ein abgerissener Abenteurer, der seine letzte Chance sucht; Ada Lovelace ist ein Genie, aber zwischenmenschlich eine Leerstelle – den Kontrast zur Lieblosigkeit einer Ehe in der reichen englischen Oberschicht bilden Adas Bediente Lizzie und deren mittelloser Bruder, die, Überlebende der irischen Großen Hungersnot von 1845, einander herzlich zugetan sind.

Etwas mehr, wenn schon nicht Liebe, aber Sorgfalt hätte das Lektorat dem Buch angedeihen lassen sollen. Beispielsweise ist der »Kanal« im Deutschen nicht die Irische See oder der »St. George’s Channel« zwischen Irland und Wales, sondern der Ärmelkanal; Flüchtigkeitsfehler wie »Tomasz mit seinem merkwürdigem Pünktlichkeitsfimmel« oder dass »Betten der Wand entlang aufgereiht« sind, hätte man korrigieren können.

Gott, schreibt Otoo einmal, »klatschte sich in die Hände«. Das ist zwar auch falsch, aber zugleich richtig, denn es ist ein Beispiel für den schönen und menschlichen Humor in diesem Roman. Der heißt zwar nicht »Arbeitstitel« – so möchte der Freund der Berlinerin Ada das Baby, das sie schon lange vor der Geburt in Trab hält, nennen –, aber aus gutem Grund »Adas Raum«: Der Raum der vielen Adas überspannt die Zeiten und führt vor Augen, dass »alle Wesen – vergangene, gegenwärtige und zukünftige – miteinander sind, dass wir es immer sind und immer sein werden«.

Die Leser haben am Ende guten Grund, in die Hände zu klatschen.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021, 319 Seiten, 22 Euro

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