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Aus: Ausgabe vom 10.07.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Ressourcenausbeutung

Eine Gemeinde leistet Widerstand

Lithiumabbau in Spanien: Profit mit »sauberer« Energie wird gegen lokale Interessen durchgesetzt
Von Linda Osusky, Barcelona
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Elvira Díaz (l.) macht sich Sorgen um die ­Wasserversorgung. Um Widerstand gegen die Mine zu mobilisieren, hat sie eine Bürgerplattform angestoßen

Was verbindet einen EU-Kommissar, australische Kleinanleger und die Bewohner der spanischen UNESCO-Welterbe-Stadt Cáceres? Das Element Lithium, das vor den Toren der Stadt im Erdboden vorkommt. Maros Sefcovic, EU-Kommissar für Interinstitutionelle Beziehungen und Vorausschau, will in Europa aus dem Nichts eine vollständige Akku- und Baterieindustrie vom Rohstoff bis zum Endprodukt aufbauen. Derzeit dominieren China und Südkorea die Herstellung von Lithiumionenbatterien für Elektroautos und Energiespeicher. Da andere Technologien wie etwa Festkörperakkus, auch Feststoffbatterien genannt, noch nicht marktreif sind, wird Lithium in der kommenden Dekade ein zentraler Rohstoff sein, um die Klimaziele zu erreichen. Damit die europäische Industrie gegenüber dem Wettbewerb aus Asien und Nordamerika nicht ins Hintertreffen gerät, verfolgt auch die EU eine Rohstoffstrategie. In ihren ehrgeizigen Plänen spielte Lithium aus Cáceres bis vor kurzem noch eine tragende Rolle.

Der Tagebau namens »San José Valdeflórez« befindet sich mitten im grünen Naherholungsgebiet nahe Cáceres. Keinen Kilometer von der geplanten Abbaustelle entfernt liegen verstreut die ersten Wohnhäuser. Eines davon gehört Manuel Sánchez. Der pensionierte Lehrer hat hier seine Kindheit verbracht. Von seinem Garten, in dem die Bitterorangenbäume in voller Blüte stehen und ihren betörenden Duft verbreiten, überblickt der 72jährige das Tal der Sierra de la Mosca. Das Naturerholungsgebiet nahe der Stadt hat sich zu einem Biotop entwickelt, in dem gefährdete Vogelarten wie Uhus, Schwarzstörche und Kaiseradler ein Refugium gefunden haben. Während des Interviews streift er mit dem Finger über eine detaillierte Landkarte auf der Suche nach seinem Grundstück. »Hier«, sagt er mit dem Zeigefinger auf die Karte tippend. »Genau hier soll die Verarbeitungsanlage entstehen«. Setzen sich die Betreiber durch, müsste sein Haus der Verarbeitungsanlage weichen.

Zerstörtes Land

Es war im Sommer 2017, als er durch Zufall Arbeiter auf seinem Grundstück erwischte, die dabei waren, im Auftrag des Bergbauunternehmens Bäume zu fällen. Erst durch diesen Vorfall wurde er sich des Ausmaßes des Projekts bewusst. »Bis in die 1960er Jahre wurde hier Wolfram abgebaut, aber unterirdisch«, erinnert sich Sánchez. »Was sie jetzt vorhaben, ist Barbarei.« Denn damit der Abbau wirtschaftlich ist, muss das Lithium im kostengünstigeren, aber umweltschädlicheren Tagebau gefördert werden – ein tiefer Eingriff in die Landschaft.

Durch den Vorfall alarmiert, bildete sich schnell eine Gruppe von Anwohnern, die Informationen über das Projekt sammelten, veröffentlichten und ihre Mitmenschen dagegen mobilisierten. Die Bürgerplattform »Salvemos la Montaña« (Retten wir den Berg) besteht heute aus rund 80 aktiven Mitgliedern und zählt 9.000 Unterstützende. Santiago Márquez ist einer der Begründer. Er steht auf dem felsigen Bergrücken der Hügelkette, wo Wanderer mit einem Panoramablick belohnt werden. Er geht in die Knie, um ein paar Steinbrocken aufzuheben. Es ist Quarzit, ein sehr hartes Gestein. »Während der gesamten Laufzeit sollen 9.300 Tonnen ANC-Sprengstoff verwendet werden.« Márquez zitiert aus der Umweltverträglichkeitsstudie, die er mit seinen Mitstreitern genau gelesen hat. Die Auswirkungen des Bergbauprojekts auf die Fauna sind demnach: zerstörter Lebensraum, verringerte Luftqualität, Lärm und überfahrene Tiere.

»Mir ist weltweit keine Mine bekannt, die so nah an einer Stadt mit 100.000 Einwohnern liegt«, sagt der 52jährige. Die ersten Häuser sind nur wenige hundert Meter entfernt. Und bis zur Altstadt, die als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet ist, sind es weniger als drei Kilometer. »Was passiert nach 25 Jahren, wenn alles abgebaut ist und das Land nicht mehr nutzbar sein wird? Wer garantiert uns, dass der Betrieb überhaupt 25 Jahre dauert und nicht etwa wegen eines Preisverfalls vorzeitig schließt?« fügt er hinzu.

Der Widerstand beschränkt sich nicht allein auf die Anwohner. Auch Bürgermeister Luis Salaya von den Sozialdemokraten hält nichts von dem Projekt, obwohl er, wie er betont, nicht per se gegen Bergbau ist. Immerhin leidet Cáceres wie die gesamte Region Extremadura unter einer hohen Erwerbslosigkeit. Auch für ihn ist die Nähe zur Stadt ausschlaggebend: Als UNESCO-Weltkulturerbestätte ist der Tourismus eine bedeutende Einnahmequelle für die lokale Wirtschaft. »Das ist für die Stadt ein schädliches Projekt. Lithiumförderung in einem Tagebau in dieser Dimension würde mehr Jobs gefährden als neu schaffen«, ist er überzeugt. Damit entkräftet der Stadtchef eines der Hauptargumente der Betreiber: nämlich die Schaffung von Arbeitsplätzen. 23 der 25 Stadträte aus fast allen Parteilagern stehen hinter Salaya.

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Der pensionierte Lehrer Manuel Sánchez wohnt keinen Kilometer von der geplanten Abbaustelle entfernt

2018 verhängten die Stadt- und Regionalverwaltung jeweils Bußgelder gegen das Joint Venture zwischen dem australischen Bergbauunternehmen Infinity Lithium und Valoriza Minería, der Bergbautochter des spanischen Baukonzerns Sacyr. Hintergrund war ein Vorfall 2017, bei dem Bäume gefällt wurden, um aus einem Pfad eine Straße für Baufahrzeuge zu machen. Die Firma sieht sich allerdings im Recht und weigert sich zu zahlen. »Die Betreiber haben so unter den Anwohnern und bei den lokalen Behörden großes Misstrauen hervorgerufen«, konstatiert Salaya.

Doch vorerst gibt es Entwarnung. Die regionale Bergbaubehörde gab Anfang April bekannt, dem Joint Venture die Aufsuchungslizenz nicht zu erteilen. »Wir können die Ablehnung nicht nachvollziehen«, so Betreibersprecher Cayetano Polo. »Schließlich war es dieselbe Bergbaubehörde, die die Lizenz 2016 ausgeschrieben hat. Außerdem wurde diese Genehmigung bereits erteilt, dann aber wegen eines Formfehlers der Behörde wieder zurückgezogen.« Polo saß bis September 2020 als Abgeordneter im Regionalparlament von Extremadura und war schon zu dieser Zeit ein vehementer Verteidiger des Abbauprojekts. Infinity Lithium hat mittlerweile Einspruch gegen die Entscheidung der Behörde erhoben.

Internationale Ausbeute

Indessen bangen in Australien diejenigen Kleinanleger, die auf Infinity Lithium, das an der Börse in Sydney notiert, gesetzt haben. Gemeinsam mit Toronto gehört Sydney zu den wichtigsten Standorten für die Kapitalbeschaffung von Bergbauunternehmungen. Investitionen in junge Bergbaufirmen gelten als hochspekulativ. Sind sie erfolgreich, fallen die Gewinne extrem hoch aus. Doch nur wenige dieser sogenannten Junior Miners, unter denen sich auch windige Geschäftsleute tummeln, schaffen das. In einem der wichtigsten Kleinanlegerforen Australiens teilt sich die Community in zwei Lager: diejenigen, die glauben, dass Infinity Lithium sich durchsetzen wird und diejenigen, die sagen, dass das Projekt wegen des sozialen Widerstands keine Chance hat.

Als Reaktion auf den Negativbescheid der spanischen Bergbaubehörde setzte Infinity Lithium den Aktienhandel zunächst über mehrere Wochen aus. Nach Wiederaufnahme am 17. Mai stürzte die Aktie über 60 Prozent ab, konnte sich aber fangen, nachdem sich Infinity-Chef Ryan Parkin zwei Tage später im Rahmen einer Veranstaltung der Europäischen Batterieallianz in Madrid mit EU-Kommissar Sefcovic traf. Laut Firmenmitteilung bat Parkin den EU-Politiker um Unterstützung für das Lithiumprojekt »San José Valdeflórez«. Tags darauf traf Sefcovic den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez anlässlich der Präsentation der Zukunftsstrategie für Spanien. In dem über 600 Seiten langen Papier nennt Sánchez explizit auch die spanischen Lithiumvorkommen und deren geostrategische Wichtigkeit für Europa.

Aus diesem Grund glaubt Anwohner Sánchez nicht, dass die Pläne für die Mine endgültig vom Tisch sind. Auch die Aktivisten von »Salvemos la Montaña« bleiben auf der Hut und mobilisieren weiter. »Loben wir den Tag nicht vor dem Abend«, warnt Montaña Chaves, eine ihrer Sprecherinnen. Die Entscheidung der Bergbehörde steht nämlich im Widerspruch zu einer bereits gegebenen Lizenz für Infinity Lithium in dem gleichen Gebiet, wo die Verarbeitungsanlage entstehen soll. In beiden Zonen gilt laut Raumplanung, dass keine Industrie- oder Bergbauanlagen geschaffen werden dürfen. Laut Juristen könnte die jüngste behördliche Entscheidung daher vor Gericht nicht standhalten und den Steuerzahler letztlich hohe Entschädigungssummen zugunsten des Joint Ventures kosten.

Kritiker der Mine vermuten, dass die Regionalregierung hinter verschlossenen Türen zugunsten der Bergbauunternehmen agiert und Einfluss auf die Entscheidungen der Bergbaubehörde nimmt. Auf Anfrage betont ein Sprecher der Regionalregierung deren neutrale Rolle, man halte nur die Gesetze ein. Dazu im Widerspruch steht jedoch eine 2019 von der Region veröffentlichte Broschüre, in der Extremadura als ein Bergbaugebiet beworben wird. Dort ist nachzulesen, dass die Regionalregierung die Entwicklung des Bergbausektors unterstützt und Investoren mit Rechtssicherheit, niedrigen Steuern und Förderungen lockt.

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Manuel Sánchez kann von seinem Garten aus das Tal der Sierra de la ­Mosca überblicken

Der Markt ruft

Die Zahl der Bergbauprojekte ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Aktuell sind über 200 Bergbaulizenzen in Extremadura vergeben, das mit einer Fläche von 41.600 Quadratkilometern etwas größer als Baden-Würtemberg ist, in dem aber nur eine Million Menschen leben. Gesucht wird nicht nur nach kritischen Rohstoffen wie Nickel, Wolfram, Lithium oder Vanadium, sondern auch nach Kupfer und Gold.

40 Kilometer nördlich von Cáceres gibt es mit »Las Navas« ein weiteres Lithiumabbauprojekt, allerdings ist das Vorkommen von deutlich geringerer Qualität. Lithium Iberia hat bereits die Abbaugenehmigung beantragt und ist damit schon weiter fortgeschritten als Infinity Lithium. Hinter dem 2018 gegründeten Unternehmen stehen Iñigo Resusta und Alejandro F. Ayala. Ersterer ist enger Geschäftspartner von Enrique Martinavarro, Abkömmling eines valenzianischen Familienclans, der mit dem Export von Orangen ein Vermögen gemacht hat.

Die Nachfahren haben zahlreiche Geschäftsfelder. Martinavarro und Resusta betreiben ein dichtes Firmennetzwerk, in dessen Zentrum das Finanzdienstleistungsunternehmen Auriga Global Investors steht. Ayala wiederum ist neben seiner Rolle als stellvertretender Vorsitzender bei Iberia Lithium Vorstand von Phi4Tech, einem ebenfalls 2018 gegründeten Technologieunternehmen, das sich auf Nanomaterialien und insbesondere Graphenanwendungsmöglichkeiten fokussiert, ein zentrales Material für die neueste Batterietechnologie. Phi4Tech hat mit Iberia Lithium bereits ein Abnahmeabkommen für das Lithium aus der Mine Las Navas unterzeichnet. Phi4Tech kündigte auch den Bau einer Batteriezellenfabrik in der Region an, die bis 2025 eine Produktionskapazität von zehn Gigawattstunden pro Jahr erreichen soll. Das Unternehmen verspricht außerdem 500 direkte Jobs.

Bleibt abzuwarten, ob das angepriesene Projekt realisiert wird. Resusta war vor einigen Jahren in einen Betrugsskandal verwickelt. Gemeinsam beteiligten sie sich am Unternehmen Grabat Energy, das 2016 eine »Wunderbatterie« auf Basis von Graphen versprach. Die neuartige Batterietechnologie versprach längere Reichweiten für Elektroautos und wesentlich kürzere Ladezeiten. Doch die revolutionäre Batterie wurde nie produziert und aus den 5.000 angekündigten Arbeitsplätzen ist nichts geworden. Statt dessen landete die Causa vor Gericht.

In den umliegenden Orten von Las Navas hat sich mittlerweile eine weitere Bürgerplattform gegen eine Mine gebildet. Angestoßen hat sie Elvira Díaz, die sich Sorgen um die Wasserversorgung macht. »Wasser ist knapp, und im Sommer muss der Verbrauch rationiert werden. Ein Industrieprojekt wie diese Mine würde uns vollständig austrocknen«, befürchtet die 60jährige. Ob in dieser Gegend wie in Cáceres eine kritische Masse an Gegnern mobilisiert und politischer Druck erzeugt werden kann, ist fraglich. Das Gebiet ist sehr dünn besiedelt. Unmittelbar betroffen von der Mine wäre der Ort Grimaldo, wo gerade einmal 100 Menschen leben, die bis auf eine Person geschlossen gegen die Mine sind. NGOs fordern seit langem ein Vetorecht für lokale Gemeinden, die von Großprojekten betroffen sind.

Auf die Frage, ob ein Abbauprojekt trotz sozialen Widerstands durchgesetzt werden soll, verweist die EU-Kommission auf die Kompetenz der Nationalstaaten und geht davon aus, dass sich nationale Behörden an ihre Pflicht halten, lokale Gemeinden zu konsultieren. Die gut dokumentierten Unregelmäßgikeiten, behördliche Intransparenz und widersprüchliche Entscheidungen der extremadurischen Bergbaubehörde zeigen, dass dem hier nicht so ist.

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