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Aus: Ausgabe vom 03.07.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Wer verhetzt die Völker?

Am 13. August vor 150 Jahren wurde Karl Liebknecht geboren. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war er als Kriegsgegner international bekannt
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Karl Liebknecht im September 1918 auf einer Antikriegskundgebung des Spartakusbundes in Berlin

Am 28. Juni 1914 erschoss ein Attentäter in Sarajevo das Thronfolgerehepaar Österreich-Ungarns. Wien nahm das zum Vorwand, Serbien mit Krieg zu drohen. Kaiser Wilhelm II. drängte, ernst zu machen, Russland kündigte militärische Hilfe für Serbien an und wurde von Frankreich darin unterstützt. Die Herrschenden der vier Großmächte entfachten in ihren Ländern übelste nationalistische Hetze. Mitten in der Krise fand in Frankreich eine Friedenskundgebung mit Karl Liebknecht statt. Ein Auszug aus einem Zeitungsbericht:

Bei herrlichem Sonnenschein fand gestern in Condé sur l’Escaut (Nordfrankreich) eine Friedensversammlung statt, der mehr als 20.000 Arbeiter aus der ganzen Umgegend mit zahlreichen roten Fahnen und Musikkorps beiwohnten. Karl Liebknecht hatte seine Anwesenheit zugesagt, und das genügte, um dieses sonst so ruhige Plätzchen Condé sur l’Escaut, das kaum 4.000 Einwohner zählt, in einen Wallfahrtsort zu verwandeln, der – wie mir von verschiedenen Seiten versichert wurde – noch nie so viele Menschen zu sehen bekam. Außer Liebknecht waren auch der französische sozialdemokratische Abgeordnete Jean Longuet aus Paris – bekanntlich ein naher Verwandter zu Karl Marx –, ferner Maxence Roldes, Vertreter des Nationalrats der französischen Arbeiterpartei, und Vandersmissen, Generalsekretär der belgischen Arbeiterpartei, anwesend. Vormittags hatten sich die Vorstandsmitglieder der verschiedenen Arbeitersyndikate im kleinen Maison du Peuple (Volkshaus) zu einem Willkommen zusammengefunden, um dem Vertreter der deutschen Brüder für sein Erscheinen herzlichst zu danken. Liebknecht erwiderte mit einigen Worten und forderte zur immer mächtigeren Organisation auf, denn wenn auch die Kapitalisten für den Krieg, den sie allein wollen, verantwortlich sind – meinte Liebknecht –, dann dürften aber die Arbeiter nicht denken, es träfe sie keine Verantwortung, denn die Arbeiter haben die Pflicht, sich immer stärker zu organisieren und dann durch ihre Macht – denn sie sind die Macht, wenn sie es nur wollen – jede kriegerische Freveltat der heutigen militaristischen Parteien zu verhindern.

Nachmittags fand dann, nach einem wohlgelungenen Umzug, die Versammlung unter freiem Himmel auf einer großen Wiese statt. Maxence Roldes machte den Arbeitern verständlich, wie nötig es sei, sich gegen den Militarismus und gegen die industrielle Feudalität – hüben und drüben – zusammenzuschließen. Er zeigte, welch schmutzige, infame Mittel die Waffenindustrie beider Länder benutzte, um auf dieser und jener Seite zu schüren. Er erinnerte daran, wie man von Berlin aus in dem so patriotischen Figaro Scharfmacherartikel erscheinen ließ und wie diese Artikel dann wieder von den deutschen Kriegsparteien, die mit schwerem Gold diese Artikel selbst inserieren ließen, in Deutschland zu Rüstungszwecken ausgebeutet wurden. (…)

Jean Longuet drückte seine Freude darüber aus, dass er heute auf französischem Boden Seite an Seite mit Karl Liebknecht sitze, um gegen den Krieg zu protestieren; mit Karl Liebknecht, dem Sohne des unvergesslichen Wilhelm Liebknecht, der mit Bebel zusammen Begründer der großen deutschen sozialdemokratischen Partei ist. (…)

Nun kam Genosse Liebknecht, von unaufhörlichen Rufen empfangen: »Vive Liebknecht!« »Vive Bebel!« »Vive Karl Marx!« – »Vive l’Internationale!« – »À bas la guerre!« – »Vive l’Allemagne!« Ja, aus Tausenden und Tausenden Kehlen erscholl auf französischem Boden der Ruf: »Vive l’Allemagne!« als Liebknecht aufstand, um das Wort zu ergreifen. Dieses »Vive l’Allemagne!« hatte in dem Munde der Tausenden französischen Arbeiter auf französischem Boden, hundert Meter von einer Infanteriekaserne entfernt, etwas recht Ergreifendes für sich. (…)

Genosse Liebknecht machte hierauf den Zuhörern verständlich, wie lächerlich die Grenzen sind. Was bedeuten Grenzen? Was sind Grenzen? Was bezwecken Grenzen? Vorgestern in Berlin, gestern über Rheinland und Westfalen in Belgien, in Lüttich und Charleroi, heute im großen industriellen Viertel bei Valenciennes; überall und überall arme Arbeiter, die mühsam um ihr tägliches Brot kämpfen gegenüber einer Handvoll reicher Ausbeuter, die über Millionen und Millionen verfügen. Wir Arbeiter haben keine Grenzen nötig; diese dienen nur gewissen Schichten jedes Landes, denen alle Mittel gut genug sind, die Völker zu verhetzen. Wenn wir dem Chauvinismus erfolgreich entgegentreten wollen, dann gibt’s vor allen Dingen das eine Mittel: die Arbeiterorganisation. (…) Liebknechts Aufruf zur Sammlung aller Kräfte der Internationale gegen den Militarismus, zur Sicherung des Friedens fand stürmischen Beifall. (…)

Volksfreund (Karlsruhe), Nr. 164, 18. Juli 1914: Deutsch-französische Friedenskundgebung 14. Juli 1914. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band VII. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 416–421

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