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Aus: Ausgabe vom 02.07.2021, Seite 15 / Feminismus
Gewalt gegen Frauen

Licht ins Dunkel

Sexistische Gewaltrhetorik gehört seit Jahren zum Deutschrap-Repertoire. Nun stößt eine erneute »MeToo«-Debatte ein Umdenken an
Von Benjamin Trilling
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Auch Paul Hartmut Würdig aka Sido ist bekannt für frauenverachtende Texte und entsprechendes Gebaren (Dresden, 3.9.2020)

Fast vier Jahre ist es her, dass sich Frauen unter dem Hashtag »MeToo« zu Wort meldeten. Sie warfen Hollywoodstars und Produzenten sexuelle Belästigung und Gewalt vor. Die Folge war eine Debatte über Sexismus in der Filmbranche, die in den letzten Jahren ebenso in anderen Kultur­bereichen aufgegriffen wurde. Nun ist »#MeToo« auch im Deutschrap angekommen. Es sind nicht die ersten Vorwürfe an diese Adresse.

Denn das Musikgenre polarisiert schon länger mit expliziten Vergewaltigungsdarstellungen. Seit Mitte Juni berichten Frauen auf Twitter und Instagram über sexualisierte Gewalt im HipHop-Business. Auslöser waren die Vorwürfe der Influencerin Nika Irani an den Deutschrapper Samra. In einem Instagram-Post schildert Irani, wie Samra sie »gewaltvoll aufs Bett geschmissen, die Unterhose zerrissen, geküsst und gewürgt« habe. »Über 20 Mal« habe sie »Nein« gesagt. Als es nicht half, habe sie die Vergewaltigung »über sich ergehen lassen«.

Samra weist die Beschuldigungen von sich. Gleichwohl erwähnt der 26jährige, gegenüber Irani »kein Gentleman« gewesen zu sein. Zwar wurde keine Anzeige erstattet. Doch im Netz folgten Hunderte Beiträge, die den misogynen, homo- und queerfeindlichen Kosmos des Deutschraps anprangern. Das Kollektiv »Deutschrapmetoo« (DRMT) sammelt derzeit Berichte von Frauen, die von Rappern bedrängt oder vergewaltigt wurden. »Nach ersten Absprachen mit unseren Anwälten haben wir nun die Möglichkeit, in den nächsten Tagen die ersten anonymisierten Geschichten von Betroffenen zu veröffentlichen«, heißt es. Und auch Universal Music, Samras Plattenlabel, reagierte. In einem Schreiben distanzierte sich das Unternehmen vom Rapper und kündigte an, die Zusammenarbeit ruhen zu lassen, bis die Vorwürfe geklärt sind.

Fraglich bleibt, ob die aktuelle Welle an Anschuldigungen ein Umdenken in der Szene anstößt. Denn trotz sexistischer Übergriffe mussten sich HipHop-Schaffende bisher nicht um Plattenverträge oder Festivalauftritte sorgen. Im Gegenteil, wie der Erfolg des US-Rappers XXXTentacion bewies, der seine Verkaufs- und Streamingzahlen noch hatte steigern können, nachdem seine sexuelle Gewalttat publik wurde. Wie schwer es ist, gegen diese »rape culture« vorzugehen, bewies eine Kampagne der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes. Ihr Vorstoß gegen frauenverachtende Hatespeech rief ein aggressives Echo hervor. So beleidigte und bedrohte der Rapper Fler daraufhin eine Frau in Privatnachrichten, schließlich setzte er im Netz sogar ein Kopfgeld aus.

Während die Musikindustrie seit Jahren einen sexistischen Markt beliefert (auch im Rock: von Freiwild bis Limp Bizkit), verteidigen Fans und Konsumenten ihre Rap-Idole. Denn die Stars inszenieren sich nicht nur in ihren Songs, sondern auch in den sozialen Netzwerken als Kunstfiguren, die Motive aus Gangsterfilmen aufgreifen. Dass es um mehr geht als um ästhetisch überhöhte Gewaltrhetorik, zeigte zuletzt die Recherche des Magazins Vice. Es deckte auf, dass Rapper Gzuz von der Hamburger Gruppe »187 Strassenbande« 2018 beim Splash-Festival eine Besucherin sexuell belästigt haben soll. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau erließ daraufhin einen Strafbefehl.

Die Rap-Stars entpuppen sich also zunehmend als reale Täter. Und diese Tatsache holte jüngst auch Bushido ein. Ein 16 Jahre altes Video zeigt, wie er ein Mädchen verbal sexuell bedrängt. In einer 28minütigen Stellungnahme räumte Bushido sein Fehlverhalten ein und entschuldigte sich für seinen einstigen Lifestyle: »Die Art und Weise, wie man damals mit Mädchen, mit Frauen umgegangen ist, ist absolut nicht in Ordnung.«

Bleibt es also beim Starruhm trotz sexueller Straftaten? Zwar legte unter anderem Nimo mit dem vergewaltigungsverherrlichenden Song »Komm mit« nach, doch sein Label reagierte mit einer Entschuldigung und nahm den Track vom Markt. Ähnlich geht Universal mit der Single »Vakuum Pakete« von Kilomatik um – auch sie wird vorerst nicht herausgegeben.

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