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Aus: Ausgabe vom 01.07.2021, Seite 15 / Medien
Medien auf Rechtskurs

Fox News à la française

Medienmogul Bolloré macht Radio Europe 1 zum Lautsprecher der Reaktionären. Desinformations- und Schmutzkampagnen gegen linke Kräfte befürchtet
Von Hansgeorg Hermann
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Will rechte Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2022 in Stellung bringen: Großaktionär Vincent Bolloré

Fünf Tage Streik haben wenig genützt. Die Redaktion der traditionsreichen französischen Radiostation Europe 1 wird seine Mutation in einen Lautsprecher der politischen Rechten kaum verhindern können. Von seinem Eigentümer Arnaud Lagardère in den vergangenen Jahren fast zugrunde gewirtschaftet, geriet der Sender seit 2020 zunehmend unter den Einfluss des Milliardärs Vincent Bolloré, Hauptaktionär der Mediengruppe Lagardère und Chef des Kommunikationsriesen Vivendi. Am Mittwoch übernahm Bollorés Multikonzern mit knapp 27 Prozent der Anteile die Kontrolle in Lagardères Aufsichtsrat. Europe 1 soll ab September mit der Station C-News zusammengeschaltet werden. Es entsteht, zehn Monate vor der nächsten Präsidentschaftswahl, ein mächtiger Lautsprecher am rechten politischen Rand.

Vorbild für Bollorés neue Pläne, in denen Arnaud Lagardère nur noch eine Nebenrolle als eine Art Frühstücksdirektor spielen dürfte, sind ganz offensichtlich das Imperium des australisch-US-amerikanischen Medienmoguls Rupert Murdoch und dessen Sender Fox News. Wie dieser sollen C-News und künftig wohl auch die bereits von einem Teil seiner unabhängigen, kritischen Journalisten entkernte Station Europe 1 rechte Kandidaten für den Mai 2022 in Stellung bringen; zum gegenwärtigen Zeitpunkt dürften das Marine Le Pen und Xavier Bertrand sein. Die Führerin des faschistischen Rassemblement National (RN) ist schon seit langem Bollorés erklärte Favoritin; der bürgerliche Rechte Bertrand ist ein ehemaliger Minister seines alten Freundes Nicolas Sarkozy, der von 2007 bis 2012 als Staatspräsident wichtigste Figur in Bollorés politischer Landschaftspflege war. Für die politische Linke und ihre Kandidaten könnte im Wahlkampf vor allem C-News zu einer Dreckschleuder der Desinformation werden.

Ihren Streik hatten die Journalisten bei Europe 1 am vorigen Mittwoch nach einer »Annäherung« zwischen Beschäftigten und der Führung des Senders beendet. In einer von der Belegschaft verbreiteten Erklärung hieß es: »Die Direktion von Europe 1 ist bereit, in Verhandlungen über eine (finanzielle) Entschädigung jener Redakteure einzutreten, die den Sender verlassen wollen, weil sie mit seiner künftigen (redaktionellen) Ausrichtung nicht einverstanden sind.« Kein Problem für Bolloré, dessen verbliebene journalistische Helfer sich bereits um einen berüchtigten »Editorialisten« (französisch für Leitartikler oder Kommentator) der intellektuellen Rechten geschart haben: Für Stimmung und die richtige »Réacosphère«, den Erlebnisraum einer weitgehend vulgärpolitisch begeisterungsfähigen Radiohörerschaft, soll Éric Zemmour sorgen, dessen rassistische Ausfälle sowie Zeitungsartikel und TV-Runden bereits mehrfach vor Gericht verurteilt und sanktioniert wurden.

In einem Kommuniqué verbreitete der Verband Société des Rédacteurs sowie alle wichtigen Gewerkschaften am Mittwoch eine im Imperativ vorgetragene vage Hoffnung: »Europe 1 bleibt ein allgemeiner Sender für Information und Unterhaltung – er wird kein Meinungsradio wie C-News sein.« Die Redaktionsteams »wollen nicht instrumentalisiert werden und auch an keinem Aktivismus beteiligt sein, der die Gesellschaft spaltet«. Die Redakteure zeigen sich »besorgt über den Einfluss des Vincent Bolloré«. Indem dieser die Gruppe Lagardère kontrolliere, lege er auch »Hand an Publikationen wie Paris Match und Le Journal du Dimanche« sowie eine Reihe von Buchverlagen, wie Hachette, Hatier oder Stock.

Auch bei Hachette wächst die Sorge der Belegschaft. Die Frage, welchen Weg die weltweit drittgrößte Verlagsgruppe unter dem Einfluss des Großaktionärs nehmen wird, blieb bisher unbeantwortet. Unter dem Dach von Hachette vereint sind rund 150 oft berühmte Editionen – Calman-Levy, Fayard, Stock, Le Livre de Poche etwa –, das Geschäftsvolumen erreichte im vergangenen Jahr 2,37 Milliarden Euro. Mit Editis hat Bollorés Vivendi bereits die nach Hachette zweitgrößte Verlagsgruppe des Landes im Sack. Im März dieses Jahres jagte Arnaud Lagardère, vorgeschoben vom »Monster« Bolloré, wie Medienschaffende den gierigen Bretonen inzwischen nennen, Hachettes unbotmäßigen Verlagsdirektor Arnaud Nourry vom Hof. Der hatte es gewagt, in der Pariser Tageszeitung Le Monde und im Wirtschaftsjournal Les Echos die Monopolisierung des Literaturbetriebs – die Vereinigung von Hachette und Editis – zu kritisieren.

Dem immerfrohen, finanziell permanent klammen Lagardère blieb, um seinen Lebensstandard zu halten, der Gang ins Abseits des ehemals weitgehend seriösen französischen Verlagsgeschäfts. Im Literaturmagazin Livres Hebdo rechnete die Ökonomin Françoise Benhamou jüngst vor, dass Bolloré und sein Konzern mit der Bündelung der beiden Verlagsgruppen unter dem Dach von Vivendi künftig 71 Prozent des außerschulischen Buchmarktes beherrschen werden, 63 Prozent sind es bei den Lexika, 54 bei den Touristenführern und 50 Prozent bei den Schulbüchern. Die linke Tageszeitung L’Humanité warnte am Mittwoch vor solch »gefährlicher Konzentration« und fragte: »Was macht eigentlich der Staat?«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Berlin (30. Juni 2021 um 21:32 Uhr)
    Na, was wird er machen? Was ist die Aufgabe des Staates im Kapitalismus? Na, was wohl, hä?

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