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Aus: Ausgabe vom 01.07.2021, Seite 7 / Ausland
SS-Verherrlichung

Kriegsverbrecher faktisch rehabilitiert

Belgien: Widerstand gegen Denkmal, das SS-Freiwillige ehrt. Stadtrat verteidigt Gedenkort
Von Ulrich Schneider
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Mit Gedenkorten für Nazis Öl ins Feuer gießen: Aufmarsch lettischer SS-Veteranen in Riga (16.3.2014)

Vergisst Europa seine Geschichte? Diese Frage muss man sich ernsthaft stellen, wenn man die Vorgänge in der belgischen Gemeinde Zedelgem (Westflandern) betrachtet. Hier befand sich nach der Befreiung des Landes von der deutschen Besatzung 1945 ein britisches Kriegsgefangenenlager, in dem Angehörige der 15. und 19. Waffen-SS-Division untergebracht waren, unter ihnen lettische Freiwillige der SS-Verbände. Dass dort Grabsteine für vor Ort Verstorbene stehen, mag für die individuelle Trauer um Angehörige akzeptabel sein. Aber vor kurzer Zeit wurde dort auch ein »Ehrenmal« für die lettischen SS-Freiwilligen in Form eines Bienenkorbs errichtet (eine Adaption des Ortsnamens), an dem Veteranen der SS-Verbände und ihre Anhänger sich zu Gedenkaktionen versammeln.

Mit einem solchen Denkmal werden in geschichtsrevisionistischer Manier Kollaborateure der Waffen-SS geehrt und damit faktisch rehabilitiert. Gleichzeitig bedient dieses Denkmal das problematische Geschichtsnarrativ, bei diesen SS-Freiwilligen handele es sich um baltische »Freiheitskämpfer«. Schon seit einigen Wochen wird eine öffentliche Debatte um dieses Denkmal geführt. Zahlreiche Veteranen und antifaschistische Organisationen sowie die jüdische Gemeinschaft in Belgien haben sich mit deutlichen Erklärungen gegen diese skandalöse Gedenkpraxis ausgesprochen. Selbst im belgischen Parlament nahmen bereits Abgeordnete gegen diesen Gedenkort Stellung. Ein Vertreter der Internationalen Vereinigung der Widerstandskämpfer (FIR) forderte am 17. Juni in einem Interview mit der Zeitung Paris Match Belgique, das Denkmal zu beseitigen, denn es erinnere an Kriegsopfer, die nicht zu ehren sind. Zudem gelten Bienen als soziales und für das Überleben von Mensch und Natur wertvolles Insekt. Menschen, die sich bewusst an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung beteiligt haben, sind aber keine »wertvollen« Mitglieder einer Gesellschaft.

In der örtlichen Presse verteidigt sich die Gemeinde und spricht von »Fake News« der französischsprachigen Medien. Rückendeckung erhält die Gemeinde durch die flämischen Nationalisten, ohne dass diese in der Gemeinde selber die Mehrheit hätten. Sie verbinden mit diesem Denkmalstreit offenkundig auch die Hoffnung, die Freiwilligen der flämischen SS-Einheiten rehabilitieren zu können. Am Wochenende forderte die sozialdemokratische Oppositionspartei Vooruit im Stadtrat, das Denkmal zu entfernen, aber die Mehrheit, angeführt von der christdemokratischen Bürgermeisterin Annick Vermeulen, bleibt bei ihrer Position und behauptet, so De Standaard, dass das Kunstwerk vor allem die universelle Freiheit ­symbolisiere.

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