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Aus: Ausgabe vom 01.07.2021, Seite 7 / Ausland
100 Jahre KP Chinas

In eine neue Welt

Vor 100 Jahren wurde die Kommunistische Partei Chinas gegründet. Revolutionäre aus dem Reich der Mitte hatten vielfältige Verbindungen nach Europa
Von Zhang He
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Chinesische Kommunisten in Berlin: Zhou Enlai (2. v. l.) mit Genossen, vermutlich 1922 im Tiergarten aufgenommen

In diesem Jahr wird das hundertjährige Bestehen der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gefeiert – ein guter Zeitpunkt, um an einen wichtigen, aber wenig beachteten Abschnitt ihrer Geschichte zu erinnern, nämlich die Bedeutung Europas bei ihrer Gründung. Das gewährt einen einzigartigen Blick auf die Partei, die binnen eines Jahrhunderts zur größten marxistischen Regierungspartei der Welt mit mehr als 90 Millionen Mitgliedern herangewachsen ist.

Zwischen 1919 und 1921 reisten Tausende chinesischer Jugendlicher als Mitglieder der »Bewegung für fleißige Arbeit und zielstrebiges Lernen« nach Europa. Ihr Studentenleben war vielleicht nicht so komfortabel wie heutzutage, aber ihre Mission war klar – einen Weg zur Rettung der Zukunft Chinas zu finden, denn das Land sah sich am Ende des Ersten Weltkriegs inneren Unruhen und äußeren Aggressionen ausgesetzt. Unter ihnen befanden sich auch zukünftige Führer der KPCh wie Deng Xiaoping und der erste Premierminister der Volksrepublik China, Zhou Enlai. Sie ließen sich in Europa vom Marxismus inspirieren und sahen in ihm den Weg in eine neue Welt.

Lektion in Fabriken gelernt

Als Deng 1920 seinen Fuß nach Marseille setzte, ahnte niemand, dass aus einem 16jährigen Jugendlichen der Chefarchitekt des modernen China werden würde. Deng kam als Arbeiterstudent nach Frankreich und verbrachte die meiste Zeit in Fabriken. Bald merkte er, dass er trotz harter Arbeit und der langen Arbeitszeiten nicht für seine Studiengebühren aufkommen konnte. Das ließ ihn die tief verwurzelten Probleme der kämpfenden Arbeiterklasse erkennen. Sein Aufenthalt in der französischen Stadt Montargis war ein Wendepunkt für Deng. Dort begann er sich für den Marxismus zu interessieren und wurde ein treuer Anhänger des Kommunismus. Die französische Stadt ist bis heute stolz auf diese Verbindung mit dem einflussreichen chinesischen Führer und hat sogar den Platz vor dem Bahnhof nach ihm benannt. 1985 berichtete Deng dem französischen Außenminister Roland Dumas: »Ich habe fast vier Jahre lang in Fabriken in Frankreich gearbeitet, (...) diese Kapitalisten haben mir und meinen Freunden eine Lektion erteilt. Sie stießen uns auf den Weg des Kommunismus und brachten uns dazu, vom Marxismus-Leninismus überzeugt zu sein.«

Wie Deng kamen Hunderte von chinesischen Jugendlichen nach Montargis. Einer der prominentesten unter ihnen war Cai Hesen, der zum Gründungsmitglied der KPCh wurde. In Frankreich zogen verschiedene marxistische und sozialistische Bücher Cai in seinen Bann. Er tauchte ein in die Utopien, von denen er träumte. Der junge Mann war oft im örtlichen Park anzutreffen, wo er wissbegierig las oder hektisch daran arbeitete, die Bücher ins Chinesische zu übersetzen. Er hatte einen großen Einfluss auf seine chinesischen Kommilitonen und auf die Anfänge der kommunistischen Gruppen in Europa. Diese jungen Chinesen waren noch unsicher, welche Art von marxistischer Philosophie die chinesische Gesellschaft brauchen würde.

Im Juli 1920 hielt Cai im Durzy-Park von Montargis eine bemerkenswerte Rede, in der er seine Idee von der »Umgestaltung Chinas und der Welt« vortrug. In einem Brief an seinen Freund Mao Zedong betonte Cai die Notwendigkeit, eine kommunistische Partei zu gründen, die die revolutionäre Bewegung anführen würde. Der Vorschlag wurde von Mao, dem späteren Führer der KPCh, der die Revolution in China zum Sieg führte, aufgegriffen.

Suche nach richtigem Weg

Lange Zeit hatten Chinas Intellektuelle nach verschiedenen Wegen gesucht, die das Land retten könnten. Angesichts der sozialen Krise, die die westliche Welt erfasste, intensivierten sie ihre Reflexionen über den richtigen Weg noch. Im Jahr 1921 reiste Zhou Enlai nach Großbritannien, wo die Arbeiterklasse bereits zu einer starken politischen Kraft geworden war und die kapitalistische Gesellschaft seit dem Ersten Weltkrieg enorme Veränderungen erfahren hatte. Zhou schrieb Artikel für die Zeitung Yishibao, womit er im Gegensatz zu anderen Chinesen in Europa eine Arbeit hatte, die ihm erlaubte, westliche Bücher zu lesen und die britische Nachkriegsgesellschaft genau zu studieren, ohne in einer Fabrik zu arbeiten.

In den 1920er Jahren gab es in ganz Europa einen Aufschwung der kommunistischen Bewegung. Zhou ließ sich besonders von dem britischen »National Unemployed Workers’ Movement« (Nationale Arbeiterbewegung der Arbeitslosen) inspirieren und untersuchte, ob diese Form der sozialistischen Bewegung und die sozialistische Theorie für China übernommen werden könnten. Zhous fünf Wochen langer Aufenthalt in Großbritannien scheint kurz, aber er zementierte seine starke kommunistische Überzeugung. Wie Zhou in der Zeitung schrieb: »Es ist das Streben nach Profit, das die Kapitalisten motiviert, daher ist es schwierig, einen Kompromiss zu schließen, indem man streikt. Es gibt keine Möglichkeit, den Streit zu beenden, ohne das grundlegende Problem zu lösen. Es ist vorteilhaft, dies zu erkennen.«

Im folgenden Jahr reiste Zhou nach Frankreich, wo er half, den europäischen Zweig der KPCh zu gründen. In dieser Zeit wurden die meisten der progressiven chinesischen Jugendlichen zu professionellen Revolutionären und treuen Anhängern des Marxismus. Hunderte von ihnen waren in Europa vereint. Für sie war der vor ihnen liegende Weg klar erkennbar, aber beschwerlich. Viele von ihnen opferten ihr Leben für die gemeinsame Sache. Doch die Arbeit, die sie in jenen Tagen leisteten, legte das ideologische Fundament der KPCh. Ein Jahrhundert ist seither vergangen. In ihren Fußstapfen zu wandeln gibt uns einen Einblick in die mühsame Reise, die das größte sozialistische Land der Welt als seinen Weg in die Zukunft gewählt hat.

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