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Aus: Ausgabe vom 01.07.2021, Seite 6 / Ausland
Besetzte Stadt

Bulldozer im Namen der Bibel

Vertreibung in Ostjerusalem: Palästinensische Häuser sollen Themenpark »König David« weichen
Von Nick Brauns
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Lebensgrundlage palästinensischer Familien für einen Themenpark zerstört: Im Ostjerusalemer Stadtteil Silwan am Dienstag

Die Vertreibung von palästinensischen Familien in Ostjerusalem durch israelische Besatzungskräfte geht weiter. Am Dienstag rückten Dutzende Bulldozer im Stadtteil Silwan an und begannen im Viertel Al-Bustan mit dem Abriss von Wohn- und Geschäftshäusern. An der Stelle soll ein religiöser Themenpark »König David« errichtet werden.

Der palästinensische Ort Silwan im Schatten der Al-Aksa-Moschee südlich hinter den Altstadtmauern von Jerusalem ist eine der ärmsten, von der Stadtverwaltung systematisch vernachlässigten Gemeinden Jerusalems. Eng schmiegen sich die Häuser an den Hang. An der steilen Straße sieht man zwischen ärmlichen Flachbauten mit Stacheldraht geschützte Häuser und Container mit Wachtürmen, auf denen die Fahne mit dem Davidstern weht. Seit Ende der 1980er Jahre versuchen zionistische Siedler, in dem 1967 von den israelischen Truppen besetzten und 1980 zusammen mit ganz Ostjerusalem annektierten Ort Fuß zu fassen. Für die nationalreligiösen Fanatiker befand sich dort einmal die antike Davidsstadt, die der biblische König vor 3.000 Jahren als seine Hauptstadt gegründet haben soll.

Gefördert wird die Kolonialsiedlertätigkeit durch die Besatzungsbehörden. So wurden einige palästinensische Immobilien aufgrund israelischer Gesetze als »abwesendes Eigentum« deklariert und an zionistische Organisationen verkauft. Palästinenser erhalten keine Baugenehmigungen, um sie so zum Verkauf ihrer Grundstücke an Siedler zu nötigen, die umgehend die nötige Erlaubnis bekommen. Wo dennoch gebaut oder bestehende Gebäude erweitert wurden, gelten die Häuser als Schwarzbauten. Für »rund 20« Gebäude in Schiloach – so der hebräische Name von Silwan – sei der Abriss verfügt worden, gab der Vizebürgermeister von Jerusalem, Arieh King, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters an. Weitere 60 Gebäude im dem Stadtteil würden gegen die ­israelischen Bebauungsgesetze verstoßen. Durch den Abriss der Häuser solle der Weg für den Bau des Bibelparks freigemacht werden. Aufgrund seiner biblischen Wurzeln handele es sich um einen »wichtigen geschichtlichen Ort«, so King.

Am Sonntag endete die dreiwöchige Frist, die ein Gericht 13 Familien im Viertel Al-Bustan von Silwan gegeben hatte, um selbst ihre zu »Schwarzbauten« deklarierten Häuser einzureißen. Als am Dienstag die von schwerbewaffneten Einsatzkräften begleiteten Bulldozer anrückten, wurden Bewohner der umliegenden Viertel über die Lautsprecher der Moscheen dazu aufgerufen, sich den Polizisten entgegenzustellen. Dutzende Palästinenser lieferten sich Auseinandersetzungen mit Besatzungskräften, die gummibeschichtete Stahlgeschosse und Blendgranaten auf die Protestierenden abfeuerten. Dabei wurden nach Angaben palästinensischer Mediziner ein Dutzend Demonstranten und ein Journalist verletzt. Trotz der Proteste begannen Bauarbeiter mit dem Abriss der Häuser. Um die hundert Palästinenser wurden in der Obdachlosigkeit getrieben. Zerstört wurde auch die Fleischerei von Nedal Radschabi. Der Metzger Radschabi, der laut palästinensischen Angaben von der Polizei verprügelt wurde, steht nun vor dem wirtschaftlichen Ruin.

Die in Gaza herrschende islamistische palästinensische Partei Hamas drohte Israel mit Vergeltung, sollten die Häuserzerstörungen in Ostjerusalem fortgesetzt werden, meldete die Times of Israel am Mittwoch. »Die Fortsetzung dieses extremistischen Rassismus, der zu einer andauernden Krise für unser Volk führt, wird einen explosionsartigen Sturm erzeugen«, wird Hamas-Sprecher Fausi Barhum zitiert.

Im Mai war die drohende Vertreibung palästinensischer Familien aus ihren Häusern im Ostjerusalemer Stadtteil Scheich Dscharrah zusammen mit Angriffen der israelischen Polizei auf Betende in der Al-Aksa-Moschee während des islamischen Fastenmonats Ramadan der Auslöser für einen Raketenbeschuss Israels durch die Hamas und ihre Verbündeten. Die israelische Armee reagierte mit Luftangriffen auf den dichtbesiedelten Gazastreifen. Während des elftägigen Krieges wurden 243 Palästinenser in Gaza getötet. Auf israelischer Seite starben zwölf Menschen durch ­Raketen der Hamas.

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