3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Montag, 20. September 2021, Nr. 218
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 01.07.2021, Seite 5 / Inland
Ernährungsindustrie

Rekrutierer machen Kasse

Fleischkonzerne: Exsubunternehmer betätigen sich als Arbeitsvermittler. NGG fordert Übernahme der Aufgabe durch offizielle Arbeitsagenturen
Von Oliver Rast
imago0102969420h.jpg
Neben der Vermittlung nutzen Rekrutierer die Daten der Beschäftigten, um Kredite zu beantragen (Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück)

Sie werden Rekrutierer genannt, vermitteln Saisonarbeitskräfte aus dem Ausland – für die hiesige Fleischbranche etwa. Ein lohnendes Geschäft, wie Hauptamtliche der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) wissen. Diese »Sklavenhändler« geraten nun verstärkt ins Visier von Detekteien und Staatsanwaltschaften. Dazu gleich.

Die Fleischindustriellen seien weiterhin auf ausländische Billiglöhner angewiesen, berichtete jüngst das Handelsblatt. Ehemalige Subunternehmer treten neuerdings als Arbeitsvermittler auf. »Wir haben umfangreiche Erfahrung mit dem Versuch, in Deutschland Personal zu rekrutieren«, wird ein Tönnies-Sprecher zitiert. Das sei allerdings nicht möglich. Thomas Bernhard, NGG-Experte für die Fleischwirtschaft, bestätigte am Mittwoch gegenüber jW: »Die Personalnot ist groß, und die Konzerne greifen auf die alten Kontakte der neuen Rekrutierer zurück.«

Image aufpolieren

Der Wechsel der Jobbezeichnung kommt nicht von ungefähr. Ende vergangenen Jahres brachte das Bundeskabinett das »Arbeitsschutzkontrollgesetz« auf den Weg. Mit Beginn des Jahres 2021 sind Werkverträge in Kernbereichen der Fleischindustrie verboten, seit dem 1. April gleichfalls Leih- und Zeitarbeit. Die Ausbeutung der prekär Beschäftigten soll damit verringert, die teils kriminellen Machenschaften von Subunternehmen mit undurchsichtigen Strukturen unterbunden werden. Tönnies musste beispielsweise bis Ende 2020 Tausende Arbeiter in seinen fleischverarbeitenden Fabriken fest einstellen und Wohnplätze schaffen. Direktanstellungen bedeuten, »dass die Personalabteilungen der Konzerne die Verantwortung für Beschäftigte nicht mehr einfach auf die Subs abwälzen können«, sagte Bernhard.

Freiwillig passierte das alles nicht. Der öffentliche Druck war zu groß geworden, wegen massenhafter Coronafälle, miesen Löhnen, heruntergekommenen Unterkünften. Die Geschäftspraktiken von Tönnies, Westfleisch und Vion standen im vergangenen Jahr auf dem Prüfstand. Die Fleischmagnaten wollen ihr ramponiertes Image aufpolieren. Klar ist aber auch: »Tönnies und Co. haben jahrelang von der kriminellen Energie ihrer Handlanger profitiert, waren Teil des Systems«, so Bernhard.

Zur besseren Außendarstellung gehört: Deutschlands größter Schweineschlachter hat eine »Detektei für internationale Wirtschaftsermittlungen«, die Comsec aus Köln, beauftragt, um die Seriosität einzelner Klitschen von Arbeitsvermittlern aus Ost- und Südosteuropa zu überprüfen. »Wir möchten zu den laufenden Ermittlungen keine weiteren Angaben machen«, sagte ein Sprecher am Mittwoch auf jW-Anfrage und verwies an die Pressestelle von Tönnies. Die indes äußerte sich bis jW-Redaktionsschluss nicht zu etwaigen Verfahren gegen Rekrutierer.

Auskunftsbereiter zeigte sich die zuständige Staatsanwaltschaft Bielefeld. »Derzeit ist ein Ermittlungsverfahren gegen einen Arbeitsvermittler wegen Betruges anhängig«, sagte Staatsanwalt Moritz Kutkuhn gleichentags gegenüber dieser Zeitung. Demnach soll dieser Arbeitskräfte an Tönnies vermittelt und diese Personen zur Eröffnung von Konten angehalten haben. Uneigennützig war das nicht. »Der Beschuldigte soll«, so Kutkuhn weiter, »in der Folge Kredite unter missbräuchlicher Verwendung der Daten der zuvor vermittelten Arbeitnehmer beantragt haben«. Das dürfte erst der Auftakt von Verfahren sein, vermuten Gewerkschafter.

Zubrot zur Vermittlung

Offenbar ein gängiges Betrugsdelikt einiger Rekrutierer. Konkret funktioniert das dem Handelsblatt zufolge so: Mit gefälschten Lohnstreifen von Angeheuerten werden Kreditsummen bei Geldinstituten ergaunert. Oft erfolgreich. Bis zu 40.000 Euro ließen sich mit dieser Masche einstreichen, schreibt das Blatt – pro Person wohlgemerkt. Ein »Zubrot« zur legalen Vermittlung von Arbeitskräften. Selbst die rentiert sich prächtig. NGGler Bernhard: »Bis zu 1.200 Euro zahlen fleischverarbeitende Betriebe den Rekrutierern für einen vermittelten Kollegen.« Diese Form des Menschenhandels wollen Gewerkschafter nicht mehr durchgehen lassen. Deshalb fordert die NGG, dass die Rekrutierung künftig von offiziellen Arbeitsagenturen übernommen wird. Nur so könne »dubiosen Vermittlern, die kräftig abkassieren, das Geschäft vermiest werden«, betonte Bernhard.

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Ähnliche:

  • Nach wie vor sind Whistleblower in BRD-Unternehmen kaum geschütz...
    23.02.2021

    Kundschafter im Betrieb

    Unternehmerkriminalität: DGB will mehr Rechtsschutz und klare Regeln für Whistleblower
  • Nicht kleinzukriegen: Protest von Landwirten in Ghaziabad nordös...
    18.01.2021

    Brisante Pattsituation

    Indiens Oberster Gerichtshof legt Agrargesetze auf Eis. Bauern protestieren trotzdem weiter
  • Instrument der Abhängigkeit statt verlängerter Arm: Der Warensca...
    30.10.2020

    Kampf gegen Fremdbestimmung

    Entfremdung und Ausbeutung sind auch im 21. Jahrhundert noch Grundbestandteil des Kapitalismus. Beispiel dafür sind die Arbeitsverhältnisse beim Handelskonzern Amazon. Doch der Widerstand wächst

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!