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Aus: Ausgabe vom 30.06.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Scheingeschäfte

Oligarch gegen Großbank

Wieder Ärger für die Crédit Suisse. Nach Greensill- und Archegos-Pleite will Georgiens Expremier Bidsina Iwanischwili sein Geld sehen
Von Reinhard Lauterbach
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Bald vor Gericht: Das Schweizer Institut soll seine Anleger betrogen haben (Bern, 28.10.2020)

Die Schweizer Großbank Crédit Suisse (CS) hat gegenwärtig einigen juristischen Ärger. Geschädigte Anleger in aller Welt planen Sammelklagen, weil das Schweizer Institut sie im Rahmen des »Private Banking« – also der Vermögensverwaltung für sehr reiche Privatkunden – betrogen haben soll. In einigen Fällen geht es dabei um den Verkauf von Fonds, denen Schrottobligationen der inzwischen pleite gegangenen Greensill-Bank und der ebenfalls insolventen Investmentfirma Archegos beigemischt waren. In anderen soll es um Scheingeschäfte gegangen sein, bei denen den Kunden zwar der Kaufpreis für Aktien und entsprechende Gebühren und Kommissionen in Rechnung gestellt worden sein sollen, ohne dass aber die Papiere selbst in den Depots der Kunden auftauchten. Man könnte sagen: ein Luxusproblem von Leuten, deren Depotlisten so lang sind, dass sie sich nicht mehr alles merken können, worin sie investiert haben. Kleinkundin Maxi Mustermann hat dieses Problem eher nicht.

Einer der Kläger gegen CS ist der ehemalige georgische Regierungschef Bidsina Iwanischwili. Der Mann will etwa ein Sechstel seines auf 4,8 bis fünf Milliarden US-Dollar (etwa vier bis 4,2 Milliarden Euro) geschätzten Vermögens bei Spekulationen verloren haben, zu denen ihm sein Kundenberater bei der CS geraten habe. Dieser Berater, Patrice Lescaudron, war 2015 von der Bank entlassen worden, weil ihm betrügerische Geschäfte zum eigenen Vorteil – also auch an der Bank vorbei – vorgeworfen wurden; 2018 hatte ihn ein Genfer Gericht wegen schweren Betrugs, Wertpapierfälschung und Untreue zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe von 130 Millionen Schweizer Franken (etwa 119 Millionen Euro) verurteilt. Als ein Indiz, dass an den Vorwürfen auch von seiten Iwanischwilis gegen ihn wohl einiges dran war, könnte man nehmen, dass sich Lescaudron 2020 das Leben nahm. Wenige Wochen, nachdem ein Gericht in Singapur die erste Klage Iwanischwilis gegen die CS zugelassen hatte.

Weitere Klagen erhob Iwanischwili vor Gerichten in Neuseeland und auf den britischen Jungferninseln – überall dort hatte Lescaudron sein Geld und das seiner Kunden gebunkert; eine Klage in den USA ist in Vorbereitung, in der Schweiz ist Iwanischwili bisher allerdings nicht juristisch gegen CS vorgegangen.

Wie das Schweizer Onlineportal finews.ch vergangenes Jahr in seinem Bericht über das Ende Lescaudrons schrieb, »zielt Iwanischwili auf den Mann, meint aber die Bank«. Die habe nämlich von den Machenschaften ihres Topberaters – er war auf reiche Osteuropäer spezialisiert – gewusst und diese geduldet. Das bestreitet CS naturgemäß und besaß in ihrer Klageerwiderungsschrift in Singapur sogar die Chuzpe, die Abweisung der Klage mit dem Argument zu beantragen, nach dem Tode Lescaudrons bestünden erhebliche Schwierigkeiten mit der Zeugenbefragung. Außerdem unterlägen die entsprechenden Informationen dem Schweizer Bankgeheimnis. Wer einen Krimi über die Geschichte schreiben wollte, hätte hier kein übles Mordmotiv. Es ist allerdings bisher kein entsprechender Verdacht gegen die CS geäußert worden.

Ärgerlich an der Klagewelle ist für die Crédit Suisse, dass die übliche Tour, klagende Kunden am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, in diesem und vergleichbaren Fällen keinen Erfolg verspricht. Die geprellten Oligarchen und sonstigen Private-Banking-Kunden haben bei allen Verlusten immer noch Geld genug, sich lange Prozesse und teure Anwälte leisten zu können. Wie die Verfahren ausgehen werden, ist noch völlig offen.

Das Handelsblatt hoffte im Interesse der CS vergangene Woche auf »außerjuristische Umstände«: US-Gerichte hätten üblicherweise keine besondere Sympathie für osteuropäische Oligarchen. Man kann das Argument allerdings problemlos umkehren: Jede Klage vor einem US-Gericht, auch wenn die zugrundeliegenden Vorgänge sich anderswo abgespielt haben, stärkt den Anspruch der US-Justiz auf weltweite Zuständigkeit und ist deshalb politisch erwünscht. Retten könnte sich die CS vor Urteilen zu ihren Lasten durch Vergleichsangebote. Die wären allerdings angesichts der Höhe der Schäden teuer. Deshalb hat die Bank bisher keine Bereitschaft zu entsprechenden Deals erkennen lassen.

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