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Aus: Ausgabe vom 30.06.2021, Seite 1 / Titel
Spekulanten

Profitable Pandemie

Trotz Wirtschaftskrise füttert Regierung Millionäre. Boom an Börse und Immobilienmarkt hält an. Steigende Kinderarmut andere Seite der Medaille
Von Simon Zeise
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Börsen-Chef Theodor Weimer hat gut Lachen. Spekulanten eignen sich die Einkommen der Lohnabhängigen an

Die Coronakrise trifft nur die lohnabhängige Bevölkerung. Spekulanten konnten ihre Guthaben während der tiefsten Rezession nach 1945 hingegen steigern. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Studie der französischen Unternehmensberater­firma Capgemini haben sich die Millionäre 2020 ungeniert vermehrt.

Über einen Zuwachs von 6,3 Prozent konnten sich die Kapitalisten freuen: 20,8 Millionen Menschen haben mittlerweile mehr als eine Million US-Dollar auf ihrem Konto. Ihre Vermögen wuchsen auf einen akkumulierten Gesamtwert von 80 Billionen US-Dollar – viermal soviel wie das US-Bruttoinlandsprodukt in der größten Volkswirtschaft der Welt. Dort war das Wachstum der »High-net-worth individuals« mit 12,3 Prozent besonders hoch, da die Wall Street mit einem zwei Billionen US-Dollar schweren Paket der US-Regierung kräftig gefüttert wurde. Wer sich teure Wertpapiere der Internetmonopole Amazon, Apple und Microsoft leisten konnte, gehörte zu den größten Krisenprofiteuren. Die Papiere der drei Onlinegiganten machten 53 Prozent der Gewinne der im Aktienindex S & P 500 gelisteten Unternehmen aus. Sogenannte Superreiche, die mehr als 30 Millionen US-Dollar ihr Eigen nennen, konnten ihre Vermögen um ganze neun Prozent erhöhen.

Auch in Deutschland hat sich eine ganze Kleinstadt an Millionären angesiedelt: Während prekär Beschäftigte in der Pflege und in Supermärkten dem Virus ausgesetzt waren, hielten die Superreichen die Taschen auf. Um 69.100 Personen wuchs die Sippschaft der Aktionäre und Immobilienhaie auf mittlerweile mehr als 1,5 Millionen Mitglieder – durch tatkräftige Mithilfe der Bundesregierung: Das Kabinett um Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat es nicht einmal für nötig befunden, Dividendenzahlungen zu untersagen, als die Krise zuschlug und Hartz-IV-Bezieher sich den Schutz vor dem Virus vom Mund absparen mussten.

Auch hierzulande boomt die Börse. Im ersten Halbjahr suchten bereits 14 Unternehmen ihr Glück mit einer Erstnotierung am Frankfurter Aktienumschlagplatz. Wie die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) am Dienstag mitteilte, wurden dabei rund 8,8 Milliarden Euro eingesammelt. »Seit dem Boomjahr 2000 wurde in keinem Halbjahr ein solch hohes Emissionsvolumen erreicht wie in der ersten Jahreshälfte 2021«, jubelten die Manager von PwC am Dienstag. Somit sei zu erwarten, dass im Gesamtjahr die Werte das Rekordjahres 2018 übertroffen werden.

Um die Vermögen der Millionäre zu realisieren, müssen Geringverdiener jeden Cent zweimal umdrehen. Reiche Familien geben in der BRD dreimal mehr für Lebensunterhalt und Teilhabe ihrer Kinder aus als arme, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mit. Während die ärmsten zehn Prozent der Familien pro Monat im Schnitt 424 Euro für ein Kind bereitstellen könnten, seien es bei den reichsten zehn Prozent der Familien im Schnitt 1.200 Euro pro Kind. Der Paritätische Gesamtverband kritisierte, »dass Kinder aus einkommensarmen Familien seit Jahren immer weiter abgehängt werden und von gleichwürdiger sozialer und kultureller Teilhabe ausgeschlossen sind«. Es könne nicht angehen, dass Kinderarmut als gegeben hingenommen werde. Arme Familien seien gezwungen, notgedrungen an allem zu sparen, was über das physisch Überlebensnotwendige hinausgehe. »Das Gefühl, nicht dazuzugehören, ausgegrenzt zu sein und abseits stehen zu müssen, ist das Lebensgefühl armer Kinder in Deutschland«, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Und in der Pandemie habe sich die Not verschärft.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Bernd K. aus Bern/Schweiz (30. Juni 2021 um 15:47 Uhr)
    Eine »Krise«, in der nicht alle Mitglieder der betroffenen Gesellschaft Einbußen und Verluste hinzunehmen haben, ist keine Krise, sondern eine Umverteilung – genauer: eine verschärfte Form der üblichen kapitalistischen Umverteilung. Das trifft meines Wissens auf alle sogenannten Krisen des Kapitalismus in den letzten 150 Jahren zu. Aber eine »Krise« oder Rezession, in der die Reichsten schneller reich werden als in allen anderen »Krisen«, ja sogar schneller als in einer »Konjunktur«, ist keine einfache Steigerung der »Umverteilung«, sondern sie ist einfach ein Raubzug. Nichts anderes.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (30. Juni 2021 um 09:55 Uhr)
    Zitat: »Trotz Wirtschaftskrise füttert Regierung Millionäre. Boom an Börse und Immobilienmarkt hält an. Steigende Kinderarmut andere Seite der Medaille.« Dazu stand vor langer Zeit einmal im Spiegel der passende Kommentar: »Der heutige Prolet ist ärmer dran als sein Vorgänger zu Beginn des Industriezeitalters, obwohl es ihm besser geht. Er hungert nicht, er haust im Trockenen, er wird von keiner Seuche dahingerafft. Er besitzt sogar deutlich mehr Geld. Er ist in jedem Staat Westeuropas nicht nur Bürger, sondern zugleich Kunde des Wohlfahrtsstaats, auch wenn dessen Leistungen nirgendwo mehr üppig ausfallen. Und dennoch, der Prolet von einst besaß vieles, was die Armen von heute nicht mehr haben: ein einheitliches und für alle gültiges Feindbild, ein Klassenbewusstsein, veritable Gegner und sogar eine ausgeprägte Arbeiterkultur. Einstmals sang er noch Arbeiterlieder, rief seine Parolen, er gründete Vereine, betete seine Theoretiker an, auch wenn er sie nie ganz verstand. Er konnte noch zu Zeiten des Kaiserreichs zwischen politischen Gruppierungen wählen, die sich aus der Illegalität heraus um seine Zustimmung bemühten. Der Arme von gestern war das Subjekt der Geschichte, wie man im Rückblick ohne Übertreibung feststellen kann. Der moderne Arme in der globalisierten Welt ist bisher nicht viel mehr als das Opfer der Verhältnisse. Sein Vorgänger stand am Rand der Gesellschaft, er steht außerhalb.« Der sozialökonomische Erosionsprozess entzieht dem Westen erst die Jobs, dann das Geld und am Ende auch die demokratische Legitimation. Nicht umsonst entstanden überall in der EU die rechtsgerichteten Parteien. Was ist die Staatsbürgerschaft eines Landes wert, wenn den Menschen dort die Teilnahme am Arbeitsprozess verwehrt bleibt? Was nützen bürgerliche Freiheiten aller Art, wenn das Recht auf eine eigenständige Lebensführung nicht mehr dazugehört?

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