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Aus: Ausgabe vom 29.06.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Megaprojekt

Istanbuls Untergang

Türkische Regierung beginnt mit Kanalbau. Katastrophale Folgen für Umwelt und Menschen befürchtet. Baubranche reibt sich die Hände
Von Emre Sahin
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Gegen das Projekt: Protest in Istanbul am Samstag

Der erste Spatenstich ist vollzogen: Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat am Samstag abend bei einer pompösen Zeremonie den Grundstein für die künstliche Wasserstraße »Kanal Istanbul« gelegt. Der Bau der Autobahnbrücke Sazlidere, die neben fünf weiteren Brücken den Kanal überspannen soll, habe begonnen. In sechs Jahren werde der Kanal, der 15 Milliarden US-Dollar kosten soll, fertig sein, glaubt Erdogan.

Kritiker des Projekts, wie der kemalistische Bürgermeister Istanbuls, Ekrem Imamoglu (CHP), haben Zweifel: Parallel zur Zeremonie startete sein Rathaus das Internetportal »kanal.istanbul«, das mögliche Folgen der Wasserstraße wissenschaftlich aufzeigen will. Demnach werde das Projekt etwa 65 Milliarden US-Dollar kosten und müsse mindestens 40 Jahre lang abbezahlt werden.

Verheerender als die finanziellen Kosten sollen jedoch die Folgen für Istanbuls Einwohner sein: Für den Bau müssen 23 Millionen Quadratmeter an Waldfläche weichen, wodurch sich die miserable Luftqualität der Stadt noch weiter verschlechtern wird. Auch ist die Versorgung gefährdet: Der Sazlidere-Staudamm, der 29 Prozent des Trinkwassers der Stadt liefert, muss nun der ersten Brücke weichen. Zudem wird das Wasser aus dem salzwasserarmen Schwarzen Meer mittels Kanal in das Marmarameer fließen, wodurch dessen Sauerstoffgehalt abnehmen und die Stadt infolgedessen nach faulen Eiern stinken werde.

In der Türkei wird der Kanal nur das »verrückte Projekt« genannt, weil er den europäischen Teil Istanbuls zu einer Insel macht. Am Samstag sagte Erdogan, der Bau sei nötig, um den Schiffsverkehr im Bosporus zu entlasten. Durchschnittlich würden im Jahr 45.000 Schiffe die Meerenge passieren; zudem gibt es den innerstädtischen Verkehr zwischen der asiatischen und europäischen Seite Istanbuls. Bei einem Unfall oder einer Ölkatastrophe sei die ganze Stadt in Gefahr, so Erdogan. Deshalb sei der Kanal, der 45 Kilometer lang, 275 Meter breit und 20 Meter tief werden soll, ein Projekt zur »Rettung der Zukunft« der Stadt.

Liest man die Gutachten auf »kanal.istanbul«, scheint die Wasserstraße mehr ein Projekt zur Rettung der AKP zu sein. Seit 2011, dem Jahr als Erdogan das Bauvorhaben bekannt gab, sind entlang dem projektierten Kanal 25.000 Grundstücke, insgesamt 30 Millionen Quadratmeter Fläche verkauft worden. Dort soll kräftig gebaut werden, die AKP-nahe Baubranche reibt sich die Hände. Das Geld kommt dabei zumeist aus den Golfstaaten. Türkische Banken wollen das Projekt aufgrund des Risikos nicht finanzieren.

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