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Aus: Ausgabe vom 29.06.2021, Seite 8 / Ansichten

Keine Haltung

Von Hansgeorg Hermann
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Stimmabgabe in Marseille am Sonntag

Die Ergebnisse der französischen Regionalwahlen haben verschiedene harte Wahrheiten bloßgelegt. Die erste und vielleicht unangenehmste ist die, dass junge Menschen in einem der reichsten Länder des Planeten jegliches Interesse an einem »demokratischen« System verloren haben, das sich in Selbstgefälligkeit und Korruption ergeht, während sie selbst »in der Scheiße« sitzen und der größte Teil ihrer Zukunft mit ihnen. Zu fast 90 Prozent haben sie sich daher den Gang ins Wahllokal gespart.

Die zweite Wahrheit ist die, dass der neoliberale Staatschef Emmanuel Macron, dieser Inbegriff des gepflegten, kultivierten Geldmenschen, sich schwer getäuscht hat, als er glaubte, die politischen Begriffe »links« und »rechts« mit der Gründung seiner Partei »La République en Marche« (LREM) abgeschafft zu haben. Als Vertreter einer Kaste, für die nur fette schwarze Zahlen auf dem Kontoauszug zählen, hat er offenbar nicht beachtet, dass das Wort »links« keine Parteizugehörigkeit bezeichnet, sondern eine politische Haltung. Sein Wahlversprechen, als Präsident »weder links noch rechts« zu sein, musste daher als Versuch gewertet werden, dem politischen Menschen jegliche Haltung auszutreiben. Das geht in Frankreich nicht.

Die dritte Wahrheit ist, dass Macrons Präsidentenwahlverein LREM keine wirkliche Basis hat, keine Unterstützung draußen im Land, auf die er zählen könnte. Die lächerlichen zehn Prozent Stimmen bei einem Votum, dem 65 Prozent der Franzosen fernblieben, lassen ahnen, dass der Bewohner des Palais Élysée nicht auf seine Partei als solche baut – er braucht höchstens einige wenige Höflinge, die in TV-Runden sein Lob singen, und eine Hundertschaft braver Knechte, die für ihn Plakate klebt. Macron setzt offenbar ganz auf sich selbst, auf das Napoleonische, das er sich seit seinem ersten Tag als Präsident der Republik umgehängt hat. Irgendeiner wichtigen Kulturzeitschrift sagte er einst, dass die Franzosen »sich einen König wünschen«. Man wird in zehn Monaten sehen, ob das so ist.

Kann ihm die als Politikerin längst zum alten Eisen gehörende Faschoführerin Marine Le Pen im Mai 2022 doch noch etwas streitig machen? Es sei dahingestellt. Ein neuer Präsidentschaftskandidat ist aufgetaucht. Der Rechte Xavier Bertrand, der unter der Maske des bürgerlichen Biedermanns Pläne ausheckt, die sich von denen der Le Pen gar nicht so sehr unterscheiden. Bertrand, ­Macron, Le Pen? Die jungen Menschen haben offensichtlich keine Lust auf solche Typen. Vielleicht wäre jemand »mit Haltung« geeignet, sie wieder an die Urnen zu holen.

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