3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 22. September 2021, Nr. 220
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 26.06.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kommunistendatum

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal.png

Geht es um Russland, sind bundesdeutsche Großmedien im Gegensatz zu jenen dort frei von Propaganda. Also teilt z. B. die Nachrichtenagentur dpa am Montag in ihrer Wochenterminplanung für den 22. Juni mit: »80. Jahrestag des Überfalls von Hitlerdeutschland auf die Sowjetunion. Damit begann für die Kommunisten damals der Zweite Weltkrieg.« Ortsmarken: »Moskau, Russland«. Die Erläuterung bildet den Stand der durchschnittlichen westdeutschen Geschichtsbildung gut ab, und so wurde sie am Dienstag z. B. in Vormittagsnachrichten des Deutschlandfunks (DLF) verlesen, später verschwand sie.

Immerhin ließ sich die Hamburger ­Wochenzeitung Die Zeit breitschlagen, am 22. Juni zunächst online und am Donnerstag in ihrer Druckausgabe einen Gastbeitrag des russischen Präsidenten, also nach dpa-Terminologie eines mutmaßlichen Kommunisten, zum Jahrestag zu veröffentlichen. »Breitschlagen« erscheint als angemessene Bezeichnung, denn die Zeit-Redaktion kommentiert in einem hinzugestellten Text, Wladimir Putin bezeichne »die Ereignisse 2014 in der Ukraine« als einen »von Europa unterstützten Staatsstreich« und schreibe vom »Austritt« der Krim. Bundesregierung und EU sprächen aber »wie alle Kommentatorinnen und Kommentatoren der Zeit« von »Völkerrechtsbruch« und »Annexion«. Welch ungewöhnliches Unisono. Die Zeit werde daher »Entgegnungen« auf Putin veröffentlichen. Zustimmungen sind offenbar nicht vorgesehen. Die offizielle und die identische redaktionelle Sprachregelung zur Ukraine ähnelt der, wonach die Bundeswehr 1999 in Jugoslawien und seit 2001 in Afghanistan nicht an einem Krieg, geschweige denn an einem Angriffskrieg teilgenommen hat. Warum der Sturz des gewählten Präsidenten Wiktor Janukowitsch am 22. Februar 2014 in Kiew kein von der EU mit Erpressung und mit Finanzierung von Faschisten und Nationalisten herbeigeführter Staatsstreich war und das Referendum auf der Krim, das am 16. März 2014 mit rund 96 Prozent der Stimmen bei 82 Prozent Wahlbeteiligung für die Sezession von der Ukraine ausfiel, kein Austritt gewesen sein soll – wozu argumentieren, wenn Regierung, EU und Zeit einer Meinung sind?

Bevor Die Zeit Entgegnungen veröffentlichen konnte, hatte Thomas Franke, freier Autor und früherer Moskau-Korrespondent, in einem DLF-Kommentar am 22. Juni alles Notwendige gesagt. Die Zeit hätte Putins Beitrag nicht veröffentlichen dürfen: »Denn so kann Putin ungehindert Lügen verbreiten. Wer ihm ungefiltert Raum gibt, macht sich mitschuldig.« Der Text sei »ein Propaganda­artikel, und er steckt so voller Lügen, dass es zu lange dauern würde, sie einzeln zu widerlegen.« Also lässt es Franke: Wozu Argumente, wenn es sich um Russen, d. h. um Kommunisten handelt? Wer Putin Raum gebe, »konterkariert die jahrelange, teils sehr harte Arbeit aller Berufsgruppen in Wissenschaft und Medien, in Politik und Diplomatie, für einen fairen und faktenbasierten Diskurs«. Der hat sich in deutschen Redaktionen z. B. bei der Leugnung des Staatsstreichs in der Ukraine und des Krim-Referendums bewährt, da kann Franke auf Fakten verzichten. Wer von den Bandera-Nachfolgern in Kiew schweigt, dem ist auch der 22. Juni 1941 egal. Franke sagt keine Silbe zu diesem Datum, d. h. zum Anlass des Putin-Artikels. Er rügt vielmehr die Zeit, weil sie »einem respektlosen Menschen, der systematisch gegen den Diskurs angeht und den Liberalismus für überholt hält, eine Plattform gegeben« habe. Da bleibt Franke nichts anderes, als selbst den Putin zu machen und auf Respekt, Diskurs und Liberalismus zu verzichten und zu fordern: Putin-Texte raus.

Für Franke ist der Zweite Weltkrieg nicht vorbei. Er ignoriert ihn nicht mal.

Wer von den Bandera-Nachfolgern in Kiew schweigt, dem ist auch der 22. Juni 1941 egal

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 1. Juli 2021 um 21:13 Uhr)
    Wer sich im Besitz der Deutungshoheit wähnt, braucht keine Fakten mehr zu beachten; er schafft sie sich gegebenenfalls einfach selbst – eben »alternativ« zur Realität. Und das sind dann die bekannten »alternativlosen« neuen »Wahrheiten« oder: »Des Königs neue Kleider«.

Ähnliche:

  • »Politbüro 2.0«: Mit Raub von Sowjeteigentum und Ausbeutung der ...
    20.10.2014

    Nicht über einen Kamm scheren

    Trotz staatsmonopolkapitalistischer Strukturen: Russland setzt dem Hegemonieanspruch des US-Imperialismus und dessen Satelliten eine multipolare Weltordnung ohne Krieg entgegen.
  • Alan Freeman
    09.08.2014

    »In Kiew ist der reinste Karneval der Reaktion«

    Gespräch mit Alan Freeman. Über Medienpropaganda im Ukraine-Konflikt, die Rolle des »Euromaidan«, innerimperialistische Konkurrenz und faschistische Hilfstruppen des Neoliberalismus

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!