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Aus: Ausgabe vom 26.06.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Vernichtungskrieg

Ignoranz, Russophobie und würdiges Gedenken

Gemischte Bilanz: Der 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion in der Bundesrepublik
Von Arnold Schölzel
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) gedenkt der Opfer des deutschen Angriffskriegs gegen die Sowjetunion (Berlin, 22.6.2021)

Es waren genau zwei Instanzen auf Bundesebene, die den 80. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion wahrnahmen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Fraktion Die Linke im Bundestag. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hatte eine Gedenkstunde des Parlaments bereits Anfang April abgelehnt, die Bundesregierung antwortete Ende April auf eine Anfrage der Linke-Fraktion nach ihren Vorhaben zum 80. Jahrestag des Überfalls mit: nichts (siehe die Dokumentation in jW vom 19./20. Juni). Dabei blieb es, allerdings kann die Eröffnung des Dokumentationszentrums »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« durch die Bundeskanzlerin am 21. Juni als kühl geplanter Regierungsbeitrag gegen die Erinnerung an den Überfall betrachtet werden.

Steinmeiers Vorgänger Joachim Gauck war mit dem 75. Jahrestag in ähnlicher Weise umgegangen und nach Rumänien geflogen. Steinmeier gedachte dagegen am 14. Juni in der niedersächsischen Gedenkstätte Sandbostel der mehr als drei Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutscher Kriegsgefangenschaft ermordet worden waren. Am 18. Juni hielt er im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst, dem früheren Kapitulationsmuseum, eine Rede. Das trug ihm Hetze der Grünen-Politikerin Marieluise Beck gegen den Veranstaltungsort und eine Rüge des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk ein. Am 22. Juni legte Steinmeier schließlich am Denkmal »Mutter Heimat« im Berliner Sowjetischen Ehrenmal Schönholzer Heide einen Kranz nieder.

In den meisten deutschen Medien wurde allerdings rund um den Jahrestag geschichtliche Ignoranz und Russophobie weiter geschürt. Steinmeier und die Linke-Fraktion vermieden vermutlich einen internationalen Skandal – angesichts der Tatsache, dass sich US-Präsident Joseph Biden und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin wenige Tage vor dem 22. Juni getroffen hatten. Die Linke bekannte sich in einer würdigen Präsenzveranstaltung am 21. Juni im Paul-Löbe-Haus des Bundestages zur deutschen Verantwortung (Aufzeichnung auf youtube.com/linksfraktion). Beginnend mit der vom Sprecher Radio Moskaus, Juri Lewitan, verlesenen Mitteilung der sowjetischen Regierung über den deutschen Überfall vom 22. Juni 1941 bis zur abschließenden, von der Sängerin Gina Pietsch und dem Pianisten Bardo Henning vorgetragenen »Kinderhymne« Bert Brechts und Hanns Eislers, war es ein Abend, der vor allem Gäste aus Russland einbezog – mit Videobotschaften von Kriegsveteranen, Reden der Duma-Abgeordneten Jelena Drapeko und Oleg Schein, einer Ansprache des Botschafters Sergej J. Netschajew und Filmausschnitten aus dem Gespräch, das die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen mit dem ehemaligen Rotarmisten und Befreier des Konzentrationslagers Auschwitz, David Dushman, wenige Tage vor dessen Tod hatte führen können. Die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch, die zusammen mit ihrer Kollegin durch die Veranstaltung führte, charakterisierte die Situation in den deutsch-russischen Beziehungen damit, dass sie auf die Beratungen im Haushaltsausschuss am 23. Juni hinwies: Dort wollten CDU und SPD neue Rüstungsvorhaben in Höhe von 18 Milliarden Euro durchsetzen. Was auch geschah.

Hervorzuheben ist: An vielen Orten der Bundesrepublik fanden vor und am 22. Juni Gedenkveranstaltungen gesellschaftlicher Initiativen statt. So hatte die DKP am 19. Juni zu einer Kundgebung am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow aufgerufen. Am 22. Juni lud die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) zu einer mehrstündigen Manifestation auf den Berliner Bebelplatz. In Braunschweig, Hanau, Leipzig, Neumünster, Nürnberg, Schwerin und anderen Städten wurden ebenfalls Lesungen, Filmvorführungen und Kundgebungen der Organisation veranstaltet.

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  • Leserbrief von Dr. Barbara Hug aus Tobel/Schweiz (29. Juni 2021 um 12:26 Uhr)
    Die Rede des deutschen Bundespräsidenten Steinmeier ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Dass sie nicht von jedermann goutiert wurde, war zu erwarten. Der Historiker Wette belegt jedoch, dass der Kriegvorbereitungspropaganda, also der mentalen, manipulativen Beeinflussung der Wehrmachtssoldaten, eine besondere Bedeutung zukam. Der russische Mensch, die russische Bevölkerung, der russische Soldat wurden ja tatsächlich mit suggestiven Bildern beschrieben, die sie als das eigentlich Böse schlechthin malten. Der Vernichtungsfeldzug konnte nur durchgeführt werden auf der seelischen Basis einer Angst-und-Furcht-Mischung, die aus Wehrmachtssoldaten grausame Bestien werden ließ. Dazu kam der Rassismus, der die Inferiorität des Russen, des slawischen Untermenschen schlechthin, eintrichterte. Ohne vorangehende, jahrzehntelange Propaganda ist solch ein Krieg nicht möglich. Es leuchtet auf den ersten Blick nicht ein, dass ein Land der Dichter und Denker einem irren Schreier wie Hitler verfiel. Hitler war ein Irrer, im eigentlichen Sinn des Wortes. Wieso verfielen ihm die Deutschen? Schwer zu beantworten, zunächst. Doch hier müsste die wissenschaftliche Forschungsarbeit ansetzen und fragen, welches die psychologischen Grundlagen waren, auf denen aufbauend die Hitlerschen Reden zum Beispiel Anklang fanden. Wissenschaftlich meint neutrale Forschung, ohne Schuldzuweisung. Was ging in der Psyche der Deutschen vor? Genügt die Antwort, sie seien einfach autoritätshörig gewesen? Ich glaube, nicht. Tiefenpsychologische Forschung, ausgehend von Sigmund Freud und Alfred Adler, erfasst die tieferliegenden Motive und seelischen Grundlagen, die sich beim einzelnen finden lassen. Gesellschaftliche Einflüsse müssen hier genauso berücksichtigt werden. Ein Buch von Ernst Weiss, »Der Augenzeuge«, ist hierzu lesenswert. Der grassierende Geschichtsrevisionismus arbeitet mit einer Entlastungsfunktion: Es solle endlich Schluss sein mit dem Schuldkult. Ja, es ist ja nachvollziehbar, dass sich die Kinder und Kindeskinder der Kriegsgeneration nicht immer der Taten und Unterlassungen ihrer Eltern bezichtigt werden wollen. Abwehr des Schuldkultes ergibt jedoch noch keine Grundlage wirklichen Verstehens. Und das wirkliche Verstehen muss erfolgen. Sonst laufen wir in die nächste Katastrophe.

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