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Aus: Ausgabe vom 24.06.2021, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Vom Ich zum Wir

Als vor 80 Jahren Nazideutschland die Sowjetunion überfiel, komponierte Sergej Prokofjew sein Opus Magnum »Krieg und Frieden«
Von Sigrid Neef
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Ein ständiges Hin- und Herfluten: Sergej Prokofjew (1956)

Napoleon überfällt 1812 mit seinem Heer Russland – trotz modernster Ausrüstung, Waffentechnik und zahlenmäßiger Übermacht wird er aus dem Land vertrieben. Hitler überfällt 1941 mit seinem Heer die Sowjetunion – trotz modernster Ausrüstung, Waffentechnik und zahlenmäßiger Übermacht wird er aus dem Land vertrieben. Am 22. Juni 2021 jährte sich nun der Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion zum 80. Mal und allenthalben herrscht auf der Welt Krieg.

Grund genug, sich zu fragen, was 1812 und 1941 eigentlich geschehen ist und was heute weiter geschieht. Genau diese Frage stellte sich einst Leo Tolstoi 1863. Er war nicht nur Schriftsteller, er war ein Sucher nach dem Sinn des Lebens: Er ging als Mitglied der Hocharistokratie ins Volk, trug den Bauernkittel und bestellte eigenhändig Land, schrieb Schulbücher für Bauernkinder und erbaute Schulen. Und er begründete das Prinzip des gewaltlosen Widerstands, an das später Mahatma Gandhi anknüpfen konnte. In seinem 1863 bis 1869 entstandenen Roman »Krieg und Frieden« schildert er den Frieden im Kosmos des Hochadels als einen Kampf auf dem gesellschaftlichen Parkett um Vorrang, Macht und Einfluss.

Nützlicher Mythos

Sergej Prokofjew fasste in den 1930er Jahren den Plan, eine Oper nach Tolstois »Krieg und Frieden« zu komponieren. Er hatte in Westeuropa und Amerika gelebt, dort Karriere gemacht, war nach Russland heimgekehrt mit seiner Frau, einer Sängerin, und den beiden Söhnen. Hier lernte er eine junge Studentin kennen, die ihn für die Werke Tolstois begeisterte. Er durchlebte eine schwere Krise, in deren Verlauf er sich von seiner Frau trennte und der Studentin zuwandte. Die privaten Ereignisse waren dramatisch und hinterließen seelische Narben. Nicht zufällig interessierte sich der Komponist daher vor allem für die bei Tolstoi zu findende Geschichte einer seelischen Heilung und Auferstehung durch das Wunder der Liebe, wie es sich im Roman an Natascha Rostowa und Andrej Bolkonski vollzieht. Sie sind zwei Liebende, die, durch die Eitelkeiten des Salons auseinandergetrieben, wieder zueinanderfinden. Sie haben den Weg vom Ich zum Wir, vom elitären Salonleben zum Volk gefunden.

Der Einfall deutscher faschistischer Truppen 1941 in die Sowjetunion brachte das angefangene Projekt zu einer besonderen Dringlichkeit, so dass Prokofjew die im Juli begonnene Niederschrift bereits im April 1942 abschloss. Der Krieg setzte nun einen besonderen Akzent. Die sowjetische Kulturbürokratie interessierte sich für die Möglichkeit, mit dieser Oper eine Parallelisierung des Befreiungskampfes gegen Napoleon mit dem Befreiungskampf gegen Hitler geliefert zu bekommen, also einen nationalen, stalinistisch gefärbten Mythos. Die Hoffnung des Kunstkomitees, in Prokofjews Oper ein propagandistisch gut einsetzbares Werk zu erhalten, erwies sich indes als äußerst problematisch. Denn im Verlaufe des Krieges wechselten häufig die parteipolitisch wie staatlich vorgegebenen propagandistischen Akzente: Einmal wurden das Volk und der Partisanenkampf im Krieg gegen Hitler betont, dann wieder stand die alleinige führende Rolle des obersten Kriegsherrn Stalin im Vordergrund. In solchen Situationen getraute sich niemand, dem Werk Prokofjews vorbehaltlos seine Zustimmung zu geben.

Zwar kam mit der Gestalt des legendären russischen Generals Michail Kutusow eine herausragende Führerpersönlichkeit auf die Bühne: Wer wollte, konnte Stalin mit diesem Kutusow parallelisieren, wer nicht, konnte die großen Divergenzen zwischen beiden historischen Gestalten anhand der Prokofjewschen Bühnenfigur nachvollziehen. Legendär wurde der reale Kutosow durch seine Entscheidung, angesichts der militärischen Unterlegenheit des russischen Heeres, Moskau nicht zu verteidigen, sondern dem Feind zu überlassen. Napoleon hatte Moskau als Quartier eingeplant, um den mörderischen russischen Winter zu überstehen. Der Plan ging nicht auf. Moskau wurde durch die eigenen Bewohner unbewohnbar gemacht. Mitten im Winter mussten die französischen Soldaten hinaus in Schnee, Eis und Kälte, und nur wenige schafften den Rückweg nach Frankreich.

Was Prokofjew komponierte, ist ein ständiges Hin- und Herfluten einer einzigen grandiosen Energie, die sich bald bei einem einzelnen – so bei Kutusow oder auch einzelnen Soldaten und Partisanen – zeigt und sich dann wieder beim Kollektiv manifestiert. Die bald stärker, bald schwächer wird, versiegt und wieder emporbrandet. Mit nichts ist dieser Energiestrom besser auszudrücken als mit einem dahinschwellenden Leitthema, das bald auf der musikalischen Oberfläche als Melodiestimme einherkommt, dann im musikalischen Untergrund anklingt, sich auflöst und wieder auftaucht, sich verlangsamt oder beschleunigt, bald in hellem freudigen Ton erklingt, dann wieder dumpf verschattet. Kristallisationspunkt ist Kutusows berühmte Arie zum Lob von Mutter Moskau.

Sehnsucht nach Harmonie

Tolstoi stellt in seinem Roman die Frage nach dem Sinn von Geschichte und dem Sinn individueller Lebensschicksale. Er kritisierte die weitverbreitete Meinung, Geschichte werde von Einzelpersonen gemacht. Für Tolstoi war Geschichte ein von unten, vom Volk, den sogenannten einfachen Leuten in Gang gehaltener Prozess. Zwar können einzelne dramatische Wendungen herbeiführen, aber nur dann, wenn es eine Prädisposition der Masse gibt, die vom einzelnen unabhängig ist. Tolstois Auffassung stand zur Sowjetzeit in krassem Widerspruch zur mythischen Stilisierung des »einzig weisen, wissenden Väterchens Stalin«. Bei Tolstoi wie Prokofjew findet eine Ausrichtung vom Ich zum Wir statt. Wobei das Wir keine exklusive Gemeinschaft ist. Sie folgen einer Ausrichtung vom Ich zu einem Wir, das niemanden ausschließt, dafür alles einschließt. Die zentrale Botschaft von Roman wie Oper ist die Sehnsucht nach universeller Harmonie.

Diese Sehnsucht drückt sich in den musikalisch schönsten Stellen der Oper wie der folgenden aus: Der noch junge Aristokrat Andrej Bolkonski ist bereits vom Leben enttäuscht, verbittert, krank an der Seele, lebensmüde. In einer Frühlingsnacht hört er aber die Stimme eines jungen Mädchens, die vor Lebensfreude jubiliert und ihm die verlorene Lebensfreude zurückgibt. Als Bolkonski später auf einem Ball das zu der Stimme gehörende Mädchen in den Armen hält, erwacht in beiden der Eros, meisterhaft in Musik gesetzt mit dem berühmten »Natascha-Walzer« in h-Moll, einem Leitthema der Oper. Durch Intrigen einander entfremdet, gehen die Liebenden auf der Suche nach ihrer verlorenen Liebe neue Bindungen ein. Der Kommandeur Bolkonski zu seinen kämpfenden Soldaten, die Krankenschwester Natascha zu den verwundeten Kämpfern. An der Schwelle des Todes begegnen sie einander wieder. In der Todesstunde Andrejs öffnen sich neue Horizonte. Der Sterbende sucht und findet Worte für seine alte neue Liebe. Er möchte jetzt nicht nur einen Menschen lieben, er möchte bedingungslos lieben. Er sucht die Stille, die universelle Harmonie. Es geht ihm um ein Denken und Fühlen ohne Schranken. Ohne Schranken des Geschlechts, des Standes, der Nation. Eine subtile Botschaft – doch klar formuliert. Sie ist bis heute uneingelöst.

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