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Aus: Ausgabe vom 24.06.2021, Seite 6 / Ausland
»Reise für das Leben«

Die Invasion hat begonnen

Zapatistas der EZLN betreten im nordspanischen Vigo europäisches Festland. Hunderte empfangen die Indigenen
Von Lara Lohmann und Manu Fürtig, Vigo
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Die zapatistische Delegation am Strand bei Vigo in Nordspanien am Dienstag abend

Es ist 18 Uhr am Dienstag abend, als aus der Ferne ein kleines Motorboot auf den Leuchtturm der nordspanischen Stadt Vigo zufährt. Entlang des Kais und an den nahegelegenen Stränden tummeln sich Hunderte Menschen. Eine Band spielt traditionelle galicische Musik. Nach 50 Tagen auf hoher See landet die maritime Delegation der Zapatistas in Spanien.

Das Europakapitel der »Reise für das Leben« beginnt. Die Delegation der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) aus dem südmexikanischen Chiapas war am 2. Mai mit dem Segelschiff »Stahlratte« von der Karibikinsel Isla Mujeres aus zu der Überfahrt aufgebrochen. Ziel ist es, zunächst in Europa mit Aktivistinnen und Aktivisten zusammenzukommen, wie die Organisation im Oktober 2020 angekündigt hatte.

In einem festlichen Akt begrüßen sieben Personen aus Galicien und sieben Internationalistinnen und Internationalisten stellvertretend für Hunderte Kollektive aus ganz Europa die Delegierten der EZLN. Gemeinsam geht es danach in einem Festumzug mit feministischer Sambaband und lilafarbenen Bengalos die Küste entlang zum Strand von Carril, wo die offizielle Begrüßungszeremonie abgehalten wird. Etwa 500 Menschen aus ganz Europa und weit darüber hinaus sind gekommen, um diesen historischen Moment mitzuerleben.

Geschichtsträchtig sind Ort und Zeitpunkt allemal. 500 Jahre ist es her, dass die spanischen Kolonisatoren von Vigo nach Mexiko übergesetzt waren. Doch wie die Zapatistas in der Ankündigung ihrer Reise erklärten, wurden sie niemals erobert, sondern lediglich unterdrückt. »Höchste Zeit also, die Geschichte umzuschreiben«, erklärt die Aktivistin Mia Sorgis aus Frankfurt am Main und berichtet weiter: »Diese ganze Reise ist eine Umkehr der Kolonisierung, sie kommen nicht um uns zu erobern, sondern um zu suchen, was uns zu Gleichen macht.«

Aus Deutschland sprechen bei der Begrüßungszeremonie eine nichtbinäre Person aus dem Widerstand im Hambacher Forst und Anna Müller vom Ya-Basta-Netz. Mit den Worten »Wir weben Netze des Feminismus, des Antifaschismus, des Antikapitalismus und des Internationalismus. 500 Jahre sind genug. Willkommen im anderen Europa«, begrüßen sie die sieben indigenen Zapatistas.

Vom Strand geht es hoch auf eine Wiese mit festlich geschmückter Bühne. Hier dürfen als erstes Kapitän und Crew der »Stahlratte« sprechen. Im Anschluss erklärt Marijosé von der zapatistischen Delegation: »Im Namen der zapatistischen Frauen, Kinder, Männer, Alten und natürlich Andersgeschlechtlichen erkläre ich, dass der Name dessen, was heute als Europa bekannt ist, fortan S’lumil K’ajxemk’op sein wird. Das bedeutet nichtunterworfenes Land oder Land, welches sich nicht beugt (in der Maya-Sprache Tzotzil, jW). Und so wird es für Einheimische und Fremde bekannt sein, solange es hier Menschen gibt, die sich nicht ergeben und nicht verkaufen.« Weitere Delegierte der Zapatistas betonen, stolz darauf zu sein, von ihren Dörfern und Gemeinschaften ausgewählt worden zu sein, um die EZLN in Europa zu vertreten.

Zudem kündigen sie an, dass nach ihnen noch weitere Delegationen nach Europa reisen werden. Derzeit werden noch mehrere Zapatistas von den mexikanischen Behörden an ihrer Ausreise gehindert. Die EZLN hatte diese Praxis Mitte Juni als rassistisch motiviert kritisiert und erklärt, die Aktivistinnen und Aktivisten erfüllten alle Anforderungen für die Ausstellung der Reisepässe.

Auch Berichten über lokale Kämpfe weiterer Aktivistinnen und Aktivisten aus Europa und anderen Teilen der Welt wird bei der Begrüßungszeremonie Raum gegeben. Um die Verbundenheit mit den Zapatistas zu unterstreichen berichten beispielsweise galicische Aktivisten von ihrer Unterdrückungserfahrung mit dem spanischen Staat.

In den kommenden Tagen werden die zapatistischen Delegierten gemeinsam mit Aktiven aus ganz Europa die Reise für das Leben durch 30 Länder ausarbeiten. Die Invasion fürs Leben hat gerade erst begonnen.

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