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Aus: Ausgabe vom 28.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Operation Katastrophe

Éric Stemmelen erzählt den Aufstieg von Emmanuel Macron als packenden Politkrimi
Von Dieter Kraft
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»Dieses so sensible, so soziale, so strahlende Wesen« (Le Monde)

Brecht wäre entzückt gewesen: Ein Krimi, der die Regeln befolgt und doch so ganz anders ist – völlig anders. Vermutlich hätte der berühmte Krimileser den hier zu besprechenden Band nicht gleich wieder eingetauscht, sondern zur Relektüre in seine Bibliothek gestellt. Dem kürzlich im Mangroven-Verlag erschienenen Buch »Operation Macron« von Éric Stemmelen wird es ganz sicher mehrfach so ergehen, denn man kommt nach der ersten Lektüre auf eine Betriebstemperatur, die eine zweite Lesung geradezu einfordert – zumal hier so viele Schurken auftreten, dass man leicht den Überblick verlieren kann.

Éric Stemmeln ist ein französischer Statistiker und Wirtschaftswissenschaftler. Er war unter anderem Studiendirektor beim Meinungsforschungsinstitut Sofres und bei France Television, der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt Frankreichs, sowie Programmdirektor beim staatlichen Fernsehsender France 2. Ein Insider also, der gerade zum Whistleblower geworden ist. Aber »Whistleblower« ist nicht ganz korrekt. Denn Stemmelen verrät keine Geheimnisse, er schreibt ab und auf, was in den öffentlich zugänglichen Medien von jedermann und jederfrau gelesen, gehört und gesehen werden kann. Im Unterschied aber zu jedermann und jederfrau hat Stemmelen fast alles gehört, gesehen und gelesen – und das Wichtigste: systematisch analysiert. Ein Statistiker eben. Und so sieht sein Krimi denn auch aus. Erst im Text erfährt der Leser um die Brisanz der »Operation Macron«, denn Stemmelen schreibt immerhin die »Chronik eines stillen Staatsstreiches«: eine Chronik vom 22. Januar 2012 bis zum 23. April 2017 mit 251 Kalendereinträgen über Meldungen und Ereignisse und Meldungen über Ereignisse. Nichts stammt dabei von Stemmelen selbst. Der hat nur akribisch exzerpiert und gelegentlich ein wenig kommentiert – auch sarkastisch. Eine fabelhafte Operation!

Gegen die Fakten

Ganz sicher werden sich die Angegriffenen mit der Keule »Verschwörungstheorie« zu verteidigen versuchen. Aber gegen Stemmelen hat sie keinen Schwung, denn man müsste gegen die Fakten zeigen könne, dass die Präsidentschaft Emmanuel Macrons nicht einer Verschwörungspraxis zu verdanken ist. Aber was heißt schon »Verschwörungspraxis«? Die gehört zur Normalität. Politik verabredet sich immer hinter verschlossenen Türen und in bestimmten Kreisen. In diese Kreise führt uns Stemmelen ein. Ein Krimi mit hohen Politikbeamten, Präsidenten, Generaldirektoren und Vorstandsvorsitzenden von Banken und Versicherungen sowie von 47 Printmedien plus Fernseh- und Radiosendern. Soweit möglich, listet Stemmelen geradezu penetrant auch die entsprechenden Kontostände dazu auf – aber nur, wenn es um Milliardenbeträge geht. Peanuts zählen nicht. Millionen nur dann, wenn sie monatlich das Konto füllen. Stemmelen hat eine schöne Lesehilfe eingeführt: Wenn eine Zeitung zitiert wird, dann wird immer auch ihr Eigentümer benannt – womöglich auch dessen Kontostand. Hübsche Idee: »Le Figaro (Dassault) – 24 Milliarden Euro«. Das macht Pressefreiheit transparent.

Aber der Reihe nach: 22. Januar 2012. François Hollande von der Sozialistischen Partei steckt im Präsidentschaftswahlkampf und tönt: »Mein Gegner (…), das ist die Welt der Finanzen!« – »6. Mai 2012. François Hollande wird zum Präsidenten der Republik gewählt. Die ›Welt der Finanzen‹ müsste jetzt aus Angst sterben.« – »15. Mai 2012. Uff, man kann aufatmen! Emmanuel Macron, geschäftsführender Teilhaber von Rothschild & Cie., wird stellvertretender Staatssekretär des Präsidialamts der Republik. (…) ›Die Veränderung beginnt jetzt!‹ war der Wahlkampfslogan des Kandidaten Hollande. Aber das betraf nicht die Banker.«

Schlag auf Schlag

Und so geht das bei Stemmelen immer weiter, Seite für Seite, Schlag auf Schlag, von Lüge zu Lüge. Unter unüberschaubar vielen auch diese: Macron sei »infolge eines ›unglaublichen Zusammentreffens von Zufällen‹ Präsident der Französischen Republik geworden, so wird es uns fast überall gepriesen«. Stemmelen fügt hinzu: »Ich bin von der Ausbildung her Statistiker: Ich glaube also nicht an das Unglaubliche. Ich weiß, dass, wenn die Folge der Ereignisse immer die gleiche Person begünstigt, dies nur sehr selten ein Ergebnis des Zufalls ist. Ein Spieler, der Glück hat im Casino, ist eine Sache, ein professioneller Betrüger im Dienste einer Bande von Glücksrittern eine ganz andere. Innerhalb von drei Monaten sind fünf der erfahrensten Politiker, Schlauberger ersten Grades, verschwunden, aus dem Rennen geworfen worden: zwei ehemalige Präsidenten, der Republik, Sarkozy und Hollande, und drei ehemalige Premierminister, Juppé, Fillon und Valls. Ein brillantes Jagdergebnis.«

Wenn sich die französische Finanzelite aller Unwägbarkeiten entledigen will und also an ihrer Staatsspitze einen Mann sehen möchte, der ihre Interessen uneingeschränkt durchsetzt, dann muss man diesen Mann finden. Wenn man ihn gefunden hat, dann muss man ihn medial so groß machen, dass neben ihm kein zweiter Platzhirsch eine Chance hat. Ein einfaches Rezept. Weil es dabei um sehr viel Geld geht, machen auch viele Medien mit. Als Macron im August 2014 Wirtschaftsminister wird, kommen sie nicht mehr an ihm vorbei. Stemmelen verzeichnet die damit einhergehenden Lächerlichkeiten und Verlogenheiten. Das »Phänomen Macron« (Magazin Challenges [Perdriel]), »dieses so sensible, so soziale, so strahlende Wesen« (Le Monde [Niel]).

Nicht links, nicht rechts

Da Macron für die 2017 anstehenden Präsidentschaftswahlen sehr viele Stimmen braucht, um überhaupt eine Chance zu haben, wird sein Wahlkampfprofil entsprechend eingerichtet. Sogar mit einer eigenen Partei, denn natürlich hat Macron den Sozialisten längst den Rücken gekehrt und mit »En Marche« schließlich eine sogenannte Bewegung installiert, der doch eigentlich alle beitreten könnten, denn, Originalton Macron, der »Mozart der Finanzen« (Closer [Berlusconi]): »Es ist eine Bewegung, die nicht rechts und die nicht links sein wird.« Ebenfalls eine sehr hübsche Idee, wenngleich ein wenig anstrengend. Denn nun muss Macron beide Seiten bedienen. Die Rechte hat genügend Beweise dafür, dass er kein Linker ist, auch sein verbales Politbekenntnis, »dass ich kein Sozialist bin«. Die Linke hingegen wird mit Vieldeutigkeiten gefüttert. Le Point (Pinault): »­MACRON. Und warum nicht er? Wie er das System zerschlagen will«.

Also doch ein antikapitalistischer Linker? Aber um welches System geht es hier eigentlich? Gar um das französische Sozialsystem? Und worum geht es in seinem 2017 erschienenen Buch mit dem starken Titel »Révolution«? Natürlich, es geht um Konterrevolution, doch das soll nicht jeder gleich merken. Dann passiert es: Nach dem 7. Mai 2017 darf Macron in den Élysée-Palast einziehen. Eine »nie dagewesene Katastrophe für die französische Linke«, kommentiert Éric Stemmelen. Er hätte auch schreiben können: diese Linke, eine Katastrophe für Frankreich – und die deutsche Linke lässt grüßen. Diesen außerordentlich informativen und zudem auch noch spannenden Politkrimi sollte sich niemand entgehen lassen.

Éric Stemmelen: Operation Macron. Aus dem Französischen von Hans-Jürgen Stottko. Mangroven-Verlag, Kassel 2020, 222 Seiten, 19 Euro

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