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Aus: Ausgabe vom 22.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Bohlen sucht die Transzendenz

Irgendwo ist sie doch, die Identität: So war der 45. Ingeborg-Bachmann-Preis
Von Michael Bittner
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Der Habitus schreit: »Widersprich mir!« Philipp Tingler (l.) und Nava Ebrahimi (r.) während des Wettlesens (19.6.2021)

Die »Tage der deutschsprachigen Literatur« in Klagenfurt am Wörthersee sind den meisten Menschen wohl nur als »Ingeborg-Bachmann-Preis« bekannt. Das mag daran liegen, dass sich dieses Wettlesen der gehobenen Stände mehr um den Preis als um die Literatur dreht. Es ist ein Dienstausflug des Literaturbetriebs samt Selbstvermarktungszirkus und Leistungsschau der nachrückenden Schreibkräfte, trotzdem lässt sich hier immer wieder auch wirklich Wertvolles entdecken.

Zum Auftakt gab es bei dieser 45. Ausgabe des Klagenfurter Wettbewerbs einen Abgang. Der ehemalige Juryvorsitzende Hubert Winkels verabschiedete sich am Mittwoch mit einer »Rede zur Literatur«, die tatsächlich eine Rede zur Literaturkritik war. Er plädierte für eine Literaturkritik, die sich weder von der Medienwirtschaft noch von der Politik vereinnahmen lässt, sondern sich in den Dienst der Dichtung stellt, durch ein »Sich-Einlassen auf das Textgeschehen«. Winkels bezog sich auf Friedrich Schlegel und die deutsche Frühromantik, die Literaturkritik zur Poesie erheben wollte. Leider war seine Rede selbst alles andere als poetisch, quälte sich statt dessen in einem ungenießbaren Habermas-Deutsch dahin.

Wegen der Pandemiebestimmungen waren auch in diesem Jahr die Autorinnen und Autoren sowie das Publikum abwesend. Aber immerhin die Kritikerinnen und Kritiker durften sich wieder leibhaftig in einem Studio versammeln, um über die eingespielten Lesungen zu verhandeln. Zwei Neulinge waren mit dabei: die trockene, strenge Mara Delius, Feuilletonchefin der Welt, sowie, als glattes Gegenteil, die Schriftstellerin Vea Kaiser aus Wien, eine vor Gefühlen berstende Freundin von ebenso gearteter Literatur. Die meiste Aufmerksamkeit zog wie schon im vergangenen Jahr der Schweizer Selbstdarsteller Philipp Tingler auf sich, der in der Jury die Rolle Dieter Bohlens einnimmt. Sein Habitus sorgt dafür, dass man ihm noch dann widersprechen möchte, wenn er recht hat, was durchaus oft vorkommt. In Texten sucht Tingler nach der »Transzendenz«, dem Durchscheinen des Zeitlos-Allgemeinmenschlichen. Dagegen tritt die neue Juryvorsitzende Insa Wilke für die politische Verantwortung der Literatur ein, leider manchmal sehr klassensprecherinnenhaft.

Neun Autorinnen und fünf Autoren traten an. Mit dem Weiblichen hatte auch das in getragenem Ton vorgetragene Tragische diesmal das Übergewicht. Aber bei den Stoffen ging es durchaus bunt zu: Julia Weber erzählte sehr sinnlich von der sexuellen Erweckung einer Frau durch eine andere. In Anna Prizkaus Text trafen verletzte Menschen und ihre Geschichten in einem Sanatorium aufeinander. Bei Magda Woitzuck nutzte eine Frau den unerwarteten Tod einer Nachbarin, um sich in ein neues Leben zu schmuggeln. Während diese Texte respektvoll besprochen wurden, misshandelte die Jurymehrheit den gesellschaftskritischen Text »Die Woche« der Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler. Sie ließ zwei »proletarische Prinzessinnen« durch die Widersprüche der urbanen Gegenwart schlingern. Eine Schauspielerin zerzaust sich im gespielten Wahnsinn auf der Bühne die Haare gerade so, dass es immer noch gut aussieht – welch ein großartiges Bild für das Paradox des Protests im unangreifbaren Kapitalismus!

Zu Satire und Witz griffen vornehmlich die Männer. Leander Steinkopf schickte seinen Protagonisten auf die Hochzeit seiner früheren Geliebten. Ätzend durchschaut er dort die verlogene Lebensinszenierung des grünbürgerlichen Milieus, flüchtet sich allerdings auch selbst ins romantische Klischee des unbeugsamen Einzelgängers. Noch konsequenter präsentierte Timon Karl Kaleyta einen negativen Helden: Ein wohlstandsverwahrloster Kleingeist erzählt uns von einer Bootsfahrt mit seinem reichen Freund und offenbart schließlich von Neid und Hass getriebenen Mordphantasien.

Zur Gewinnerin des Bachmann-Preises kürte die Jury am Sonntag Nava Ebrahimi. In ihrer Geschichte trafen eine Schriftstellerin und ein Tänzer, Cousine und Cousin mit iranischer Herkunft, in den USA aufeinander. Wie der Cousin verfremdet im Buch seiner Cousine auftaucht, findet sich die Cousine unversehens in einer Tanzperformance ihres Cousins wieder. Die Gewaltgeschichte der Familie in der sogenannten iranischen Revolution kommt so erstmals zwischen den beiden zur Sprache, gerät dabei allerdings sogleich in die Maschinerie der Kulturindustrie. Eine komplexe, auch ein wenig erkünstelte Reflexion der Probleme persönlicher und gesellschaftlicher Erinnerung.

Die weiteren Erfolge beweisen, dass migrantische Literatur inzwischen im Mainstream angekommen ist: Dana Vowinckel wurde für die Geschichte der Identitätssuche einer jungen Jüdin zwischen Deutschland, den USA und Israel mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet, Necati Öziri mit dem Kelag-Preis für den Brief eines Sohnes an seinen in die Türkei verschwundenen Vater. Seine griffige Geschichte gewann auch die Publikumsabstimmung. Der Verdacht, hier werde bloß Exotik belohnt, ist unangebracht. Die grenzüberschreitenden Geschichten waren tatsächlich literarisch und politisch weit interessanter als die sprachlich und motivisch altbackenen Dorf- und Kindheitsgeschichten aus heimatlichen Gefilden, die es im Wettbewerb auch zu hören gab.

Übrigens: Auch das »Gendern« ist in Klagenfurt angekommen. Einige der Beteiligten nutzten diese Sprachformen, andere taten es nicht, ganz nach persönlichem Geschmack. Und es wurde nicht ausführlich und erbittert darüber gestritten. Das war sehr angenehm.

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