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Staubsauger

Von Helmut Höge
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In Kreuzberg gab es mal eine Zeitschrift namens Ich und mein Staubsauger, einer ihrer Autoren war Max Goldt. Ab Mitte der siebziger Jahre begann die große Zeit der Staubsauger. Sie wurden immer günstiger und laufend verbessert. Was der »Manta« bei den Autofreaks war, war bei den Staubsaugerfans des Westens der Vorwerk »Kobold«, in der DDR der reparaturfreundliche »Omega«. Es gab (und gibt) Leute, die jeden Tag ihre Wohnung staubsaug(t)en, andersherum galten Staubsauger in den besetzten Häusern damals als spießig.

Seit dem Jahr 2000 mehrten sich die Staubsaugergeräusche in den Zimmern über und unter mir, wo auch immer ich gerade wohnte. Ich wunderte mich kaum, als kürzlich in einem Mietshaus ein Beschwerdezettel angebracht worden war, den jemand mit Smartphone abfotografiert hatte, um ihn bei Facebook zu veröffentlichen: »Wir haben Sie seit Wochen nicht saugen hören! Bitte reinigen Sie Ihre Wohnung, bevor Mäuse kommen! Gez. Ehepaar Mörig, 1. OG.«

Mehrere Bücher über den Staub, seine Bildung und Inhaltsstoffe sind in den vergangenen zwanzig Jahren erschienen. Bei den Wohnungsverwaltungen häuften sich die Beschwerden von Mietern: »Ihre Putzkolonne hat wieder nur den Staub nass verteilt.« Die Intelligenzpresse berichtete über einen neuen Staubsauger, der von Männern zum Onanieren benutzt wurde, wobei es gelegentlich zu Verletzungen kam. Bereits 1978 hatte der Münchner Urologe Theimuras Michael Alschibaja eine Dissertation über »Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern« veröffentlicht.

Vereinzelt war dann auch von Staubsaugermasturbantinnen die Rede. Eine wurde berühmt: In den sechziger Jahren brachte man einer Schimpansin die Taubstummensprache bei. Lucy wuchs im Haus des Psychotherapeutenehepaars Temerlin auf, hatte einen Sprachlehrer, Roger Fouts, und der wiederum hatte eine Assistentin, Sue Savage-Rumbaugh. Im August 2012 berichtete die FAZ: »Wer zu dieser Zeit das Haus der Temerlins betrat, wurde Zeuge eines ungewöhnlichen Familienlebens. Hatte Lucy Durst, ging sie in die Küche, öffnete den Schrank, nahm einen Teebeutel heraus, kochte Wasser und füllte die Tasse. Dann setzte sie sich aufs Sofa und blätterte in Zeitschriften, am liebsten hatte sie die National Geographic. Bald entdeckte sie auch härteren Stoff wie Bourbon und Gin.«

Wenig später kam eine neue Vorliebe hinzu. »Eines Nachmittags saßen Jane und ich im Wohnzimmer und beobachteten, wie Lucy die Stube verließ«, berichtete Temerlin. »Sie ging in die Küche, öffnete einen Schrank, nahm ein Glas heraus, holte eine Flasche Gin hervor und schenkte sich drei Finger hoch ein. Damit kam sie zurück in die Stube, setzte sich auf die Couch und nippte. Doch mit einem Mal schien ihr ein Gedanke zu kommen. Sie erhob sich wieder, ging zum Besenschrank, holte den Staubsauger hervor, steckte ihn in die Steckdose, schaltete ihn ein und begann, sich mit dem Saugrohr zu befriedigen.« Ihre beiden Betreuer fanden das nicht nur lustig. Lucy war eigentlich gar kein Affe mehr: »Sie war gestrandet, befand sich irgendwo zwischen den Arten.«

2018 erschien Meir Shalevs Roman »Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger«. 2019 kam eine »Weltneuheit« auf den Markt – von der schwäbischen Firma Fakir, die ihr Staubsaugermodell »Filter Pro« nannte: »Der neue Zyklonstaubsauger ›Filter Pro‹ entfernt nicht nur jeglichen Schmutz von Boden, Couch und Co., sondern befreit zeitgleich die Raumluft von Feinstäuben, Schadstoffen, Staubpartikeln, Pollen und Gerüchen.«

Unklar ist, ob die inzwischen türkische Firma Fakir genaugenommen zu einem US-amerikanischen Staubsaugerkonzern gehört, dessen Gründer mit der Erfindung eines beutellosen Staubsaugers reich wurde. Die Autorin Jenni Zylka bezeichnete dessen Gerät in der Taz vom 4. September 2020 als »Saugroboter«: »Ganz klar ist mir zwar nicht, wo der viele Staub, die vielen, vielen Legosteine und die vielen, vielen, vielen Ohrringverschlüsse hingehen, wenn nicht in den Beutel, aber ich kann mir sein Produkt leider nicht leisten, um nachzuforschen … Es ist teuer – schließlich ist er damit nicht von ungefähr Milliardär geworden.«

Die staubsaugerinteressierte Zylka besaß selbst einmal einen Saugroboter, »allerdings einen sehr kleinen, markenlosen. Als ich ihn das erste und letzte Mal einsetzte, ging ihm nach zwei Minuten Saugens an einem Kekskrümel die Puste aus und er verkeilte sich in einem Schuhhaufen.«

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