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Aus: Ausgabe vom 18.06.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Tipico und Co.

»Das ist eine Verhöhnung armer Menschen«

Glücksspielstaatsvertrag sieht kaum Hilfe für Spielsüchtige vor. Gespräch mit Ilona Füchtenschnieder
Von Bernhard Krebs
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Durchlöchertes Gesetz: Abgehalten vom Zocken werden nur wenige

Am 1. Juli tritt der neue Glücksspielstaatsvertrag zwischen den Bundesländern in Kraft, Onlineglücksspiel wird weitgehend legalisiert. Wie lautet Ihr Fazit aus Sicht der Suchtprävention?

Der Vertrag enthält einige positive Aspekte, die aus suchtpräventiver Perspektive schon länger gefordert werden, wie ein Einzahllimit und eine spielformübergreifende Sperre für Spieler. Aber im Detail gibt es viele Probleme. Das liegt auch daran, dass die Suchtverbände bei den Verhandlungen viel zu kurz gekommen sind, während die Anbieterseite zeitweise mit am Verhandlungstisch gesessen zu haben scheint.

Lobbygruppen wie der Deutsche Sportwettenverband (DSWV) scheinen einen direkten Draht in die Politik zu haben.

Diesen Draht haben die, davon bin ich überzeugt. Wir konnten unsere Expertise nur bei der Anhörung einbringen. Fünf Minuten konnten wir reden, manche großzügigerweise auch sieben Minuten. Das war schon schräg. Später hat der Fachbeirat Glücksspielsucht, der die Bundesländer berät, einen Brief an alle Ministerpräsidentinnen und -präsidenten geschrieben, um für suchtpräventive Belange noch mal nachdrücklich mit Argumenten zu werben. Dieser Brief wurde von 20 Verbänden und Vereinen mitunterzeichnet. Jetzt raten Sie mal, wie viele geantwortet haben? Nicht einer. Die haben einfach ignoriert, was Suchthilfe, -prävention und -selbsthilfe gefordert haben. Man kann sagen, das Vertragswerk ist mit denen, die gegen Glücksspielsucht kämpfen, gar nicht abgestimmt.

Recherchen des Spiegels haben ergeben, dass der Wettanbieter Tipico gezielt Filialen in Gegenden eröffnet haben soll, in denen Menschen mit geringem Einkommen und Migrationshintergrund leben. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund das Einzahlungslimit für Spieler von 1.000 Euro pro Monat?

Das ist eine Verhöhnung armer Menschen. Es gibt Haushalte, die haben nicht einmal 1.000 Euro im Monat für Alltägliches zur Verfügung. Gesetze setzen doch auch Normen. Die Botschaft von Vater Staat lautet: Es ist okay, wenn Du 1.000 Euro im Monat online verzockst. Online, das ist wichtig an dieser Stelle, denn die Spieler können immer noch in die Spielhalle, die Wettbude oder ins Casino gehen und noch mehr verspielen. Die Position der Lobbyverbände, wie des DSWV, demzufolge das Glücksspiel in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, hat sich durchgesetzt. Dass Glücksspielteilnahme mit enormen Risiken verbunden ist, wird ausgeblendet.

Was ist von der sogenannten Sperrdatei zu halten, in der sich Spieler mit Spielsuchtproblematik sperren lassen können? Auch kein probates Präventionsmittel?

Aus meiner Sicht ist die Sperre das Kernstück der Glücksspielsuchtprävention im Staatsvertrag. Aber es wurde die Haftung herausgenommen, die es bis zum 1. Juli gibt. Bisher konnte ein Spieler, der leichtfertig von einer Spielbank entsperrt wurde, diese für anschließende Spielverluste haftbar machen. Dementsprechend gründlich waren die Kontrollen. Ich gehe davon aus, dass das ab dem 1. Juli lascher wird, da die Anbieter nicht mehr in Regress genommen werden können. Außerdem ist die Mindestsperrdauer von einem Jahr viel zu gering. Kein Süchtiger ist binnen eines Jahres geheilt.

Laut dem Staatsvertrag soll es eine zentrale, in Sachsen-Anhalt angesiedelte Aufsichtsbehörde geben. Was sagen Sie dazu?

Die Behörde ist mit ihren geplanten rund 120 Mitarbeitern bei der Größe des Marktes und des Aufgabenfeldes zu schmalbrüstig. Will man aber eine Branche, die nicht unbedingt zu den Chorknaben zählt, wirklich kontrollieren, dann muss ein bisschen mehr Manpower an den Start. Außerdem ist die Behörde noch im Aufbau und soll erst 2023 richtig handlungsfähig sein.

Spielsucht kann enorme Kosten verursachen. Wie werden die Unternehmen daran beteiligt?

Gar nicht, und das stört mich gewaltig. Den Gewinn fahren die Unternehmen ein, die Kosten für teilweise gravierende Schäden tragen die Kommunen, die Kranken- und Rentenversicherungsträger und die Familien. Unsere Forderung lautet daher: Jedes Unternehmen muss exakt die Summe seines Werbeetats noch mal in einen Topf einzahlen, aus dem Prävention und Forschung finanziert wird. Mein Standpunkt ist nicht: Alles Glücksspiel muss weg. Aber ein kleines, gut kontrolliertes Angebot täte es doch auch. Immerhin zockt die große Mehrheit der Bevölkerung gar nicht.

Ilona Füchtenschnieder ist Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht (forum-gluecksspielsucht.de)

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