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Aus: Ausgabe vom 16.06.2021, Seite 12 / Thema
Kolumbien

Chemische Kriegführung

Kolumbiens Präsident Iván Duque plant, erneut Glyphosat zur Zerstörung von Kokapflanzen einzusetzen – trotz verheerender Folgen für Mensch, Tier und Umwelt
Von Jan Pehrke
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Gifte aus der Luft. Der Einsatz von Glyphosat per Flugzeug ist Teil eines umfassenderen Plans der kolumbianischen Staatsführung zur Guerillabekämpfung

Im Jahr 2015 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat als »wahrscheinlich krebserregend« ein. Das blieb nicht ohne Folgen. In Nordamerika gingen bei den Gerichten die ersten Entschädigungsklagen ein, und auch in Südamerika tat sich etwas. Der damalige kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos beendete den Einsatz des Herbizids als Waffe im »War on Drugs«. »Die Empfehlungen und Studien, die vom Gesundheitsministerium überprüft wurden, zeigen deutlich: Dieses Risiko existiert«, sagte er mit Verweis auf die WHO-Entscheidung und stoppte das Versprühen des Mittels per Flugzeug.¹

Seit 1986 hatte es zur Bekämpfung der Pflanzungen Verwendung gefunden. Begonnen hatte der »Chemical Warfare« gegen den Kokaanbau sogar schon 1978, aber große Dimensionen nahm er erst ab dem Jahr 2000 an. Damals startete Kolumbien mit »freundlicher Unterstützung der US-Regierung« den milliardenschweren »Plan Colombia« und mit ihm die Glyphosatflüge. Gegen den illegalen Anbau von Rauschmitteln richtete sich der Plan allerdings bloß vordergründig. »Die Fokussierung auf Counternarcotics war nur die Basis dafür, eine parteiübergreifende Unterstützung zur Finanzierung des Programms im US-Kongress zu erhalten, weil einige Mitglieder des Kongresses – das abschreckende Beispiel Vietnam vor Augen – einer Verwicklung in Aufstandsbekämpfung kritisch gegenüberstanden«, heißt es unmissverständlich in einem Kongressbericht aus dem Jahr 2019.² Auch für Dario Azzelini war der »Plan Colombia« von Anfang an eine Strategie zur Bekämpfung der Guerillagruppen. Zum Beleg führt er unter anderem eine Aussage des US-Generals Charles Wilhelm an. »Die kolumbianischen Streitkräfte sind nicht mehr in der Lage, den Vormarsch der Aufständischen aufzuhalten. Kolumbien braucht dringend unsere Hilfe«, hatte dieser Militär vom U. S. Southern Command Alarm geschlagen.³

»Narcoguerilla«

Im Fokus stand dabei vor allem die linke FARC (­Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia). Diese finanzierte sich zwar wirklich zu einem guten Teil über das Kokain, das jedoch taten die rechten Paramilitärs auch, ohne deshalb Aktionen fürchten zu müssen, während wiederum die Kämpfer der linken ELN (Ejército de Liberación Nacional) kaum auf Schonung hoffen durften, obwohl sie Drogengeschäfte ablehnten.

Für die FARC aber erfanden die USA den Begriff der »Narcoguerilla«, mit dessen Hilfe sie den Krieg gegen die Drogen zu einem Krieg gegen die Rebellen machen konnten. Ein Vertreter des State Departments charakterisierte das Vorgehen folgendermaßen: »Das ist das kolumbianische Modell. Wir haben das Militär nicht im aktiven Dienst in Kolumbien im Einsatz – aber wir haben Militärhilfe, die sich als bemerkenswert nützlich dabei erwiesen hat, die kolumbianische Armee und Luftwaffe zu Einsätzen gegen Drogenziele zu bewegen. Und wenn sie dabei auch die FARC angreifen, die Drogenlabors bewacht, hilft das der Polizei, die Labors anzugreifen.«⁴ Bei einem Großteil der zehn Milliarden US-Dollar (etwa 8,3 Milliarden Euro), die Washington von 2000 bis 2015 in den lateinamerikanischen Staat pumpte, handelte es sich um eine solche Militärhilfe. So bauten tausend US-Offiziere fünf Elitebataillone mit auf, »um den Süden des Landes zurückzuerobern«, wie die damalige US-Außenministerin Madelaine Albright es ausdrückte.⁵ Wegen dieser Ausrichtung zögerte die Europäische Union zunächst, den »Plan Colombia« zu unterstützen, sagte dann aber doch 300 Millionen Euro zu – bestimmt allein zur Finanzierung von Entwicklungsprojekten. In denen sah der Journalist Maurice Lemoine allerdings nur einen »höchst willkommenen Rauchvorhang« für die militärischen Operationen.⁶

Die »Einsätze gegen Drogenziele« erfolgten dabei in hoher Frequenz. Von 2000 bis 2015 versprühten Flugzeuge auf einer Fläche von fast 1.700.000 Hektar Glyphosat. Überdies rieselte es in einer erhöhten Dosierung herab. Die Konzentrationen lagen bis zum 26fachen über dem üblichen Maß. Zudem wurde dem Mittel mit Cosmoflux noch ein Wirkungsverstärker zugesetzt, der die Giftigkeit um den Faktor acht steigerte. Damit nicht genug, gingen die Piloten mit aller Gründlichkeit vor und flogen dieselben Felder mehrmals an. Aus diesen Gründen stoppte ein kolumbianisches Gericht die Sprühflüge bereits im August 2001. Das Verbot hatte allerdings nicht lange Bestand. Die US-Botschafterin in Kolumbien, Anne Patterson, intervenierte und drohte mit einem Entzug der Hilfsgelder. Deshalb kassierten die Richter das Urteil bereits nach elf Tagen wieder, und die Glyphosatausbringung zog sich noch bis zum Jahr 2015 hin.

Die Bilanz fällt, sowohl was die Wirkungen als auch die Nebenwirkungen betrifft, desaströs aus. Die Überdosis Chemie verwüstete zwar viele Felder, aber zu einer nachhaltigen Dezimierung der Kokaernten führte das nicht. Zahllose Landwirte brachen in andere Gegenden auf und legten dort neue Pflanzungen an. So breitete sich der Anbau nach und nach im ganzen Land aus. Oftmals siedelten sich die Bäuerinnen und Bauern dabei in Urwaldgebieten an und schafften sich durch Abholzungen neuen Ackergrund, was verheerende Folgen für das Klima und die Biodiversität hatte.

Alarmierende Befunde

Am schlimmsten aber sind die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. So kam beispielsweise eine Untersuchung der Universidad de los Andes zu alarmierenden Befunden. »Die Ergebnisse zeigen, dass die Exposition gegenüber dem Herbizid, das bei Sprühkampagnen aus der Luft verwendet wird, die Anzahl der Arztbesuche im Zusammenhang mit dermatologischen und atemwegsbedingten Erkrankungen sowie die Anzahl der Fehlgeburten erhöht«, resümieren die Wissenschaftler.⁷

Das war auch in dem 200-Seelen-Dorf Santa Inés der Fall, das im kolumbianischen Massiv am Fuße des Cerro de Lerma liegt. »Ich war da oben, als sie gesprüht haben, und ich habe Wasser getrunken. Ich war im siebten Monat schwanger, jetzt habe ich mein Kind verloren«, klagte etwa eine Frau dem Journalisten Maurice Lemoine ihr Leid. Mehr als ein Viertel der Bewohner litt unter Schwindel, Kopf- oder Magenschmerzen, Durchfall oder Übelkeit. »Ich habe die Patienten untersucht, die Symptome sind bei allen dieselben: Vergiftungserscheinungen«, konstatiert der Arzt Luis Eduardo Cerón.⁸

Auch die Menschen aus Rioblanco de Sotará litten ganz erheblich unter dem Glyphosateinsatz. Über das ganze Ausmaß der Gesundheitsstörungen konnte der Reporter Larry Rohter von der New York Times im örtlichen Krankenhaus jedoch nichts in Erfahrung bringen. »Wir wurden angewiesen, mit niemandem darüber zu sprechen, was hier passiert ist«, beschied ihm eine Pflegehelferin.⁹

Tiere litten ebenfalls unter dem Glyphosat. Regenbogenforellen in Fischfarmen verendeten elendig, und auch das Vieh der Landwirte verschonte das Mittel nicht. »Ich habe zwölf Rinder verloren, die durch das Herbizid getötet wurden, und ich musste den Rest verkaufen, weil es kein Gras mehr gab, auf dem sie grasen konnten. Ich habe alles verloren, was ich investiert hatte«, sagt Pedro Nel Segura aus der Provinz Nariño und spart nicht mit Vorwürfen. »Jeder Pilot hätte sehen müssen, dass ich kein Koka anbaue. Meine Kühe sind weiß – man kann sie aus der Luft leicht erkennen – und sie weideten auf offenem Land, auf dem nichts angebaut wurde.«¹⁰

Was die Feldfrüchte der Bauern und Bäuerinnen betraf, waren die Wirkungen von Glyphosat nicht minder verheerender. Unterschiedslos rieselte es auch auf Felder mit Bananen, Bohnen, Kartoffeln, Mais, Kaffee, Zwiebeln, Knoblauch und anderen Gewächsen. Und selbst wenn das Pestizid einigermaßen zielsicher zum Einsatz kam, trug es der Wind allzuoft auf benachbarte Äcker. Das gefährdete die Nahrungsmittelsicherheit und bedrohte die Existenz vieler Farmer. Sobald sich nämlich die Kunde über das Ausbringen des Herbizids und die Kollateralschäden verbreitete, sanken die Preise für die landwirtschaftlichen Produkte der betroffenen Regionen rapide. Wegen der grenzüberschreitenden Folgen der Sprühungen reichte Ecuador im Jahr 2008 sogar eine Klage gegen Kolumbien beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag ein.

Ein militärisches Eingreifen zur Bekämpfung einer Guerilla, ein »Chemical Warfare« mit einem Pestizid als Waffe und die gleichsam »verbrannte Erde«, die es hinterließ – die »Echoes of Vietnam« waren in dem lateinamerikanischen Land weithin vernehmbar. »In Kolumbien führen wir wieder einmal einen Giftkrieg gegen die einzigartigen Ökosysteme eines anderen Staates und die Gesundheit unschuldiger Zivilisten«, befand deshalb die US-amerikanische Wissenschaftlerin Rachel Massey.¹¹

Das Friedensabkommen

Diesem Treiben wollte der Duque-Vorgänger Juan Manuel Santos ein Ende setzen. 2015 verkündete der damalige kolumbianische Präsident das Ende der Glyphosatflüge, und ein Jahr später schloss er mit der FARC ein Friedensabkommen. Da das Kokain einen bedeutenden Beitrag zur Finanzierung ihrer Kämpfe gespielt hatte, erhoffte er sich von diesem Schritt einen Rückgang der Anbauflächen und Produktionsmengen, zumal die Übereinkunft den Guerillamitgliedern Wege aus der Illegalität bahnte.

Auch die Landwirte erhielten Hilfsangebote. Rein wirtschaftlich betrachtet, handelt es sich bei Kokapflanzen schließlich um »Cash Crops«: Sie sind anspruchslos im Anbau und ermöglichen bis zu sieben Ernten im Jahr. Zudem gibt es eine Absatzgarantie, ohne dass die Anbauer dafür lange Lieferwege durch kaum erschlossene Gebiete in Kauf nehmen müssten. »Koka ist das einzige Produkt, das man aus dem Gebiet bekommt, in dem es angebaut wird. Mit anderen Produkten kann man gute Ernten erzielen, aber der Transport zum Markt ist so teuer, dass man einen Verlust macht«, erklärte der Sprecher einer lokalen Farmergruppe.¹² So boten die Gewächse den Bauern und Bäuerinnen ein auskömmliches Leben und ihren Kindern eine Zukunftsperspektive, denn die Einnahmen reichten, um in die Ausbildung des Nachwuchses zu investieren. Andererseits fanden sich die »Cocaleros« aufgrund ihrer Plantagen in der Gewaltökonomie des Drogenhandels wieder. Sie gerieten zwischen die Fronten des »War on Drugs«, die nicht nur aus den Strafverfolgungsbehörden und den Paramilitärs auf der einen und FARC und ELN auf der anderen Seite bestanden, sondern auch zwischen den einzelnen Gruppen selbst, da diese teilweise heftige Revierkämpfe ausfochten. »Koka brachte bewaffnete Gruppen direkt zu meiner Farm. Zu jedem Zeitpunkt konnten wir in Gefahr sein«, berichtet etwa ein Landwirt.¹³ Zwangsarbeit, Alkohol und Prostitution erhielten mit dem Kokain ebenfalls Einzug in die Welt der Farmer. Vor allem viele Frauen wollten all das hinter sich lassen.

Den Ausstieg sollte das »Programa Nacional Integral de Sustitución« (PNIS) ermöglichen, das unter anderem eine Unterstützung bei der Kultivierung anderer Pflanzen bereithielt. Eine solche hatte zwar schon der »Plan Colombia« vorgesehen, aber eingebettet in einen kompromisslos geführten »War on Drugs« wirkte das wenig attraktiv. Juan Hugo Torres, damals für die »Umschulung« der Kokafarmer mitverantwortlich, kritisierte deshalb das inkonsistente Vorgehen von ehedem. »Man baut Vertrauen zu den Menschen auf, sie haben Hoffnungen, und dann macht das Sprühen all das zunichte«, so Torres. Und seine Vorgesetzte Alba Lucía Otero pflichtete ihm bei: »Der Staat ist eine Einheit, aber wir arbeiten auf der einen Seite, während diejenigen, welche die Ausräucherung durchführen, auf der anderen Seite arbeiten.«¹⁴

Nun aber strebte Santos eine Politik aus einem Guss an. Das PNIS umfasste zusätzlich zu den Anreizen für Kokaersatzpflanzungen Kompensationszahlungen und zahlreiche weitere Maßnahmen zur Förderung der rund 200.000 vom Kokaanbau lebenden Familien. So sah es einen besseren Zugang zu Landtiteln und Krediten sowie Hilfe bei der Vermarktung der Ackerfrüchte vor. Darüber hinaus strebte das PNIS eine Förderung des gesamten ländlichen Raumes an – mit Infrastrukturprojekten, einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung und neuen Bildungsangeboten. Nicht weniger als 36 Gesetzesvorhaben enthielt das Paket.

Mangelhafte Umsetzung

Bei der Umsetzung allerdings haperte es, denn die Kosten waren mit mehr als einer Milliarde US-Dollar immens. Zumal Kolumbien diese fast allein aufbringen musste. Die EU trug rund 200 Millionen Euro bei, aber die USA sperrten sich. Hatte das Land noch Milliarden in den »Narco War« gepumpt, so war ihm der Frieden nichts wert. Die Vereinigten Staaten stuften die FARC als Terrorgruppe ein, was jegliche Form von Unterstützung ausschloss. Deshalb floss das Geld an die Landwirte nur spärlich. Bis zum Dezember 2020 hatten erst drei Prozent von ihnen Finanzmittel für legales Saatgut erhalten. Auch die Reformen kamen nicht recht voran. Im August 2020 stand noch die Realisierung von 21 Projekten aus. Überdies verfügte das PNIS kaum über Mitarbeiter.

Einen Einschnitt markierte dabei der 7. August 2018, als Iván Duque an die Macht kam. Der Rechtskonservative lehnte das Friedensabkommen in der vorliegenden Form ab und wollte es neu verhandeln. Da war allerdings das Verfassungsgericht vor. Also verlegte sich Duque auf Obstruktionspolitik und fuhr das PNIS-Programm zurück. Statt ursprünglich 188.000 Farmen durften jetzt nur noch 99.000 teilnehmen. Etliche der Bäuerinnen und Bauern hatten da schon ihre Kokapflanzen vernichtet und standen auf einmal mit leeren Händen da.

Diese Umstände trugen wesentlich dazu bei, den Erfolg in Grenzen zu halten. Nach Abschluss des Friedensabkommens weiteten sich die Kokafelder zunächst sogar noch einmal von 146.139 auf 171.495 Hektar aus, weil nicht wenige Farmer auf diese Weise die Kompensationszahlungen zu steigern hofften. Erst ab 2018 schrumpften die Anbauflächen wieder. Im Jahr 2019 nahmen sie noch 154.000 Hektar ein. Aber auch andere Faktoren spielten eine Rolle dabei, die Zahlen auf einem hohen Niveau zu halten. So stießen andere Gruppen in das Vakuum, das die FARC hinterließ, z. B. mexikanische Drogenkartelle. Zudem kehrten Tausende FARC-Kämpfer, enttäuscht vom Deal mit der Regierung, in den Untergrund zurück. Überdies sank der Goldpreis, was dem illegalen Schürfen so einiges von seiner Attraktivität nahm, und viele wieder oder erstmals zur Kokapflanze trieb. Der hohe Dollarkurs, der den Bäuerinnen und Bauern mehr Einnahmen für ihre Ernte versprach, tat dann ein übriges. »Bogotá hat es nicht geschafft, die ökonomischen Grundlagen zu verändern, die Koka – schnell wachsend und für einen loyalen internationalen Markt bestimmt – zu einer so verlässlichen Frucht macht«, resümierte die »International Crisis Group«.¹⁵

Die USA verfolgten das Auf und Ab der Koka­ökonomie genau und sahen Handlungsbedarf. Als Hebel nutzten sie ein 1974 eingeführtes ­Instrument, das Handelsbegünstigungen und finanzielle Unterstützung von einer Zusammenarbeit bei der Drogenbekämpfung abhängig machte und das Maß des Wohlverhaltens mittels eines Punktesystems taxierte. Die Trump-Regierung drohte Juan Manuel Santos mit Abwertung und den entsprechenden ökonomischen Konsequenzen. Um eine solche »Decertification« zu verhindern, sagte Santos der US-Regierung Anfang 2017 zu, die Kokafelder um 50.000 Hektar zu dezimieren, und sandte Korps aus, um die Plantagen zu zerstören. In Tomaco beschwor dies Mitte Oktober 2017 gewaltsame Auseinandersetzungen mit Bäuerinnen und Bauern herauf, bei denen nach offiziellen Angaben sieben und nach Angaben der Landwirte 16 Menschen starben. »Kolumbianische Sicherheitskräfte ›massakrieren‹ Kokabauern auf Druck von Trump«, titelte eine Zeitung.¹⁶ Und auch für Ariel Ávila von der »Foundation for Peace and Reconcilation« waren es die Interventionen aus Washington, die zu »einer Radikalisierung der Antidrogenpolitik« führten. »Der kolumbianische Staat setzt alles daran, sich zu fügen«, kritisierte er und sah das Friedensabkommen gefährdet.¹⁷ Das blieb jedoch ohne Wirkung. Nach neuerlichen Drohungen der US-Regierung im Juni 2018 sagte Santos zu, die Kokainproduktion binnen fünf Jahren um die Hälfte zu reduzieren. Das Mittel der Wahl dazu: Das Ausbringen von Glyphosat per Drohne. Das sei weniger gefährlich, versicherte Santos, zudem komme eine niedrigere Konzentration zur Anwendung. »Bodentruppen«, die das Herbizid aus Sprühflaschen über die Kokapflanzen niedergehen ließen, waren da schon länger im Einsatz.

Und dann kam Duque und kündigte eine Wiederaufnahme der Glyphosatflüge an. Der Mahnung Donald Trumps bei einem Besuch des kolumbianischen Präsidenten im Weißen Haus Anfang März 2020 – »Sie werden sprühen müssen, sonst bekommen Sie das nicht in den Griff« – bedurfte es da gar nicht mehr. Duque nutzte die Zusammenkunft jedoch, um wieder mit der schon obligatorischen Hektarzahl aufzuwarten: 130.000 weniger sollten es diesmal bis Jahresende sein.

Heftige Proteste

Die Entscheidung des Politikers für den Neustart der »Luftangriffe« mit dem berüchtigten Pestizid löste heftige Kritik aus. So appellierten sieben Sonderberichterstatter der UN an Duque, nicht noch einmal zu der unheilvollen Methode zu greifen, mit der »enorme Risiken« verbunden seien. Ende April zogen Landwirte vor das Verfassungsgericht in Bogotá. Sie störten den Betrieb mit einer Sitzblockade und übergaben eine von 20.000 Menschen unterzeichnete Petition gegen den Glyphosateinsatz. Daneben versuchen Gegner des Vorhabens, die Unterstützung der US-amerikanischen Regierung zu gewinnen. 150 Experten verfassten in der Sache einen offenen Brief an Joseph Biden, und kolumbianische Politiker wandten sich an den US-Kongress. »Um die Kokaplantagen in Kolumbien zu zerstören, braucht es mehr soziale Investitionen und keine chemische Kriegführung«, konstatierten sie in ihrem Schreiben.¹⁹

Auch bei den aktuell in Kolumbien stattfindenden Protesten ist die Ablehnung der Flugzeugeinsätze ein Thema. So beteiligten sich indigene Gruppen an einem landesweiten Streik und forderten die Regierung auf, »das Versprühen von Glyphosat aus der Luft und die Gesundheitsreform zu stoppen und die aus dem Friedensabkommen von 2016 erwachsenen Verpflichtungen zu erfüllen«.²⁰

Der Leverkusener Chemiegigant Bayer wollte sich der Financial Times gegenüber nicht zum neuen Glyphosat-Programm Kolumbiens äußern, da er nicht direkt in die Praxis involviert sei. Die »Coordination gegen Bayer-Gefahren« (CBG) forderte das Unternehmen unmissverständlich auf, das Pestizid für solche Einsätze nicht zur Verfügung zu stellen. »Der Bayer-Konzern muss sich gerade vor Gericht für die chemische Kriegführung seiner nunmehrigen Tochtergesellschaft Monsanto in Vietnam verantworten. Er sollte jetzt in Kolumbien keine neue Front eröffnen und deshalb kein Glyphosat an die Regierung Duque liefern«, hieß es in der Presseerklärung der konzernkritischen Organisation.

Anmerkungen

1 »Colombia to Ban Coca Spraying Herbicide Glyphosate«; www.bbc.com, 10. Mai 2015

2 Congressional Research Service: »Colombia: Background and U.S. Relations«, S. 32; 29. November 2019

3 Dario Azzelini: Der Krieg der USA gegen die vermeintliche »­Narcoguerilla«; in: So oder So – Die Libertad!-Zeitung, Heft Nr. 2, Sommer 2000, Seite 24/25

4 ebenda

5 ebenda

6 Maurice Lemoine: Krieg den Hütten, Frieden dem Kartell. In: Le monde diplomatique vom 12. Januar 2001

7 Adriana Camacho, Daniel Mejia: The Health Consequences of Aerial Spraying of Illicit Crops: The Case of Colombia; in: Center for Global Development, Juni 2015

8 Maurice Lemoine: Krieg den Hütten, Frieden dem Kartell. In: Le monde diplomatique vom 12. Januar 2001

9 Larry Rohter: To Colombians, Drug War Is a Toxic Foe. In: New York Times vom 1. Mai 2000

10 Gideon Long: Cocaine: Colombia weighs a new areal war on drugs. In: Financial Times vom 20. Februar 2021

11 Rachel Massey: Echoes of Vietnam; in: Journal of Public Health Policy, Vol. 22, No. 3 (2001), S280-285

12 The International Crisis Group: Deeply Rooted: Coca Eradication and Violence in Colombia, 26. Februar 2021

13 ebenda, S. 17

14 Larry Rohter: To Colombians, Drug War Is a Toxic Foe. In: New York Times vom 1. Mai 2000

15 The International Crisis Group: Deeply Rooted, a. a. O.

16 Colombian Security Forces »Massacre« Coca Farmers Under ­Pressure From Trump. In: The Daily Beast vom 15. Oktober 2017

17 ebenda

18 Nicolas Martin: Kolumbien: Nächste Runde im Kampf gegen die Drogen?, in: dw.com, 7. März 2020

19 Interim Comission about drug policy; www.cdn77.pressenza.com

20 Indigenous Peoples Join the National Struggle in Colombia’s Strike. In: Global Voices vom 14. Mai 2021

Jan Pehrke gehört dem Vorstand der »­Coordination gegen Bayer-Gefahren« an. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 18. Januar 2021 über die deutsche Reichsgründung 1871.

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