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Aus: Ausgabe vom 15.06.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskampf

Wildcat bei »Gorillas«

Warum Linke sich beeilen sollten, den wilden Streik beim Fahrradlieferdienst zu unterstützen
Von Jan Ole Arps
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Runter vom Sattel, spontane Aktion mit klaren Forderungen: Rider beim Protest (Berlin, 10.6.2021)

Beim Lebensmittellieferdienst »Gorillas« in Berlin tobt seit letztem Mittwoch ein wilder Streik. Nachdem ein Fahrer aus bislang ungeklärten Gründen gekündigt worden war, versammelten sich Kolleginnen und Kollegen vor dem entsprechenden Lieferzentrum am »Checkpoint Charlie« und forderten seine Wiedereinstellung.

Später zogen sie weiter und blockierten ein Lieferzentrum in Berlin-Mitte. Am nächsten Tag waren sie wieder da und machten eine Filiale im Prenzlauer Berg dicht, am Freitag musste wegen der Blockade der Fahrerinnen und Fahrer die Station am Lausitzer Platz in Kreuzberg den Betrieb einstellen. Inzwischen fordern sie auch die Abschaffung der sechsmonatigen Probezeit und bessere Arbeitsbedingungen.

Das »Gorillas«-Management geht bislang nicht auf die Forderungen ein, aber die mediale Aufmerksamkeit ist groß, auch weil das Startup stark expandiert und mit seiner Werbung omnipräsent im Stadtbild ist. Aber auch, weil wilde Streiks eine Seltenheit in Deutschland sind. Gemessen daran ist die Unterstützung durch linke Aktivistinnen und Aktivisten noch dürftig – das sollte sich schnellstens ändern.

Wilde Streiks sind spontane Arbeitsniederlegungen ohne gewerkschaftlichen Segen. Sie sind genaugenommen illegal und kommen hierzulande so gut wie nie vor. Der letzte wilde Streik fand vergangenen Sommer statt, als vorwiegend rumänische Erntearbeiterinnen und Erntearbeiter beim Spargelhof Ritter in Bornheim gegen vorenthaltene Löhne vorgingen. Und 2017 schrieben sich auffallend viele Air-Berlin-Pilotinnen und -Piloten gleichzeitig krank, was in der Presse – unzutreffenderweise – als wilder Streik bezeichnet wurde. Ende 2014 legten Daimler-Beschäftigte in Bremen spontan die Arbeit nieder, um gegen Werkverträge zu protestieren; zehn Jahre zuvor gab es den letzten großen wilden Streik in Deutschland: Mehrere tausend Arbeiterinnen und Arbeiter bei Opel Bochum versuchten im Oktober 2004, ihre Arbeitsplätze zu verteidigen. Blickt man noch weiter zurück, bis in die 1970er Jahren, stößt man auf eine Welle wilder Streiks der sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter gegen ihre Überausbeutung, der bekannteste: Fordstreik in Köln. 1973 war das.

Wilde Streiks sind nicht nur spannend, weil sie eine widerspenstige Ausnahme in den Klassenbeziehungen darstellen – in den 1970ern hätte man von Arbeiterautonomie gesprochen –, sondern auch, weil sie häufig von Arbeiterinnen und Arbeitern gestartet werden, die von den Gewerkschaften nicht gut vertreten werden oder sich nicht gut vertreten fühlen. Wenn sie erfolgreich sind, sind sie eine wichtige Inspiration für andere. Da sie sich außerhalb des rechtlichen Rahmens bewegen, sind wild Streikende schlecht vor Repressalien oder Schadensersatzforderungen geschützt. Damit ihr Kampf als positives und nicht als abschreckendes Beispiel endet, ist Solidarität besonders wichtig.

Die gute Nachricht: Bei »Gorillas« stehen die Chancen nicht schlecht. Der Arbeitskampf ist spontan entstanden, aber auch, weil das »Gorillas Workers Collective«, eine Gruppe von Fahrerinnen und Fahrern, dort seit einigen Monaten Kolleginnen und Kollegen organisiert und inzwischen auch einen Prozess zur Wahl eines Betriebsrats eingeleitet hat. Anders als bei Lieferdiensten wie Lieferando, haben die »Gorillas«-Fahrerinnen und -Fahrer den Vorteil, dass es in der Stadt Orte gibt, die blockiert werden können – dann steht der Betrieb still.

Das Management versucht, die Sache auszusitzen, bis die Streikenden müde werden, und andere einzuschüchtern, damit sie nicht mitstreiken. Weil bei »Gorillas« zahlreiche Rider noch in der Probezeit sind, können sie von einem Tag auf den anderen gekündigt werden wie der entlassene Fahrer Santiago. Deshalb haben viele Angst, sich zu beteiligen. Gegen die Angst hilft Solidarität von außen: je mehr desto besser.

Den Streik zu unterstützen, ist nicht schwer: Man geht zur Blockade und fragt, was man tun kann. Oder man informiert sich auf Twitter beim »Gorillas Workers Collective«. Wer nicht vor Ort sein kann, kann trotzdem helfen. »Gorillas« hat nämlich ebenfalls Angst: um das Image des Unternehmens. Je größer die Unterstützung für den Streik wird, desto eher wird das Management einlenken müssen. Auch bei »Gorillas« auf Instagram zu kommentieren oder vor Filialen in andern Städten zu protestieren ist also nützlich.

Das kann leider nicht warten. Wie es weitergeht, entscheidet sich jetzt, nicht irgendwann später.

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