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Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 9 (Beilage) / Wochenendbeilage
80 Jahre Überfall auf Sowjetunion

So begann der Krieg

Auszug aus den Erinnerungen des stellvertretenden Stabschefs der sowjetischen Südwestfront
Von Iwan Bagramjan
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Leningrad 1941: Abmarsch zur Front

Unsere Aufklärer hatten vorläufig weder konkrete Angaben über Zahl und Stärke der eingedrungenen Truppen noch über die Richtung ihres Hauptstoßes. Deshalb war es uns nicht möglich, Genaues über die Absichten des Gegners zu sagen.

Ich konnte nur melden, dass im Abschnitt der 5. Armee außer den Truppen der befestigten Räume und der Grenzsicherungstruppen im Raum Wladimir-Wolynsky nur Truppen der 87. Schützendivision den Kampf aufgenommen hatten. Die übrigen Kräfte der Armee befänden sich auf dem Marsch. Dem eingebrochenen Gegner würden sie anscheinend bereits in der Tiefe des grenznahen Raumes begegnen. Abschließend fügte ich hinzu, dass die Verbindung zu den Armeen häufig unterbrochen sei. Genauso schwer sei es für die Stäbe der Armeen, die Verbindung mit den Verbänden und Truppenteilen zu halten.

Nachdem sich (Michail) Kirponos (1892–1941, Kommandeur des Kiewer Militärbezirks und dann der Südwestfront; jW) diese spärlichen Nachrichten über die Lage an der Grenze angehört hatte, brauste er auf. »Wenn die Nachrichtentruppen vorn so schlecht arbeiten, wie sollen wir dann die Truppen führen?« General (Maxim) Purkajew (1894–1953, Stabschef der Südwestfront; jW) versuchte, den Oberbefehlshaber zu be­ruhigen: Es würde alles für die Wiederherstellung der Ver­bindungen getan werden, gegenwärtig seien zu allen Armeen Flugzeuge mit Offizieren der Operativen und Aufklärungsverwaltung unterwegs. In zwei bis drei Stunden wäre die Lage völlig aufgeklärt. »Gehen Sie«, sagte der Oberbefehlshaber gereizt zu mir und (Andrej) Bondarew (1901–1961, Generalleutnant; jW), »und versuchen Sie mit allen Mitteln, ausführ­lichere und konkretere Angaben über die Truppen zu erlan­gen.«

Widersprüchliche Meldungen

Die Lage klärte sich allmählich auf. Die Nachrichten über die Situation bei der 5. und der 6. Armee mussten wir bruchstück­weise zusammentragen. Etwa gegen neun Uhr wurde uns bekannt, dass der Gegner im Abschnitt dieser Armeen noch mehrere Ortschaften genommen, den Widerstand der Grenztruppen, der Besatzungen der befestigten Räume und der vorgeschobenen Deckungstruppen, die bis zur Grenze ge­kommen waren, gebrochen hatte.

Der Oberbefehlshaber der 5. Armee übermittelte um 10.30 Uhr die erste Meldung per Funk: »Sokal und Tartakuw unter Feuer. Die 124. Schützendivision konnte nicht bis zur Grenze vorstoßen und hat eine Verteidigungsstellung nördlich des befestigten Raumes Strumilow bezogen.« Auf der Grundlage dieser spärlichen, unzusammenhängen­den und manchmal sich widersprechenden Meldungen, die von den Stäben eintrafen, war es nach wie vor schwer, sich einen genauen Überblick über die Gruppierungen, die in die Sowjet­ukraine eingebrochen waren, sowie über den operativen Plan des faschistischen Oberkommandos zu verschaffen. Wir konnten nur von Vermutungen und Annahmen ausgehen.

Etwas später, als wir die Ereignisse des ersten Kriegstages analysiert hatten, vermochten wir uns ein ungefähres Bild vom Verlauf der Gefechtshandlungen zu machen. Am Sonn­abend abend und in der Nacht zum Sonntag hatte man allerorts ein verdächtiges Treiben jenseits der Grenze bemerkt. Die Grenzsoldaten und die Armeeaufklärung meldeten Mo­torengeräusche von Panzern und Schleppern. Um Mitternacht war im Abschnitt der 5. Armee westlich Wladimir-Wolynski ein deutscher Feldwebel übergelaufen. Er berichtete, dass alles zum Angriff bereit sei und dass dieser um vier Uhr beginnen würde. Der Kommandeur der Grenzsicherungstruppen meldete das seinem Vorgesetzten. Die Nachricht war so wichtig, dass man den Chef der Grenztruppen der Ukraine, General Wassili Chomenko (1899–1943, jW), aus dem Bett holte. Der machte unverzüglich Meldung an das Oberkommando und setzte den Ober­befehlshaber des Bezirks in Kenntnis.

Der erste Gedanke bei allen war, dass dies keine Provokation sein könne. Doch man musste die Entscheidung des Ober­kommandos abwarten.

Anweisung aus Moskau

Um 0.25 Uhr des 22. Juni erhielt die Bezirksnachrich­tenzentrale in Ternopol das Telegramm aus Moskau. Es war an die Oberbefehlshaber der Truppen aller westlichen Bezirke gerichtet. Der Volkskommissar und der Generalstabschef warnten, dass »im Laufe des 22. bis 23.6.41 ein Über­raschungsangriff der Deutschen möglich« sei, und sie forder­ten, dass die Truppen, ohne sich provozieren zu lassen, in höchste Gefechtsbereitschaft zu versetzen seien, »um einem eventuellen Überraschungsschlag der Deutschen oder ihrer Verbündeten begegnen« zu können. Weiterhin waren in dem Telegramm konkrete Maßnahmen angegeben, die durch­geführt werden sollten:

»a) im Laufe der Nacht zum 22.6.41 sind getarnt die Feuerpunkte der befestigten Räume an der Staatsgrenze zu beziehen;

b) am 22.6.41 vor dem Morgengrauen sind die gesamten Fliegerkräfte, darunter die Truppenflieger, auf die Feldflug­plätze zu dezentralisieren und gründlich zu tarnen;

c) alle Truppenteile sind in Gefechtsbereitschaft zu verset­zen, die Truppen sind auseinandergezogen und getarnt zu halten;

d) die Luftverteidigung ist in Gefechtsbereitschaft zu versetzen, ohne die militärdienstpflichtigen Reservisten zusätz­lich einzuberufen. Alle Vorkehrungen zur Verdunklung der Städte und Objekte sind zu treffen;

e) ohne Sonderanweisung sind keine weiteren Maßnahmen durchzuführen.«

Erst gegen 2.30 Uhr war der Empfang dieser sehr wichti­gen, doch leider auch sehr umfangreichen Direktive beendet. Bis zum Beginn des faschistischen Überfalls blieben nicht ein­mal anderthalb Stunden.

Der Leser wird fragen, ob es nicht zweckmäßiger gewesen wäre, vom Generalstab aus ein kurzes, festgelegtes Zeichen zu geben, nach dessen Empfang das Bezirkskommando den Truppen genauso kurz befohlen hätte, »Kowo-41« – so hieß bei uns der Plan zur Deckung der Staatsgrenze – in Kraft treten zu lassen. Das hätte nicht länger als 15 bis 20 Minuten ge­dauert.

Doch anscheinend konnte sich das Oberkommando dazu nicht entschließen. Das Zeichen zum Inkrafttreten des Dec­kungsplans hätte nicht nur Gefechtsalarm für alle Truppen und ihr Vorrücken an die festgesetzte Linie bedeutet, sondern auch zur Mobilisierung des gesamten Militärbezirks geführt.

Während das Telegramm ausgewertet und die Anordnungen für die Armeen fertiggestellt wurden, fielen die Faschisten mit mächtigen Schlägen ihrer Flieger und Artillerie über unsere Truppen her. Diese Schläge, die die Mehrzahl der Einheiten noch in ihren Standorten überraschte, brachten uns die ersten empfindlichen Verluste.

Nachdem die Divisionen der ersten Staffel unserer Grenzsicherungstruppen den Befehl erhalten hatten, den eingedrun­genen Gegner über die Staatsgrenze zurückzuwerfen, mar­schierten sie unter unaufhörlichen starken Bombenangriffen nach Westen. Obwohl der erste Schlag der faschistischen Flie­gerkräfte für unsere Truppen unerwartet kam, rief er doch keineswegs Panik hervor. In der schwierigen Lage, als alles ein Raub der Flammen wurde, als Kasernen, Unterkünfte, Lager einstürzten und Nachrichtenverbindungen unterbrochen wurden, unternahmen die Kommandeure größte Anstrengun­gen, um die Führung der Truppen in der Hand zu behalten. Eisern befolgten sie die Kampfbefehle, die ihnen nach Öffnung der verschlossenen Schreiben bekanntgeworden waren.

Als erste traten dem Gegner die Vorausabteilungen der 45., 62., 87. und 124. Schützendivision der 5. Armee, der 41., 97., 159. Schützen- und der 3. Kavalleriedivision der 6. Armee sowie der 72. und 99. Schützendivision der 26. Armee ent­gegen. Damit diese Truppen die grenznahen Befestigungen besetzen konnten, brauchten sie nicht weniger als acht bis zehn Stunden (zwei bis drei Stunden für den Gefechtsalarm und das Konzentrieren, fünf bis sechs Stunden für den Marsch und die Organisation der Verteidigung). Aber um alle Kräfte der Grenzsicherung in volle Gefechtsbereitschaft zu versetzen, waren im Plan zwei Tage vorgesehen!

Die ganze Wucht der ersten Angriffs­stöße des Gegners trafen im Grunde genommen die zahlenmäßig schwachen Truppen­teile der Grenztruppen und Besatzungen der befestigten Räu­me. Die Lage wurde noch dadurch erschwert, dass von den ersten Stunden des Überfalls an die faschistischen Fliegerkräfte die Luftüberlegenheit gewonnen hatten. Durch ihre Bomben hatte unser Bezirk 180 Maschinen verloren. Unsere Einheiten, die zur Grenze vorrückten, waren ständigen Bombenangriffen und Tieffliegerangriffen ausgesetzt. Nur einzelne kleinere Gruppen unserer Jagdflugzeuge hatten die dichten Ketten feindlicher Maschinen durchbrochen und waren unseren Truppen zur Hilfe gekommen.

Als der Stabschef der Front die gegen zehn Uhr entstandene Lage meldete, rief General Kirponos unverzüglich den Ober­befehlshaber der Fliegerkräfte, General (Jewgeni) Ptuchin (1902–1942, jW), zu sich und forderte ihn auf, alle Anstrengungen der Fliegerkräfte darauf zu konzentrieren, die zur Grenze vorrückenden Truppen aus der Luft zu decken und den Panzern und motorisierten Trup­pen des Gegners sowie seinen nächsten Flugplätzen kon­zentrierte Schläge zu versetzen.

Als Ptuchin gegangen war, legte General Purkajew dem Oberbefehlshaber der Front die soeben vom Volkskommissar für Verteidigung eingetroffene Direktive vor. Kirponos warf einen kurzen Blick darauf, wandte sich zu (Nikolai) Waschugin (1900–1941, Korpskommandeur; jW) und las langsam und deutlich vor: »Am 22. Juni 1941 um vier Uhr hat die deutsche Luft­waffe ohne jeden Anlass Angriffe auf unsere Flugplätze und Städte entlang der Grenze geflogen und sie mit Bomben belegt. Gleichzeitig eröffneten deutsche Truppen an verschiedenen Stellen das Artilleriefeuer und überschritten unsere Grenze.«

Iwan Bagramjan (1897–1982) war Soldat im Ersten Weltkrieg, trat nach der Oktoberrevolution der Roten Armee bei und war seit 1938 Ausbilder an deren Militärakademie. Seit 1940 war er stellvertretender Stabschef des Kiewer Militärbezirks, ab 1943 Kommandeur der 1. Baltischen Front. Nach dem Sieg über den Faschismus 1945 wurde er Befehlshaber des Baltischen Militärbezirks und leitete die Operationen gegen die vom Westen unterstützten nazistischen und nationalistischen Partisanen in Litauen, Lettland und Estland. 1955 wurde er Marschall der Sowjetunion und stellvertretender Verteidigungsminister.

Der nebenstehende Text wurde seinem Buch »So begann der Krieg« (Militärverlag der DDR, Berlin 1972) entnommen

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