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Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage
80 Jahre Überfall auf Sowjetunion

Deutsche Kunstraubbanden

Für die Plünderung von Kulturgütern in besetzten Ländern gründeten die Nazis spezielle Trupps. Ihr Vorgehen in Frankreich und in der Sowjetunion war aber unterschiedlich
Von Horsta Krum
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Zwischen 1941 und 1943: Russische Partisaninnen. Bei Gefangennahme durch die Deutschen drohten ihnen Folter und Exekution

Nachdem das faschistische Deutschland das östliche Nachbarland Polen im September 1939 überfallen hatte, marschierte es knapp neun Monate später nach Westen. Was die deutschen Besatzer während der Endphase des Krieges im französischen Oradour anrichteten, lässt sich auch nach zwei Generationen nicht aus dem kollektiven Gedächtnis Frankreichs verdrängen: Als Racheakt an der französischen Widerstandsbewegung Résistance trieb die SS die Zivilbevölkerung von Oradour in einer Kirche und einer Scheune zusammen und verbrannte sie. Der Geruch und der Anblick der verkohlten Leichen hat die Soldaten der westlichen Alliierten und der Résistance, die kurz danach eintrafen, ihr ganzes Leben lang verfolgt.

Allein in Belarus gab es 238 Oradours: Menschen und Tiere wurden lebendig verbrannt; insgesamt mehr als fünftausend Ortschaften vernichtet. Der Krieg gegen Frankreich sah Grausamkeiten wie Oradour nicht vor; im Krieg gegen die Sowjetunion gehörten sie zur Strategie.

Bereits zur Vorbereitung dieses Krieges benutzten die Nazis eine andere Ideologie und eine andere Propaganda: Sie beschrieben ihn als »Kampf des Abendlandes gegen den Bolschewismus und gegen das internationale Judentum«. Die Bevölkerung sollte um etwa dreißig Millionen Menschen dezimiert werden, beispielsweise durch Hunger oder durch unmittelbare Gewalt, wie in Belarus geschehen. Ein Drittel der materiellen Güter sollte der Versorgung der deutschen Soldaten dienen, ein weiteres Drittel nach Deutschland transportiert werden, das letzte Drittel durfte der Bevölkerung bleiben. So sollte, ganz konkret, der Boden für deutsche Siedler bereitet werden, damit das Land »germanisiert« würde. Dieses Kriegsziel hatte die Nazipropaganda schon vor dem Überfall auf die Sowjetunion vorbereitet mit der Parole »Volk ohne Raum«. Die verbleibende einheimische Bevölkerung sollte für die neuen Siedler arbeiten. Auf der Krim beispielsweise wurde dieses Konzept schnell umgesetzt: Die Hamburger Firma Reemstma ließ dort Tabak anbauen und Zigaretten herstellen, um damit die gesamte Wehrmacht zu versorgen. Einheimische, fast ausschließlich Frauen, leisteten diese Arbeit unter deutscher Aufsicht.

Unterschiedliche Kriegsziele

Mit Frankreich hatte das Deutsche Reich ganz andere Pläne: Nach dem Sieg sollte ein Friedensvertrag unter anderem die Abtretung von Lothringen und dem Elsass an das Deutsche Reich regeln, ansonsten sollte Frankreich bestehen bleiben, wenn auch reduziert und vom Deutschen Reich kontrolliert.

Dagegen wurde der Krieg gegen die Sowjetunion als Vernichtungskrieg geplant und geführt. Diesen unterschiedlichen Kriegszielen entsprach die jeweilige Kriegführung nicht nur im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung und den materiellen Gütern, sondern konsequent auch im Umgang mit Kulturgut.

Hitler besuchte Paris sofort nach dem Einmarsch der Wehrmacht. Er kam nicht als Feldherr, sondern mit zwei Architekten und dem Bildhauer Arno Breker besichtigte er markante Gebäude. Von der französischen Kultur sollte das Deutsche Reich profitieren.

Bald darauf gründete Alfred Rosenberg, der Chefideologe des deutschen Faschismus, seinen »Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg« (ERR), der in Frankreich jüdische Archive, Bibliotheken und Kunstsammlungen plünderte. Die Juden galten als Feinde des Deutschen Reiches; staatliches Kulturgut durfte der ERR nicht konfiszieren; darüber wollte Hitler erst nach dem Sieg entscheiden.

In Paris wurde zu Beginn des Jahres 1942 die »Kunsthistorische Forschungsstätte« gegründet. Sie sollte den germanischen und deutschen Einfluss auf Frankreichs Kultur untersuchen und wurde finanziert vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Nach dem Sieg sollten Deutsche und Franzosen Zugang haben.

Auch in der Sowjetunion raubte der ERR Bibliotheken und Archive – mit dem Ziel, die »Minderwertigkeit« der kommunistischen und jüdischen Kultur zu belegen. Stäbe von Wissenschaftlern werteten diese Materialien aus und veröffentlichten ihre Theorien in Fachzeitschriften. Das Zentralblatt für Bibliothekswesen erwähnt beispielsweise 300.000 Bände, die in Polen und der Sowjetunion beschlagnahmt wurden und der Erforschung des Judentums dienen sollten.¹

Die Experten drängten

Anders als in Frankreich, raubte der ERR in der Sowjetunion vor allem prähistorische Materialien, volkskundliche und kunsthistorische Objekte. Damit wollte er die einstige Präsenz germanischer Volksstämme beweisen und die geplante Inbesitznahme des Landes durch Deutsche begründen.

Viele deutsche, akademisch ausgebildete Fachleute waren vor Ort beteiligt; so steuerten sie den Raub, indem sie aufgrund ihrer Kompetenz Objekte auswählten, die abtransportiert werden sollten. Für sie war diese Arbeit auch deshalb besonders attraktiv, weil sie sich mit den entsprechenden Publikationen vor ihren akademischen Kollegen profilieren konnten. Historiker, Prähistoriker, Archivare, Bibliothekswissenschaftler, Museumsfachleute und Kunstwissenschaftler, spezialisiert auf Volkskunst, äußerten sich in Fachzeitschriften zu ihrer Tätigkeit, so dass der Kulturraub in Fachkreisen und darüber hinaus bekannt war. In Deutschland drängten sich Kollegen, um an den neuen Entdeckungen zu partizipieren. Angehende Akademiker baten um Material für wissenschaftliche Arbeiten. So konnten die Fachleute vor Ort den Wissenschaftsbetrieb im fernen Reich beeinflussen, indem sie – über das bereits Publizierte hinaus – auswählten, wem und wieweit sie Einblick gaben in die geraubten Bestände. Die so Bevorzugten hatten verständlicherweise an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung kein Interesse; diese war auch deshalb nicht möglich, da ja nur die Fachleute vor Ort einen freien und umfassenden Zugang zu den Materialien hatten.

Mit der »Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe« beteiligte sich auch Heinrich Himmler an diesem Kulturraub. Außerdem war er als »Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums« zuständig für den »Generalplan Ost«, auf dessen Grundlage die zukünftige Ansiedlung von Deutschen in der Sowjetunion durchgeführt werden sollte; dies alles begründete sein Interesse an der Sowjetunion. Seine wichtigen Funktionen, u. a. als Reichsführer SS und Chef der Polizei, gaben ihm im Deutschen Reich eine große Machtfülle, ungleich größer als die von Rosenberg. Aber in der Sowjetunion herrschte Rosenbergs ERR, so dass die vom »Ahnenerbe« geraubten prähistorischen Objekte einige hundert betrugen, aber die vom ERR geraubten prähistorischen, volkskundlichen und kunsthistorischen Objekte die Zahl 500.000 überschritten.²

Zu den geraubten volkskundlichen Gegenständen gehörten z. B. mehr als 20.000 bemalte Ostereier. Die interessierten besonders, weil sie oft mit dem Sonnenrad bemalt waren, der Vorlage für das Hakenkreuz. Die deutschen Fachleute werteten dieses Symbol als Hinweis auf eine alte »arische« Kultur.

Kein Unrechtsbewusstsein

In Frankreich weckten kostbare Gemälde, Skulpturen und andere Kunstgegenstände die Begehrlichkeit der Deutschen – anders in der Sowjetunion. Nicht nur deshalb, weil die Wehrmacht Moskau und Leningrad mit ihren großartigen Kunstsammlungen nicht besetzen konnte – immerhin standen den Kunstbeschaffern von Hitler, Göring und anderen die Schätze von Kiew oder den Zarenschlössern zur Verfügung. Aber Hans Posse und Hermann Voß, die Beauftragten Hitlers, und Walter Andreas Hofer, der für Görings Kunstsammlung in Westeuropa unterwegs war, reisten nicht ein einziges Mal in die besetzten Gebiete der Sowjetunion. Sie hätten dort leichtes Spiel gehabt: Sie hätten nicht einmal halb- oder scheinlegale Geschäfte abzuschließen brauchen, wie sie es in Frankreich bei etwa einem Drittel ihrer »Erwerbungen« tun mussten – nein, sie hätten ohne Rücksicht, ohne Umschweife ihre Auftraggeber bedienen können. Görings Luftwaffe hätte den Transport der geraubten Kunstwerke übernommen.

Aber die Kunstschätze der Sowjetunion hatten nicht zu interessieren, weder ihr materieller noch ihr ästhetischer Wert. Denn den Nazis kam es auf die ideologische und politische Verwertbarkeit des geraubten Kulturgutes an. Die vielen Akademiker, die mit ihrem Fachwissen und ihrer Arbeitskraft den Zerstörungskrieg gegen die Sowjetunion rechtfertigten, besaßen kein Unrechtsbewusstsein. Auch von denen, die diese Arbeiten lasen und diskutierten, ist kein Widerspruch, nicht einmal vorsichtige Kritik bekannt.

Der Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion ist durchaus den Kriegen der westeuropäischen Länder gegen »ihre« Kolonien vergleichbar – ja, er ist schlimmer. In der Bevölkerung der einstigen Kolonialmächte erwachte allmählich ein Unrechtsbewusstsein und der Wunsch nach Wiedergutmachung, soweit das überhaupt möglich ist. Während die Bundesrepublik die Verbrechen an den Herero und Nama als Völkermord anerkannte, hat sie das Ausmaß des Zerstörungskrieges gegen die Sowjetunion noch nicht einmal offiziell zur Kenntnis genommen, geschweige denn Konsequenzen gezogen. Was Göring 1936 über die Kriegsvorbereitung gegen die Sowjetunion sagte, wirft ein erschreckend grelles Licht auf das, was die NATO heute unternimmt, – mit deutscher Beteiligung und auf deutschem Territorium: »Es ist kein Ende der Aufrüstung abzusehen. (…) Wir stehen bereits in der Mobilmachung und im Krieg, es wird nur noch nicht geschossen.«

1 1942, Heft 11/12, S.489 ff.

2 Diese und andere Angaben sind zu finden in der gründlichen Darstellung von Anja Heuss: Kunst- und Kulturgutraub – Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion. Heidelberg 2000

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  • Leserbrief von M. Faulhaber (20. Juni 2021 um 14:38 Uhr)
    »Görings Luftwaffe hätte den Transport der geraubten Kunstwerke übernommen.« Dieser Satz ist mir aufgefallen, er schubst Assoziationen an, die Geschichte wiederholt sich, knüpft an die Teppich-Affäre von 2012 des FDP-Ministers Dirk Niebel (wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) an. Dieser hatte im Dienstflugzeug des Präsidenten des BND einen Teppich von Afghanistan nach Deutschland transportiert. An Bord waren zwei Teppiche, der zweite für BND-Chef Schindler angeblich ein Geschenk. Ob geschenkt oder privat so billig gekauft wie geschenkt – geschenkt, denn so ein Mitbringsel aus einem der »Least developed countries« wie Afghanistan (damals wie heute) ist meines Erachtens so gut wie geklaut. Mir geht es eher um die Parallele zum günstigen Transport per Regierungsmaschine. Geschichte wiederholt sich. Wie war noch mal der Artikel überschrieben? »Deutsche Kunstraubbanden« – wird das eine Sondershow im »Humboldt-Forum«?

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