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Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
80 Jahre Überfall auf Sowjetunion

Ehrendes Gedenken und seine Gegner

Für die russische Bevölkerung ist der 22. Juni ein Tag stiller Trauer. Um so lauter sind antisowjetische Aktivisten innerhalb und außerhalb des Landes
Von Andrei Doultsev
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Leningrad, Juli 1941: Die Kinder werden evakuiert

Der 22. Juni ist der traurigste Tag in der Geschichte der Völker der ehemaligen Sowjetunion: Das sowjetische Volk hat im Krieg über 20 Millionen Menschen verloren, um die Welt vom Faschismus zu befreien. In der Russischen Föderation gilt der 22. Juni offiziell als Gedenktag, den gleichen Status genießt er in der Republik Belarus und (derzeit noch) in der Ukraine.

Am 22. Juni werden die Staatsflaggen an Gebäuden von staatlichen Institutionen auf halbmast gesetzt. In Fernsehen und Rundfunk laufen den ganzen Tag über keine Unterhaltungsprogramme.

Russlandweit finden Gedenkveranstaltungen statt, Blumen und Kränze werden vor Mahnmalen zum Gedenken an den Großen Vaterländischen Krieg niedergelegt. An der Uferpromenade des Moskwa-Flusses in Moskau werden am 22. ­Juni jährlich 1418 Kerzen angezündet: Sie symbolisieren die 1418 Kriegstage – die Hölle, durch die das sowjetische Volk gehen musste, um den Hitlerfaschismus zu besiegen. Der russische Präsident legt einen Trauerkranz vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten im Alexandergarten vor der Kremlmauer nieder.

Einstellungswandel

Im Gegensatz zum antisowjetischen Hexensabbat Anfang der neunziger Jahre, als in den Moskauer Straßen und in anderen sowjetischen Städten Hitlers »Mein Kampf« verkauft wurde, wird das ehrende Gedenken an die gefallenen Soldaten der Roten Armee und die zivilen Opfer heute nicht in Frage gestellt. Am 9. Juni verabschiedete die russische Staatsduma das neue Gesetz »Über die Verewigung des Sieges des sowjetischen Volkes im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945«, das jegliche Gleichsetzung von Hitlerdeutschland und der UdSSR verbietet und den westlichen Geschichtsrevisionisten, die den Faschismus reinwaschen wollen, einen Riegel vorschiebt. Zudem hat sich die Einstellung der Bevölkerung im Vergleich zu den Vorjahren deutlich gewandelt: Während 2013 bei einer Umfrage auf den Straßen in Sankt Petersburg kaum jemand von den Befragten sagen konnte, was es mit dem 22. Juni 1941 auf sich hat, wussten 68 Prozent der Befragten im Jahr 2020, was an dem Tag geschehen war.

Russen empfinden Stolz, wenn sie jedes Jahr bei der Parade am 9. Mai neue Militärausrüstung über den Roten Platz ziehen sehen. Sie freuen sich über Erfolge russischer Militärbetriebe angesichts des wachsenden Drucks aus dem Westen und der aggressiven NATO-Rhetorik. Eine große Mehrheit der Bevölkerung befürwortet die Modernisierung von Atomwaffen, die Russland vor seinen Feinden schützen sollen. Dennoch nützen die besten Waffen nichts, wenn die Gefahr besteht, dass sie eines Tages in falsche Hände geraten können. Die Erinnerung an den Niedergang der Sowjetunion, »die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts«, wie es Staatspräsident Wladimir Putin formuliert hat, sitzt der russischen Bevölkerung tief im Gedächtnis. Nicht ohne Grund sagen viele Russen, dass der 25. Dezember 1991, als Michail Gorbatschow die Auflösung der UdSSR verkündete, das traurigste Datum in der neuesten russischen Geschichte gleich nach dem 22. Juni 1941 ist.

Innerer Antisowjetismus

Am 22. Juni stellt sich die Frage, wie der innere Revisionismus – die Marktwirtschaft, das Erbe der neunziger Jahre, das Bekenntnis zur russischen Trikolore, unter der Weißgardisten und später HitlerKollaborateure aus der Wlassow-Armee gegen Sowjetrussland kämpften – überwunden werden kann. An diesem Tag sollte daran gedacht werden, was gegen die antisowjetische Hetze und die Verdrängung der eigenen Geschichte getan werden kann. Heute geht diese Bedrohung nicht nur von den offen handelnden prowestlichen liberalen Medien und politischen Provokateuren wie Alexej Nawalny aus, sondern häufig auch von jenen, die trotz Lippenbekenntnis zu Russland Filme drehen und Bücher veröffentlichen, in denen die sowjetische Geschichte entstellt wird. Viele antisowjetisch gesinnte Personen bekleiden nach wie vor hohe Ämter in Staat und Wirtschaft.

Der legalisierte Antisowjetismus erreichte in diesem Jahr während der Militärparade am 9. Mai seinen Höhepunkt, als das Lenin-Mausoleum hinter einer falschen Fassade versteckt wurde. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, Gennadi Sjuganow, bezeichnete das in einem offenen Brief an Wladimir Putin als Affront gegen die Völker der ehemaligen Sowjetunion. Hinter einem primitiven hellblauen Zaun wurde in diesem Jahr, wie auch in den Jahren zuvor, so Sjuganow, nicht nur der Name Lenins verborgen, sondern auch die Erinnerung an den ersten Arbeiter- und Bauernstaat und an jenes Gesellschaftssystem, das die größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ermöglicht hat. Ohne die Namen von Wladimir Lenin, Josef Stalin, Feliks Dzierzynski, Georgi Schukow und vielen anderen, die an der Kremlmauer beigesetzt sind, wären die Entstehung der UdSSR, ihr wirtschaftlicher und politischer Aufbau und der Sieg des sowjetischen Volkes über Hitlerdeutschland sowie die Rettung vieler Völker der Welt vor Vernichtung und Versklavung durch die »Herrenmenschen« nicht möglich gewesen. An der Kremlmauer sind auch Symbolfiguren für den technischen Fortschritt der Sowjetmacht wie der Raketenkonstrukteur Sergei ­Koroljow und der erste Mensch im Weltall, der Kosmonaut Juri Gagarin, beigesetzt.

Pseudopatriotismus

Besorgniserregend ist auch ein aktuelles Umfrageergebnis, demzufolge 60 Prozent der jungen Menschen zwischen 19 und 24 Jahren einräumen, dass sie mit den USA sympathisieren, einem Land, das Russland zum Feind Nummer eins erklärt hat.

Die Ursachen für derartige Stimmungen und für die unklare Vorstellung von Russlands Rolle in der modernen Welt liegen im postsowjetischen Bildungssystem. Als der russische Präsident Wladimir Putin in seiner Ansprache an die Föderationsversammlung Ende April bemängelte, dass in modernen russischen Geschichtslehrbüchern für Oberschulen die Stalingrader Schlacht nur nebenbei erwähnt wird, hatte er nur die Spitze eines Eisbergs benannt. Die Fernsehprogramme sind trotz der offiziellen patriotischen Rhetorik nach wie vor von Gewaltpropaganda, Niedertracht und skrupellosem Individualismus beherrscht. Die russische Informations- und Kulturlandschaft wird heute von denen geprägt, die die sowjetische Geschichte weiterhin negieren, und das in einem Land, das für seine Wissenschaftler und seine Kulturschaffenden berühmt war. Sie ist geprägt von Menschen, die unter dem Deckmäntelchen des Pseudopatriotismus z. B. eine Rehabilitierung der weißgardistischen Generäle Nikolai Judenitsch und Alexander Koltschak verlangen.

Antisowjetische Aktivisten verteufeln nach wie vor Stalin, ohne den die Niederschlagung Hitlerdeutschlands, die Befreiung der Konzentrationslager der Nazis und der osteuropäischen Völker sowie die stabile Nachkriegsordnung, die 50 Jahre lang den europäischen Frieden ermöglicht hat, undenkbar wären.

Der 22. Juni ist ein Gedenktag an die Gefallenen und die Opfer von Hitlerdeutschland, aber auch ein Tag, der daran erinnert, wie das sowjetische Volk dank seines Glaubens an die Befreiung vom Faschismus und an die humanistischen Ideale der Oktoberrevolution den schlimmsten aller Feinde im Mai 1945 besiegen konnte.

Andrei Doultsev ist ­Korrespondent der ­Prawda in Paris

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  • Leserbrief von Joán Ujházy (23. Juni 2021 um 10:45 Uhr)
    Andrei Doultsev schreibt, dass es ohne Stalin keine Niederlage Deutschlands, keine Befreiung der Konzentrationslager und der osteuropäischen Völker gegeben hätte. Das klingt wieder nach Personenkult und erinnert mich an Brechts »Fragen eines lesenden Arbeiters«: »Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?« Zuerst sollten wir festhalten, dass Stalin bis zum Tag des Überfalls die Tatsache verdrängt hatte, dass Nazideutschland die UdSSR überfallen wird. Entsprechende nachrichtendienstliche Hinweise kamen an ihn zuhauf. Aber mit »stählerner« Sturheit ignorierte er sie. Er hatte mehr Vertrauen zu Hitler als zu seinen Kundschaftern, deren bekanntester, Richard Sorge, von den japanischen Faschisten ermordet wurde. Des weiteren sollten wir festhalten, dass es nicht Stalin war, der die oben genannten Leistungen erbrachte, sondern die Offiziere und Soldaten der Roten Armee. In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, dass unter Stalins Verantwortung und Beauftragung führende Offiziere der Roten Armee vom NKWD erschossen worden waren.
    Hier ein paar Zahlen: Umgebracht wurden drei von fünf Marschällen, 13 von 15 Armeebefehlshabern, acht von neun Admirälen, 50 von 57 Korpsgenerälen, alle 16 Armeepolitkommissare, 25 von 28 Korpspolitkommissaren, dazu 45.000 höhere Offiziere. Das war ein Defizit, das bis zum deutschen Überfall nicht ausgeglichen werden konnte.
    Kurt Bachmann schrieb in seinem kürzlich erneut erschienenen Buch »Wir müssen Vorkämpfer der Menschenrechte sein« (Neue-Impulse-Verlag Essen): »M. Tuchatschewski, Träger des Lenin-Ordens, Militärstratege. In einem Stabsmanöver 1936 sagte er den wahrscheinlichen Hauptstoß der Hitlerwehrmacht auf Smolensk–Moskau voraus, ebenso die tatsächliche Kräftekonstellation der Wehrmacht. Marschall Schukow machte im Dezember 1940 nach einem Kriegsspiel die gleichen Voraussagen über die Richtung des zu erwartenden Angriffs. Beide Ratschläge blieben bei den Abwehrmaßnahmen der Roten Armee auf Veranlassung Stalins (!) unberücksichtigt (!).«
    Und abschließend sei noch von einer »Heldentat« Stalins zu berichten: Als Stalin mit Hitler den Nichtangriffsvertrag abschloss, gab es eine NKWD-Aktion in Moskau und im Moskauer Gebiet zwischen 1936 und 1941, bei der deutsche Antifaschisten, die vor den Nazis geflohen waren, an die Gestapo ausgeliefert wurden. Andere wie Erwin Geschonneck hatten das »Glück«, »nur« ausgewiesen zu werden, wobei die Gestapo Geschonneck dennoch verhaftete und in ein KZ steckte.
    PS: Von allen deutschen überlebenden Spanien-Kämpfern, 2.318 an der Zahl, durften nach der Niederlage der Spanischen Republik nur 136 (!) in die Sowjetunion einreisen. Dass die antisowjetischen Attacken gegen Stalin einer anderen Intention folgen, ist mir klar, aber im gleichen Atemzug aus Stalin de facto einen Helden zu machen, dem wir was weiß ich alles zu verdanken hätten, das geht meines Erachtens zu weit. Es war das mit dem Begriff Stalinismus bezeichnete politische System der UdSSR, das die Ideen von Marx, Engels und Lenin auf lange Zeit diskreditiert(e). Denn die unter Stalins Verantwortung und Veranlassung begangenen Verbrechen liegen wie ein langer Schatten auf der internationalen kommunistischen Bewegung, von der selbst nur noch ein Schatten übriggeblieben ist. Stalin sei Undank!

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