3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 5. August 2021, Nr. 179
Die junge Welt wird von 2567 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 19.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Ballett

Etwas stimmt nicht

Hamlet auf neuen Wegen: Mit »Hamlet 21« zeigt das Hamburg-Ballett eine Parabel auf Macht und Politik
Von Gisela Sonnenburg
Hamlet 21 27 © Kiran West.jpg
Liebe, Macht und virtuoser Tanz: Szene aus John Neumeiers »Hamlet 21«

Nur wenige Choreographen stemmen ein so ernstes Thema: Mit »Hamlet 21« premierte am Sonntag beim Hamburg-Ballett das jüngste Werk von John Neumeier. Es beginnt nicht am dänischen Hof, sondern in einem Klassenzimmer, wo der Pauker Polonius (streng, aber smart im Frack: Ivan Urban) Hamlet die Geschichte einbläut. Alexandr Trusch, für den verletzten Edvin Revazov in die Titelpartie eingesprungen, zeigt virtuos die Entwicklung vom abenteuerlustigen Prinzen zum rachlüsternen Antihelden. Sein Kumpel Horatio wird von Nicolas Gläsmann als ein das Geschehen begleitender Sprecher dargestellt: Balletttheater vom Feinsten.

Und ein Drama der Frauen. Neumeier zeigt zunächst die Version der Story des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus. Der erzählt von Hamlets Eltern: Horvendel tötete den norwegischen König, errang damit die jütländische Krone samt schöner Frau. Florian Pohl, stark und burschikos, nimmt Hélène Bouchet als Geruth mehr wie eine Beute in Besitz als mit Leidenschaft. Das rächt sich. Sie betrügt ihn bald mit seinem Bruder Fenge, von Félix Paquet sehr verführerisch getanzt. Endlich gibt es Liebe, glaubt Geruth. Aber auch Fenge will Macht. Und er ermordet Horvendel, um die Krone zu übernehmen.

Hamlet liebt derweil Ophelia, von Anna Laudere kindhaft-fröhlich getanzt. Als seine Mutter Fenge heiratet, ahnt er, dass etwas nicht stimmt. Sein toter Vater erscheint ihm, klärt ihn auf. Atemberaubend ist dieses Vater-Sohn-Duett, in dem der tote Patriarch sein Kind immer stärker dominiert. Und es verrückt macht. Hamlet zerstört seine Beziehungen zu Ophelia und zur Mutter. »Mother!« Mehrfach stößt der Ballerino schmerzerfüllt diesen Urschrei aus.

Bei Saxo ist »Amletus« mit listiger Mordlust ein lachender Gewinner. Bei Neumeier übergibt Hamlet die Krone nach dem Rachemord an Fenge kampflos an den Norweger Fortinbras. Bis zum nächsten Krieg. Die Musik des Briten Michael Tippett, der zeitweise Kommunist war, schwebt zwischen Melodie und Atonalität, wird aber nie nervig. Großartig.

Nächste Vorstellungen: 22.6., 23., 24. u. 26.9.

Marx für alle!

Die junge Welt gibt's jetzt im Aktionsabo! Für 62 € erhältst du 3 Monate lang die gedruckte Ausgabe der jW, danach endet das Abo automatisch.

Jetzt selber abonnieren, verschenken oder schenken lassen!

Mehr aus: Feuilleton

Marx für alle! 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!