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Aus: Ausgabe vom 14.06.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Debatte über China

Weniger Nichtwissen

Hilfreicher Einstieg in den Themenkomplex: Uwe Behrens bietet Aufklärung über die Volksrepublik China
Von Marc Püschel
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Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert und Neubauten in Xi'an

In China wisse man »alles über uns, während wir noch nicht mal wissen, was wir über China nicht wissen«, beschwerte sich ein Gastkommentator im November 2020 im Handelsblatt. Der »Westen« sei geprägt von »asymmetrischer Ignoranz«, die ihm im Kampf gegen den »systemischen Rivalen« China gefährlich werden könne. Wer aus linker Perspektive dieser Ignoranz beikommen will, kann sich mit dem Buch »Feindbild China« von Uwe Behrens behelfen.

Der Autor ist ein in der DDR promovierter Transportökonom, der von 1990 bis 2017 für Logistikunternehmen in China gearbeitet hat. Das in lockerem Stil geschriebene Buch hebt daher auch mit Schilderungen der persönlichen Erlebnisse des Autors in China an, etwa der Tätigkeit in einem Joint Venture in einer der ersten Sonderwirtschaftszonen. Als jemand, der die ökonomische Reformpolitik aus nächster Nähe miterlebte, kann Behrens mit einigen weitverbreiteten Vorurteilen aufräumen: »Das chinesische Interesse bestand nicht darin – und dort lag und liegt der Denkfehler von ausländischen Unternehmern, die in China investierten –, die auswärtige Konkurrenz zu unterstützen und zu stärken. Die von Deng angestoßenen Reformen öffneten den Markt nur so weit wie nötig. Die Kontrolle über die Wirtschaft aufzugeben war und ist nicht geplant.« Behrens zieht eine Parallele zum »Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung« in der DDR der 1960er Jahre, führt den Vergleich jedoch nicht aus.

Trotz der mittlerweile zugelassenen privaten Unternehmen sind die größten Betriebe in China immer noch die State Owned Enterprises (SOE). Sie dienen vor allem der Aufrechterhaltung der öffentlichen Infrastruktur. Behrens schließt daraus, dass die Bedeutung der Privatunternehmen überbewertet werde: »Die chinesische Wirtschaft ist weder eine kapitalistische noch eine sozialistische, wie wir sie praktiziert haben. Sie ist eine sozialistische mit chinesischem Charakter, ein Hybrid.« Obwohl auch die SOE weitgehend selbständig operieren können, werden sie nicht auf maximalen Profit verpflichtet, sondern auf die Sicherung der gesellschaftlichen Stabilität und der Grundversorgung – ein Hauptgrund, warum mittlerweile die öffentliche Infrastruktur in der Volksrepublik besser ausgebaut ist als im Westen.

In allen chinesischen Unternehmen ab einer bestimmten Größe sind Parteigremien integriert. Sie dienen sowohl der Durchsetzung staatlicher Vorgaben als auch der Vertretung der Mitarbeiter und der Überwachung der Einhaltung des Arbeitsrechts. Viele Proteste in privaten Unternehmen werden von diesen Betriebsorganisationen der Partei angeführt, und nicht nur deswegen gilt »China inzwischen als eines der streikintensivsten Länder weltweit«.

Leider wird kaum abgewogen, ob durch das Einführen marktorientierter Mechanismen die Gefahr der Wiederherstellung eines unkontrollierbaren Kapitalismus droht. Behrens verweist auf einige problematische neuere Entwicklungen – etwa den Wegfall des Joint-Venture-Zwangs durch das geplante Investmentabkommen Chinas mit der EU oder die Aufnahme des Schutzes des privaten Eigentums und der Vermögensrechte in die Verfassung 2004. Aber das wird nicht kritisch erörtert.

Hilfreicher sind die Auseinandersetzungen des Autors mit den in westlichen Medien üblichen Diffamierungen Chinas. Nachvollziehbar und gut belegt sind seine Widerlegungen sowohl der Behauptung, die Volksrepublik sei ein dystopischer Überwachungsstaat, als auch der Mär vom Genozid an den Uiguren in Xinjiang (eine Region, die Behrens selbst bereist hat).

Der ausführlichste Teil des Buches behandelt die »Neue Seidenstraße«. Das 2013 offiziell als »Belt and Road Initiative« eingeführte Projekt eines globalen Netzes aus Handels- und Verkehrswegen stellt das größte Infrastrukturprogramm der Weltgeschichte dar. Behrens zerstreut Befürchtungen sowohl über die »Schuldenfalle« für afrikanische Länder als auch über einen angeblichen chinesischen Expansionsdrang. Immer noch gibt China mit 261 Milliarden US-Dollar weniger Geld für Militär aus als die europäischen NATO-Staaten (279 Milliarden Dollar) oder die USA (über 730 Milliarden Dollar). Und auch die Aktivitäten der Volksrepublik im Südchinesischen Meer seien »ausschließlich Reaktionen auf die gesteigerten militärischen Aktivitäten der USA in diesem Raum«.

Für den innermarxistischen Diskurs mag das Buch von Behrens nur bedingt geeignet sein. Wer sich für spezifische Probleme, die sich bei der Frage des Aufbaus des Sozialismus stellen, interessiert, dem ist Marcel Kunzmanns Broschüre »Theorie, System & Praxis des Sozialismus in China« zu empfehlen. Doch als allgemeinbildenden Einstieg in den riesigen Themenkomplex kann man sich kaum Geeigneteres vorstellen als »Feindbild China«. Das Buch besticht durch Materialreichtum und die persönlichen Erfahrungen des Autors. Die »asymmetrische Ignoranz« – dank Behrens ist sie etwas kleiner geworden.

Uwe Behrens: Feindbild China. Was wir alles nicht über die Volksrepublik wissen. Edition Ost, Berlin 2021, 224 Seiten, 15 Euro

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