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Aus: Ausgabe vom 14.06.2021, Seite 11 / Feuilleton
Ambient

Die Natur ist nicht lieb

Spannung halten: Masayoshi Fujitas Album »Bird Ambience«
Von Alexander Kasbohm
Masayoshi Fujita - press photo 02 by Özge Cöne_PRINT.jpg
Experimenteller Minimalismus: Masayoshi Fujita

Der japanische Vibraphonist Masayoshi Fujita hat 13 Jahre in Berlin gelebt. Dort veröffentlichte er unter dem Namen »El Fog« 2007 und 2009 seine ersten beiden Alben »Reverberate Slowly« und »Rebuilding Vibes«, auf denen er die schwebenden Klänge seines Instruments mit Dub-Effekten, elektronischen Beats und Störgeräuschen verband. Stilistisch Jan Jelinek nicht unverwandt. Konsequenterweise nahm er mit Jelinek zwei weitere Alben auf, etwas meditativer vielleicht und erkennbar als Treffen zweier sich auf Augenhöhe inspirierender Künstler. Nebenbei schuf er noch drei Soloalben unter eigenem Namen, die klassischer jazzig waren und die Elektronik in den Hintergrund rückten. Allen gemeinsam sind die immer wieder auftauchenden Bezüge zur Natur – in den Titeln wie in der Komposition. Dahinter mag das bekannte Phänomen stecken, dass die Gedanken gern da sind, wo der Körper nicht ist. So meinten Donald Fagen und Walter Becker von Steely Dan einmal, dass ihre Songs über New York in Los Angeles entstanden seien und umgekehrt.

Fujitas Sehnsucht nach Land und Natur ließ ihn inzwischen in den kleinen Ort Kami Cho auf der japanischen Hauptinsel Honshu ziehen. Eine Region an der Küste, mit Bergen, grünen Wäldern und kleinen Bächen, wie man es sich vorstellt. Vor seinem Umzug hat sich diese Sehnsucht noch – stärker als zuvor – auf seinem in Berlin produzierten Album »Bird Ambience« manifestiert. Die Stücke heißen »Thunder« – mit einem kongenialen Video von Ryo Noda –, »Cumulonimbus Dream« oder »Nord Ambient«. Sein Hauptinstrument hat Fujita gegen die Marimba getauscht, die metallenen Klänge des Vibraphons durch die hölzernen, wärmeren der Marimba ersetzt. Trotz der organischen Ruhe der Kompositionen, ist die Natur, die er beschreibt, keinesfalls immer friedfertig. Ihm liegt nichts an einer verkitschten New-Age-Version der Welt. Die Natur »ist« – und Punkt. Mal bedrohlich, mal beruhigend, immer unberechenbar. Das spiegelt sich auch in seinem »In dubio pro first take«-Ansatz wider. War Fujita bislang ein akribischer Planer und Vorbereiter, hat er auf dem neuen Album viel Platz für improvisatorische Elemente gelassen, für die Magie der Intuition, das Einfangen des »Findens« über die Präsentation des »Gefundenen« gestellt.

Auf »Bird Ambience« mischt Fujita erstmals Elemente seines Schaffens, die er bislang strikt trennte: den elektronisch-experimentellen Strang der Kollaborationen und seines El-Fog-Projekts mit dem Jazz bisheriger Soloalben. Es herrscht eine friedliche Koexistenz von elektronische Verfremdungen, Noise-Hintergrundstrahlung und meditativen Klangräumen. Diese Gleichzeitigkeit verleiht dem Album eine Balance zwischen vertrauter Schönheit und verstörendem Unbekannten. Es erfüllt das alte Diktum, dass gute Ambient-Musik die Aufmerksamkeit nicht fordern, aber belohnen soll. In gewisser Weise ist »Bird Ambience«, wie der Titel nahelegt, tatsächlich Ambient-Musik. Es ist aber auch experimenteller Minimalismus, dem es bis zum Ende gelingt, die Spannung zu halten. Eines der interessantesten Alben der letzten Monate und Fujitas größte Leistung bislang.

Masayoshi Fujita: »Bird Ambience« (Erased Tapes/Indigo)

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