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Aus: Ausgabe vom 12.06.2021, Seite 7 / Ausland
Krise im Libanon

Der alltägliche Mangel

Im Libanon verschlechtert sich wirtschaftliche Lage zusehends. Strom und Lebensmittel sind kaum erschwinglich
Von Karin Leukefeld, Beirut
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Immer wieder Schlange stehen: Auch beim Treibstoff gibt es große Engpässe im Libanon (Beirut, 11. Juni)

Hinter dem Empfangstresen des Hotels in Beirut in dem Aschraf arbeitet, sieht der junge Mann bei diesem Besuch noch schmaler und blasser aus als sonst. »Mein Monatslohn ist auf 80 US-Dollar geschrumpft«, umgerechnet sind das ungefähr eine Million Libanesische Pfund (LBP). »Das Geld zerfließt einem in den Händen, wenn man einkaufen geht«, erzählt er im Gespräch mit jW. »Ein Liter Milch kostet 15.000 Pfund, Milchpulver ist kaum zu bekommen. Fleisch können wir vergessen, ein Kilo kostet 100.000 Pfund.« Nach seinem persönlichen Befinden gefragt, antwortet Aschraf: »Miete, zusätzlichen Strom, Trinkwasser, der Kindergarten für unseren Sohn – ohne Familienhilfe aus dem Ausland wären wir nicht mehr. Krank werden dürfen wir nicht, weil wir die Arztkosten nicht bezahlen könnten«, fährt er fort. »Von dem politischen Chaos brauchen wir gar nicht sprechen.«

Rund 80 Prozent hat das Libanesische Pfund seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise im Herbst 2019 an Wert verloren. Der Preis eines US-Dollars schwankt aktuell auf dem Schwarzmarkt zwischen 13.500 und 15.000 LBP. Der offizielle Umtauschkurs liegt bei einem Zehntel, bei 1.500 LBP. Die Banken haben den Kurs unter dem Druck des Schwarzmarkts mittlerweile auf knapp 4.000 LBP erhöht. Angesichts der fortlaufenden Hyperinflation ist das Abheben vom eigenen Konto limitiert.

Nach Angaben der Weltbank (Ende 2020) haben rund 40 Prozent der offiziell rund sechs Millionen Einwohner (einschließlich der Flüchtlinge) infolge von Wirtschafts- und Finanzkrise sowie des fast acht Monate währenden Coronalockdowns ihre Arbeit verloren. Besonders schwer betroffen von Arbeitslosigkeit sind die rund 1,5 Millionen syrischen Flüchtlinge, die allerdings weiterhin finanzielle Unterstützung und Sachleistungen durch UN- oder internationale Hilfsorganisationen erhalten. Unter den offiziell 180.000 palästinensischen Flüchtlingen im Libanon haben UN-Untersuchungen zufolge 80 Prozent ihre Arbeit verloren. Alle anderen, die noch Arbeit haben oder Pensionen beziehen, müssen durch die hohe Inflation deutliche Einbrüche in ihren Bezügen hinnehmen.

Die Auslandsreserven der Libanesischen Zentralbank haben sich innerhalb eines Jahres halbiert. Lagen sie im Februar 2020 noch bei rund 30 Milliarden, wurden sie im März 2021 mit offiziell 17,5 Milliarden US-Dollar angegeben. Nach einem Bericht der Amerikanischen Universität von Beirut (Dezember 2020) haben libanesische Regierungen seit 1992 rund 40 Milliarden US-Dollar für die Stromversorgung des Landes ausgegeben, und doch werden nur etwa 60 Prozent des allgemeinen Strombedarfs gedeckt. Das Geld wurde nicht eingesetzt, um Elektrizitätswerke und das Stromnetz des Landes zu modernisieren und auszubauen, sondern verschwand in teuren Verträgen mit verschiedenen Anbietern.

Das türkische Stromversorgungsschiff Orhan Bey von der türkischen Firma Karadeniz Powership, das nördlich von Saida ankert und Strom ins nationale Netz einspeiste, stellte Mitte Mai den Betrieb ein, weil Rechnungen in Millionenhöhe seit 18 Monaten nicht bezahlt worden waren. Die Bevölkerung versucht, den täglichen Mangel auszugleichen, indem sie Strom von lokalen, privaten Anbietern mit Großgeneratoren dazukauft.

Der Libanon, der weder über eine starke Landwirtschaft noch über Industrie verfügt, benötigt Devisen, um auf dem Weltmarkt Weizen und Medikamente einzukaufen, die (noch) subventioniert werden. Zwar verfügt das Land über große Gasvorkommen im Mittelmeer, nicht aber über Geld, um das Gas zu fördern und zu vermarkten. Streit gibt es zudem zwischen dem Libanon und Israel über die Abgrenzung der Vorkommen entlang der südlichen Seegrenze.

Die Schäden und wirtschaftlichen Verluste, die dem Land durch die Explosion im Hafen von Beirut Anfang August 2020 entstanden sind, werden von der Weltbank auf eine Summe zwischen 6,7 und 8,1 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die persönlichen Verluste der Bevölkerung durch Tod oder schwere Verletzungen von Angehörigen mit Langzeitfolgen sowie Traumatisierung sind finanziell nicht zu beziffern.

Die Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge wird für das Jahr 2020 auf 50.000 geschätzt, eine genaue Untersuchung liegt allerdings nicht vor. Berufsverbände schätzen, dass bis zu 20 Prozent der Ärzte das Land verlassen haben oder verlassen wollen. Etwa 400 Apotheken haben 2020 schließen müssen, 70 Prozent der Absolventen eines Pharmaziestudiums verlassen den Libanon, um Arbeit in den arabischen Golfstaaten, Lateinamerika, Europa oder Australien zu finden.

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