1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Montag, 14. Juni 2021, Nr. 135
Die junge Welt wird von 2546 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 12.06.2021, Seite 5 / Inland
Aufruf zur Selbstorganisierung

Stimme der Armen

Paritätischer Wohlfahrtsverband organisiert Aktionskongress gegen soziale Verelendung
Von Bernd Müller
Flaschensammler_in_F_69719421.jpg
Es wissen alle, es sehen alle: Geringverdiener und Mittellose brauchen ein Sprachrohr (Frankfurt am Main, 8.6.2021)

Armen Menschen eine Stimme geben – das ist das Anliegen des »Aktionskongresses gegen Armut«, den der Paritätische Wohlfahrtsverband in den vergangenen Tagen durchgeführt hat. Ihnen sollte die Möglichkeit geboten werden, sich zu vernetzen und zu planen, wie sie öffentlichen Druck erzeugen können, damit ihre Belange stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken. Am Donnerstag startete der Kongress im Onlineformat und endet am Sonnabend.

Am Freitag erklärte Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen, weshalb der Verband keinen Armuts-, sondern einen »Aktionskongress gegen Armut« durchführt. »Wir wissen langsam genug über Armut«, sagte er, »wir wissen genug, um Armut in unserer Gesellschaft abschaffen zu können.« Während die Armutsberichte der Bundesregierung mit den Jahren immer dicker wurden, gelten hierzulande 16 Prozent als arm, anders ausgedrückt: 13 Millionen Menschen.

»Wenn man es schonungslos auf den Punkt bringen will: Diese Berichte waren wirkungslos«, so Schneider. Deshalb müsse man über Aktionen sprechen, darüber, wie man Armut in Deutschland abschaffen kann. Man müsse sich bewusst machen: »Alle sozialen Errungenschaften in dieser Republik mussten in der Vergangenheit erkämpft werden.« Es sei nicht so gewesen, dass man früher die Reichen davon überzeugt hätte, es wäre gut, eine Arbeitslosen- oder eine Pflegeversicherung zu haben oder Geld für arme Menschen auszugeben. Nun stünde die Gesellschaft wieder vor Herausforderungen: Allein die Kosten, den Hartz-IV-Regelsatz auf ein annehmbares Niveau zu heben, beliefen sich auf 25 Milliarden Euro, sagte Schneider.

Einen Tag zuvor, am Donnerstag, hatte Rolf Rosenbrock, Gesundheitswissenschaftler und Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbandes, auf verschiedene Argumentationen verwiesen, mit denen die Überwindung von Ungleichheiten gerne ausgeblendet wird. Dabei werde oft behauptet, in anderen Ländern dieser Welt sei die soziale Ungleichheit deutlich größer. Das stimme zwar, so Rosenbrock, sei aber kein Grund, es hinnehmen zu sollen, dass arme Menschen selbst in Deutschland im statistischen Schnitt zehn Jahre früher sterben.

Es werde auch immer wieder darauf verwiesen, die medizinischen Fortschritte würden die Lebenserwartung weiter steigen lassen. Das sei aber eine trügerische Hoffnung, so Rosenbrock. Denn zwei Drittel der in den letzten 60 Jahren erheblich höheren Lebenserwartung verdanke man nicht der Medizin und Krankenversorgung, sondern besseren Lebensverhältnissen, der Bildung und dadurch auch einem veränderten Verhalten. Zweiklassenmedizin und Ungleichheit für Patienten im Gesundheitssystem hingegen blieben.

Die Coronakrise habe einmal mehr belegt, dass Gesundheit und Wohlstand eng miteinander verknüpft seien. Je niedriger die gesellschaftliche Stufenleiter, auf der man stehe, desto höher sei das Infektionsrisiko. Je ärmer, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines schweren oder tödlichen Verlaufs. Arme Menschen leiden mehr unter den Bedingungen des »Lockdowns« als Wohlhabende, und sie könnten ihren wirtschaftlichen Schaden weniger gut kompensieren.

Die politische Klasse in der BRD übt sich noch immer darin, das Problem sozialer Ungleichheit zu ignorieren. Auch die öffentlichen Aufreger, immer wenn der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung veröffentlicht wird, änderten daran nichts, so Rosenbrock. Den Aktionskongress brauche es ferner, um zu beraten, was man den die Ungleichheit vertuschenden Erzählungen entgegensetzen kann. Was arme Menschen täglich erleben, solle in die Öffentlichkeit getragen werden – und das könnten nur die tun, die diese Realität auch selbst kennen.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • Die Frau links hat seine Rente sicher nicht, doch Medien und Pol...
    20.11.2020

    Gegeneinander ausgespielt

    Nur eine Geschichte von Kämpfen zwischen den Altersklassen? Über die Coronakrise, Regression und die Generationenrhetorik für Sozialabbau
  • Politik fürs Fotoalbum, nicht für die Betroffenen: Ein Markenzei...
    18.03.2019

    Diese Politik macht krank

    Wer arm ist, stirbt früher. Redner auf Kongress an der TU Berlin nennen alarmierende Zahlen, wollen aber vor allem verwalten

Mehr aus: Inland