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Aus: Ausgabe vom 12.06.2021, Seite 4 / Inland
Sicherheit im Netz

»Oscar für Datenkraken«

Verein Digitalcourage vergibt Negativpreise an Überwacher
Von Matthias Monroy
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Die Datenkrake ist bereit, uns zu überwachen (Bielefeld, 12.4.2013)

Volkszählung, Lauschangriff, Vorratsdatenspeicherung, EU-Urheberrechtsreform: Getrost kann Deutschland als eines der Länder gelten, in dem Menschen für Datenschutz und Bürgerrechte auf die Straße gehen. Seit 1987 hat der Bielefelder Verein Digitalcourage dort einen festen Platz, nicht wenige Proteste und Kampagnen gehen auf die Mitbegründer Rena Tangens und padeluun zurück.

Im Jahr 2000 hat Digitalcourage mit der Vergabe der sogenannten »Big Brother Awards« begonnen. Dieser jährliche »Oscar für Datenkraken« markiert Personen, Firmen oder Organisationen, die Datenschutzvergehen, Überwachungstechnologien und entsprechende Gesetze verantworten. Im vergangenen Jahr wurde etwa Tesla für die Rundumbeobachtung seiner E-Autos mit verborgenen Kameras ausgezeichnet, ein weiterer Preis ging an eine US-amerikanisch-chinesische Firma, die mit Stirnbändern die Aufmerksamkeit von Schülern im Unterricht registriert.

Ein Preisträger mit ähnlichem Zuschnitt kommt in diesem Jahr aus Deutschland. Bei der Verleihung des Negativpreises am Freitag in Bielefeld wurde die Proctorio-GmbH aus dem bayerischen Unterföhring für ihren »vollautomatischen Prüfungsaufsichtsservice« gewürdigt. Damit werden Studierende bei den in der Coronapandemie obligatorischen Onlineprüfungen aus der Ferne überwacht. Die KI-basierte Software nutzt dazu die Webcams der Prüflinge. Diese sind gezwungen, den Chrome-Browser von Google und die Software von Proctorio auf ihren Computern zu installieren. Vermutet die eingebaute Gesichtserkennung einen Täuschungsversuch, schlägt sie beim Prüfer Alarm. Der kann außerdem jederzeit einen virtuellen »Raumscan« verlangen, um anwesende Personen festzustellen. Die Verbreitung von Covid-19 Anfang 2020 war für Proctorio »aus Marketingsicht ein absoluter Glücksfall«, sagt der Hochschullehrer Peter Wedde in seiner Laudatio.

Ein weiterer der insgesamt fünf Preise geht an die Firma Doctolib aus Berlin, die sich als Anbieter zur digitalen Vermittlung von Arztterminen ins Spiel gebracht hat. Entscheidet sich eine Arztpraxis zur Nutzung, muss sie Doctolib Zugriff auf den gesamten Patientenstammdatensatz gewähren. Die meisten Ärzte verstünden von den technischen Vorgängen wenig und vertrauten auf die Expertise von Doctolib, vermutet der Laudator Thilo Weichert, langjähriger Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein und ein Urgestein in der Digitalszene. Doctolib verspreche, Patientengeheimnis und Datenschutz zu beachten. Die Daten würden jedoch unter Missachtung der Vertraulichkeitsverpflichtung verarbeitet und für kommerzielle Marketingzwecke genutzt.

Außerdem erhält Google einen Big Brother Award für die Monopolstellung seines Chrome-Browsers, die der Konzern für ein neues Geschäftsfeld nutzt. Google identifiziert etwa für Facebook seine Nutzer, damit sie gezielte Werbung erhalten.

Die letzte fragwürdige Auszeichnung verlieh Digitalcourage schließlich an den stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Julian Nida-Rümelin. Faktenarm und dilettantisch hatte er mehrfach öffentlich behauptet, »der Datenschutz« habe die Bekämpfung von Corona erschwert und verantworte deshalb Tausende von Toten. »Nein«, hob padeluun dazu in seiner Würdigung an: »Datenschutz tötet nicht. Datenschutz ist die dünne Membran, die uns alle vor der Barbarei staatlicher und kommerzieller Übergriffigkeiten schützt«.

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