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Aus: Ausgabe vom 12.06.2021, Seite 2 / Inland
Deutsche Kolonialverbrechen

»Der Genozid wird darin nicht erwähnt«

Herero und Nama geht das Abkommen zwischen Namibia und der Bundesregierung nicht weit genug. Ein Gespräch mit Israel Kaunatjike
Interview: Gitta Düperthal
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Die Gebeine der ermordeten Nama und Herero wurden teilweise für Forschungszwecke missbraucht (Berlin, 29.8.2018)

Sie fordern anlässlich einer geplanten Kundgebung am Sonnabend in Berlin von der Bundesregierung, die Opfer des Genozids an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 anzuerkennen, das sogenannte deutsch-namibische »Versöhnungsabkommen« zu stoppen und statt dessen eine Wiedergutmachung einzuleiten, die diesen Namen auch verdient. Was kritisieren Sie am Abkommen?

Die Verhandlungen liefen in den vorangegangenen sechs Jahren grundsätzlich mit den falschen Ansprechpartnern. Die deutsche Regierung verhandelte im geheimen mit der namibischen Regierung über ein Abkommen zum Völkermord an den Herero und Nama, ohne diese selbst miteinzubeziehen. Die Mehrheit der tatsächlich von dieser Kolonialgeschichte betroffenen Völker wurde einfach übergangen. Die Bundesregierung betont, dass ihre Zahlung von 1,1 Milliarden Euro, einzig als politisch-moralische Verpflichtung zu verstehen sei. Worte wie Genozid oder Reparation sind im Dokument, das Bundesaußenminister Heiko Maas, SPD, unterschreiben soll, nicht erwähnt. Darin muss aber festgehalten werden: Es war Völkermord. Die Art, wie verhandelt wird, akzeptieren wir nicht.

Wer ist aus Ihrer Sicht verantwortlich dafür, dass ein Abkommen zustande kommen soll, ohne auf das erlittene Unrecht an den Herero und Nama substantiell einzugehen?

Die Regierung in Namibia vertritt die Interessen der südwestafrikanischen Herero und Nama nicht. Sie ist nicht legitimiert zu verhandeln, könnte allenfalls als Mediator dabei sein. Dies entspricht nicht der Deklaration der Vereinten Nationen von 2007, die Indigenen das Recht zusichert, sich selbst zu vertreten. Man hat sie einfach ignoriert, zu den Verhandlungen nur eine kleine Gruppe eingeladen, die die Mehrheit nicht repräsentiert. Nach Jahrzehnten des Leugnens und Vermeidens haben die Regierungen sich auf einen Vertragstext verständigt, der weit hinter den berechtigten Erwartungen der Betroffenen zurückbleibt. Darin schließt Deutschland die Anerkennung des Völkermords im juristischen Sinne und die Zahlung von Reparationen für die bis heute nicht entschädigten Verluste der betroffenen Gemeinschaften an Leben, Land, Freiheit, Vieh und Eigentum ausdrücklich aus.

Was ist den Herero und Nama damals widerfahren, und welche Folgen hat das noch heute für die nachfolgenden Generationen?

Von 1884 bis 1915 war Deutschland Kolonialmacht in Südwestafrika. Unter der Herrschaft des deutschen Kaisers Wilhelm kam es dort zu einem Massenmord, der als erster Genozid im 20. Jahrhundert gilt. Die Befreiungsbewegung der Herero und Nama wurde damals auf Befehl von Generalleutnant Lothar von Trotha brutal vernichtet. 80 Prozent der Angehörigen dieser Völker wurden getötet. Weitere wurden in Konzentrationslagern gefangengehalten, ihr Land wurde enteignet. Sie mussten fliehen, durften nichts besitzen. Nach mehr als 100 Jahren sind die Herero und Nama völlig verarmte Menschen und müssen in Reservaten leben. Wir fordern eine Entschuldigung. Reparationen müssen an sie gezahlt werden, nicht an die namibische Regierung. Auf dem ehemaligen Land der Herero und Nama leben heute etwa 60 bis 70 Prozent Deutsche. Es muss an sie zurückgegeben werden.

Warum weigert sich die deutsche Regierung, die Opfer und ihre Nachfahren angemessen zu entschädigen?

Die deutsche Regierung tut sich schwer, das Wort Genozid zu verwenden. Hätten wir keinen Druck ausgeübt, wäre sie weiter untätig geblieben. Deutschland hatte nach dem Zweiten Weltkrieg ähnliche Probleme mit Ländern wie Griechenland, Italien, Polen etc. Aus dem Grund will Berlin das Wort Reparation nicht erwähnen. Denn auch diese Länder fordern Entschädigungen. Es wäre also ein Präzedenzfall, dem andere nachfolgen könnten. Deshalb versucht die deutsche Regierung das zu umgehen. Die korrupte namibische Regierung hat all dem nun einfach zugestimmt.

Was werden Sie tun, um ihre Forderungen durchzusetzen?

Es gab bereits vergangene Woche eine Kundgebung in Berlin. Wir werden bundesweit in mehreren Städten demonstrieren, in den USA, und in Westafrika, wo viele Herero und Nama heute leben. Es muss neue Verhandlungen geben, und zwar mit den richtigen Ansprechpartnern.

Israel Kaunatjike ist aktiv im Bündnis »Völkermord verjährt nicht«

Kundgebung: Sonnabend, 15 Uhr, Wilhelmstraße 92, Berlin-Mitte

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